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»Die chinesischen Kollegen sind streng mit mir«

Der Schriftgestalter Roman Wilhelm über seine Schrift Sung New Roman, mit der er das typografische Durcheinander in mehrsprachigen chinesischen Bedienungsanleitungen beseitigen will

Mit Roman Wilhelm hat dieses Jahr kein bildender Künstler, sondern ein Schriftgestalter den Kunstpreis Ars Lipsiensis bekommen. Der 33-Jährige erhielt die von der Dresdner Bank gestiftete und mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung für die Gestaltung der Schrift Sung New Roman: Ein stilistisch an chinesische Schriftzeichen angepasster lateinischer Zeichensatz, der das Erscheinungsbild von Publikationen harmonischer machen soll, die gleichzeitig in chinesischen Schriftzeichen und lateinischen Buchstaben gesetzt sind.

Mit Roman Wilhelm hat dieses Jahr kein bildender Künstler, sondern ein Schriftgestalter den Kunstpreis Ars Lipsiensis bekommen. Der 33-Jährige erhielt die von der Dresdner Bank gestiftete und mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung für die Gestaltung der Schrift Sung New Roman: Ein stilistisch an chinesische Schriftzeichen angepasster lateinischer Zeichensatz, der das Erscheinungsbild von Publikationen harmonischer machen soll, die gleichzeitig in chinesischen Schriftzeichen und lateinischen Buchstaben gesetzt sind.

Der in Berlin lebende Wilhelm hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst als Meisterschüler von Fred Smeijers studiert. Er lernt seit 2002 Chinesisch und hat unter anderem für das Berliner Stadtmarketing chinesische Werbemittel gestaltet.

kreuzer: Chinesische Bedienungsanleitungen mit lateinischen Buchstaben sehen in aller Regel recht schräg aus. Treiben Sie diesen Druckerzeugnissen jetzt Ihre sympathische Schrulligkeit aus?

ROMAN WILHELM: Ich mag diese Schrulligkeit ja auch. Austreiben wollte ich diesen Publikationen ihre Uneinigkeit. Ich möchte, dass man beim Lesen einer zweisprachigen Bedienungsanleitung nicht mehr das Gefühl hat, da stört etwas.

kreuzer: Was genau haben Sie gemacht?

WILHELM: Ich habe eine chinesische Schrift, die Monotype Sung, analysiert und daraus einen eigenständigen lateinischen Schriftsatz entwickelt, der ästhetische Elemente der chinesischen Schrift in die lateinische übernimmt.

kreuzer: Dafür haben Sie jetzt den Ars-Lipsiensis-Preis bekommen. Normalerweise geht der an bildende Künstler. Waren Sie überrascht?

WILHELM: Zunächst bin ich unglaublich froh darüber. Schrift ist etwas sehr Immaterielles, das man erklären muss. Einen Preis dafür zu bekommen, damit habe ich nicht gerechnet. Aber an der HGB wird ja nicht so stark zwischen Kunst und Design getrennt, insofern ist es keine Überraschung.

kreuzer: Gibt es in China eine vergleichbare Tradition, was Schriftdesign und die Vielfalt von Schriften angeht?

WILHELM: In der Kalligrafie gibt es eine größere Vielfalt als bei uns, nicht aber in den Druckschriften. Bei uns kann theoretisch jeder Student an einer Kunsthochschule während eines Semesters eine komplette eigene Schrift designen. Chinesische Studenten können das nicht: Die hätten bis zu 28.000 Zeichen zu gestalten.

kreuzer: Im Namen Ihrer Schrift, Sung New Roman, klingt der Name einer der europäischen Schriften schlechthin an. Sie haben die Times »chinesifiziert«. Ein Vorbote für das chinesische Jahrhundert?

WILHELM: Mit der Times hat meine Schrift grafisch gar nichts zu tun. Der Name ist ein Wortspiel. »Sung« ist ein Verweis auf die chinesische Renaissance der Sung-Dynastie. Ansonsten ist die Bezeichnung witzig gemeint: Ich heiße Roman, und bei der Anspielung auf die Times lachen erst mal alle. Vorbote für ein chinesisches Jahrhundert ist meine Schrift nicht. Dass ich Chinesisch gewählt habe, ist Zufall. Hätte ich Indisch gelernt, hätte ich vielleicht eine Schrift für Hindi gemacht.

kreuzer: Was sagen Ihre chinesischen Kollegen zu Ihrer Schrift?

WILHELM: Sie nehmen das interessiert wahr, haben aber oft mit lateinischen Schriften weniger Erfahrung. Wenn ich dagegen mal chinesische Zeichen gestalte, gibts sofort ein Feedback. Dann sind die Kollegen sehr streng mit mir, und ich bekomme schnell eine Abreibung.

http://www.roman946.de
Kunst | aus dem kreuzer-Heft 12.09

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