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»Unangebrachte 89er-Kritik«

Zu einem Leserbrief von Tessa W.

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert Chefredakteurin Johanna Lemke auf einen Leserbrief zu dem im Oktoberheft erschienenen Artikel »Mein 9. Oktober, dein 9. Oktober, unser 9. Oktober?« und der im Novemberheft veröffentlichten Glosse »Stell dir vor, du wachst auf und der 9. Oktober scheitert an der Software«.

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert Chefredakteurin Johanna Lemke auf einen Leserbrief zu dem im Oktoberheft erschienenen Artikel »Mein 9. Oktober, dein 9. Oktober, unser 9. Oktober?« und der im Novemberheft veröffentlichten Glosse »Stell dir vor, du wachst auf und der 9. Oktober scheitert an der Software«.


Sehr geehrte Frau Euen, sehr geehrte Frau Lemke,

schon lange lese ich den Kreuzer, gern und regelmäßig. Allerdings fiel mir bereits in der Oktoberausgabe auf, dass es zum Lichtfest anlässlich des 9. Oktobers ausschließlich Kritik von Ihrer Seite hagelte. Geradezu so, als sei die Redaktion darauf eingeschworen worden, verteilte sich das Gemecker über das ganze Heft.

Und nun, einen Monat später, treten Sie in der Glosse »Stell dir vor, du wachst auf und der 9. Oktober scheitert an der Software« nochmals kräftig nach. Ich frage mich: Was soll das? Ist Ihnen das schnöde Nicht-Funktionieren einer Glocke so wichtig, dass Sie auf jeglichen Erinnerungen herumtrampeln müssen?

Ich weiß nicht, wie Sie den Herbst ’89 erlebt haben, ich jedenfalls war damals noch ein Kleinkind und habe kaum eigene Erinnerungen. Trotzdem habe ich durch viele, viele Gespräche und Erlebnisse anderer größte Hochachtung vor denjenigen gewonnen, die sich – trotz aller Unsicherheit und trotz des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens – auf den Ring gewagt und ihre Forderungen formuliert haben. Und vor denjenigen, die wahrscheinlich mehr aufs Spiel gesetzt haben, als man sich nach 20 Jahren kuscheligen Wohlfühlens im Westen überhaupt noch vorstellen kann.

Dass diejenigen und wir alle dieses Jahr etwas zu feiern haben, könnte man doch hinnehmen und sich anschließen und mal ausnahmsweise nicht das ach-so-rebellisch-alternative Stadtmagazin rauskehren. So polemische Texte wie dieser bringen keinerlei Punkte. In Leipzig ist vor 20 Jahren etwas passiert, das selbst der unsentimentalste Deutsche für epochal halten dürfte.

Sich etwas einzufühlen, statt auf alles, was nur im entferntesten Sinn die Marke »Stadt Leipzig« trägt, Gift und Galle zu speien, erwarte ich von seriösen Journalisten, die Meinungsvielfalt sonst so gern proklamieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Tessa W.


Liebe Tessa W.,

es ist nicht unsere Absicht, die Verdienste des 9. Oktobers zu schmälern – erst recht nicht die Verdienste derjenigen, die sich damals den Ereignissen ausgesetzt und sie mit nach vorn gebracht haben.

Was uns in diesem Herbst aufgestoßen ist, war der Umgang des Stadtmarketings mit den Jubiläumsfeierlichkeiten. Da wurde ein Event inszeniert, bei dem Angela Merkel bejubelt wurde, viele der Bürgerrechtler aber nicht einmal zum Festakt im Gewandhaus geladen waren. Das ist es, was uns traurig – und ja, vielleicht auch zynisch macht. Dass diese Stadt nicht mit ihrer Geschichte punktet, indem sie diejenigen feiert, die damals an der Revolution mitgewirkt haben und damit das – da haben Sie recht – epochale Ereignis würdigt. Sondern dass in einem aufgeplusterten Event alle Authentizität verloren geht.

Die Marke »Stadt Leipzig« schreibt sich leider nur zu oft das auf die Fahnen, was nach außen zwar schick aussieht, der wahren Größe dieser Stadt aber nur unzureichend gebührt. Und das als einziges Medium der Stadt auch anzumerken und zu kritisieren, verstehen wir als unsere Aufgabe in einer Stadt, in der Meinungsvielfalt oft nicht sonderlich groß geschrieben wird.

Mit herzlichen Grüßen,
Johanna Lemke, Chefredaktion


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