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»Manchmal dachte ich, ich schaffe das nicht«

Zu einem Leserbrief von A. Dimitrov

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert unsere Autorin Judith Burger auf einen Leserbrief zu dem im Novemberheft erschienenen Artikel »Manchmal dachte ich, ich schaffe das nicht«, in dem es um Kinderarmut geht.

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert unsere Autorin Judith Burger auf einen Leserbrief zu dem im Novemberheft erschienenen Artikel »Manchmal dachte ich, ich schaffe das nicht«, in dem es um Kinderarmut geht.


Sehr geehrte Frau Burger,

dass Sie sich des Themas »Kinderarmut« angenommen haben, empfinde ich als notwendig, da meine Familie selbst von Hartz IV lebt. Aber bei der Gleichsetzung arm – bildungsfern haben Sie doch zu sehr pauschalisiert.

Heutzutage müssen Sie davon ausgehen, dass von der Arbeitslosigkeit nicht nur die bildungsfernen Schichten betroffen sind, sondern alle. Es spielt hierbei jedoch eine nicht unwesentliche Rolle, was bei einer Elternschaft für jeden persönlich die Prämissen sind. Der eine will Ausbildung mit Kindererziehung unter einen Hut bringen, der andere (vor allem mit vielen Kindern) will sich ganz auf die Kindererziehung konzentrieren. In diesem Punkt sind sich aber alle einig: Jeder will noch genügend Zeit für seine Kinder haben, ob diese nun mit Vorlesen oder Spielen etc. verbracht wird.

Gerade hier sehe ich als Hartz IV-Empfängerin die Chance, eben meinen Kindern mehr Aufmerksamkeit widmen zu können, auch wenn Vergnügungen wie Wegfahren, Belantis usw. nur selten realisierbar sind. Dass von der Armut betroffene Kinder kein Frühstück bekommen, möchte ich in Frage stellen. Das mag ja vereinzelt der Fall sein, allgemein jedoch fühlen sich Kinder oftmals kurz nach dem Aufstehen mit dem Essen überfordert. In Ihrem Artikel lassen Sie die möglichen individuellen Befindlichkeiten der Kinder außer Acht. Kinder wissen aber selbst viel besser, was ihnen gut tut.

Des Weiteren möchte ich Sie bitten, sich über den Begriff »Unterschicht«, den Sie ja verwenden, Gedanken zu machen. Er ist traurigerweise bereits sehr geläufig in den Medien, ungeachtet dessen, dass hier unterschwellig deutsches Gedankengut von 1945 mobilisiert wird, denn logischerweise gehören zur Unterschicht Untermenschen. Solche sinnlose Stigmatisierung ist, vor allem was Kinder betrifft (eines so hübsch und klug wie das andere), in jeder Hinsicht völlig unnatürlich. Ich denke, wir sollten nicht weiterhin IQ und Mehrverdienerei im Übermaß propagieren, sondern versuchen, Freundlichkeit, Mitgefühl und Nachsicht für jede und jeden in uns und unseren Kindern zu entwickeln.

Zusammenfassend geht es also bei diesem Thema nicht nur darum, dass die Kommune sich bemüht (das tut sie) oder dass finanziell der Mutter-Job besser gewürdigt wird (das fehlt), sondern es geht auch um eine Korrektur gesellschaftlicher Wertvorstellungen.

Mit freundlichen Grüßen,
A. Dimitrov


Sehr geehrte Frau Dimitrov,

haben Sie vielen Dank für Ihren Brief – ein Austausch, gerade zu diesem Thema, kann nur gewinnbringend sein!

Aber in Ihrem ersten Satz werfen Sie mir gleich eine Pauschalisierung in der Gleichsetzung Arm = Bildungsfern vor: Und genau das habe ich auf keinen Fall gewollt!!! Gerade deshalb wählte ich eine Mutter als Beispiel, die mit wenig Einkommen ihrer Tochter trotzdem beste Erziehung und Bildung gab und gibt und die viel Zeit mit ihrem Kind verbringt – so wie das sicher viele Eltern tun, egal ob sie genug oder zu wenig Geld verdienen…

Sie schreiben: „dass Kinder oftmals kurz nach dem Aufstehen mit dem Essen überfordert sind“. Ich weiß genau, was Sie meinen, denn ich habe selber zwei Kinder. Diese Situation, sei es Trotz oder Unleidlichkeit, meine ich aber überhaupt nicht. Dass von Armut betroffene Kinder tatsächlich (oft) kein Frühstück erhalten, wissen die meisten zu berichten, die an sozialen Brennpunkten tätig sind. Tatsächlich sind viele Kinder aus armen und gleichzeitig bildungsfernen Familien in vielerlei Hinsicht in ihrer gesamten Entwicklung massiv beeinträchtigt – das habe ich mir nicht ausgedacht. Davon weiß nicht nur der von mir zitierte Wolfgang Büscher, Pressesprecher des christlichen Kinderhilfswerks Arche zu berichten. (Diese Woche lief auf Deutschlandradio Kultur ein interessanter Beitrag zu genau diesem Thema, ich habe diesen meinem Brief angefügt.)

„Wir sollten nicht weiterhin IQ und Mehrverdienerei im Übermaß propagieren, sondern versuchen, Freundlichkeit, Mitgefühl und Nachsicht für jedes und jeden in uns und unseren Kindern zu entwickeln.“ → Das kann ich nur unterschreiben. Aber alle Eltern sollten dabei ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Und Eltern mit mehr als Geldproblemen (z.B. Alkoholismus, Depression, hohes Aggressionspotenzial etc.) sollten Hilfe bekommen, damit sie es aus eigener Kraft schaffen, ihren Kindern Halt und Liebe zu geben und die Teilnahme an Bildung zu ermöglichen.

Den Begriff „Unterschicht“ benutzte ich aus einem Zitat von Wolfgang Büscher, wie aus meinem Artikel hervorgeht. Es ist kein schöner Begriff, genau genommen ist er diskriminierend. Aber wenn Sie einmal mit Menschen reden, die sich genau da hinein begeben, in diese doch real existierende „Unterschicht“, dann erschließt sich vielleicht die Herkunft dieses „ungünstigen“ Begriffs. Denn die Unterschicht ist von Kriminalität durchzogen, weil Missbrauch, körperliche Gewalt, Rassismus Dinge sind, die dort vermehrt auftreten und diese sind kriminell. Dass nun genau diese Schicht von Menschen Hartz IV bekommt, hat nichts mit anderen Menschen zu tun, die aufgrund anderer wirtschaftlicher Prozesse auf Hartz IV angewiesen sind. Will sagen, ich will niemand angreifen, weil er Hartz IV bekommt. Ich will höchstens kritisieren, dass zuwenig getan wird, um Menschen aus Problemen heraus zu helfen. Probleme, die auch gesellschaftlich bedingt sind z.B. durch Stadtteilpolitik, Schulpolitik etc.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Kraft, in diesen Zeiten zu bestehen. Vor allem ein frohes Weihnachtsfest und ein 2010 mit möglichst wenig Sorgen!

Mit herzlichen Grüßen
Judith Burger


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