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Literatur mit großem L

Der US-amerikanische Autor Olen Steinhauer schreibt Spionageromane, freut sich auf eine Begegnung mit George Clooney und weilt derzeit als Picador-Gastprofessor in Leipzig

Der Spionageroman hat sich als flexibles Genre erwiesen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erschienen in Großbritannien Geschichten, die von einer schematisierten Freund-Feind-Logik lebten, und letztlich hat auch der James-Bond-Erfinder Ian Fleming nichts anderes getan, als eine Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Dass es möglich ist, die Agententhriller vielschichtiger zu gestalten, ist ebenfalls immer wieder unter Beweis gestellt worden, von Graham Greene beispielsweise oder von John le Carré. Und auch von Olen Steinhauer.

Der Spionageroman hat sich als flexibles Genre erwiesen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erschienen in Großbritannien Geschichten, die von einer schematisierten Freund-Feind-Logik lebten, und letztlich hat auch der James-Bond-Erfinder Ian Fleming nichts anderes getan, als eine Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Dass es möglich ist, die Agententhriller vielschichtiger zu gestalten, ist ebenfalls immer wieder unter Beweis gestellt worden, von Graham Greene beispielsweise oder von John le Carré. Und auch von Olen Steinhauer.

Der US-amerikanische Autor hat im aktuellen Semester die Picador-Gastprofessur am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig inne, die zusammen mit dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst und der Holtzbrinck Verlagsgruppe gegründet wurde. Mit der Professur soll den Studierenden der Austausch mit angloamerikanischen Autoren ermöglicht werden.

Steinhauer weiß, dass seine Romane nicht von allen als »richtige« Literatur bezeichnet werden, als »Literatur mit großem L«, wie er es nennt. Dabei hat er selbst seine ersten Schritte in Richtung Schriftsteller mit dieser Art von Literatur getan. Verkauft haben sich diese Bücher allerdings nicht: »Ich dachte, wenn man Literatur schreiben will, muss man Regeln brechen. Alles, was ich tat, war also, Regeln zu brechen. Nach vielen Jahren des Misserfolgs dachte ich: Warum nicht mal den Regeln folgen? Ein Kriminalroman hat eine bestimmte Struktur. Und innerhalb dieser Struktur habe ich dann begonnen, Literatur zu kreieren. So entstand auch das erste Buch, das ich veröffentlicht habe.«

Aus diesem Buch, »The Bridge of Sighs«, wurde eine fünfteilige Reihe, die – ausgehend von einem fiktiven osteuropäischen Land, aus Sicht der »anderen« Seite sozusagen – signifikante Ereignisse des Kalten Krieges thematisiert. In seinem sechsten Roman »Der Tourist«, der im Januar auf Deutsch erscheint, ist der Kalte Krieg vorbei. Dies ist jedoch kein Grund, das Agententhema zu verlassen: Die internationale Lage bietet immer noch genug Stoff, etwa den Terrorismus.

Die Protagonisten der Geheimdienste kommen viel herum – ebenso wie Steinhauer, der schon an den verschiedensten Orten gelebt hat, nicht nur innerhalb der USA. 1989, während seiner College-Zeit, ging er zum Auslandsstudium nach Zagreb. Danach lebte er in Tschechien, Italien und Rumänien, seit einigen Jahren ist Budapest sein Wohnsitz. Diese Erfahrungen haben sein Werk natürlich beeinflusst: Die Frage, wie er schreiben würde, wenn er die USA nicht verlassen hätte, beantwortet er mit der Vermutung: »Meine Romane wären nicht so international, die Charaktere würden nicht so viel reisen.«

Durch das Leben fernab der USA hat sich auch sein Bild von Amerika verändert: Mittlerweile wundert er sich dort über vieles, was ihm früher ganz natürlich vorkam. Nächstes Jahr möchte er mit seiner Frau, einer gebürtigen Serbin, und seiner zweijährigen Tochter wieder in die USA ziehen. Ein Projekt mit Experimentalcharakter: »Ich bin gespannt, wie sich dann meine Haltung zu meiner Kultur neu justiert.« Momentan fühle es sich für ihn seltsam an, in die USA einzureisen. Die Rückkehr nach Ungarn dagegen sei selbstverständlich.

Ist also Budapest seine Heimat? Das ist schon allein deshalb unmöglich, weil Steinhauer kein Ungarisch spricht. So wird über die Sprache eine Barriere aufgebaut, die ihn letztlich davon abhält, ein wirklicher Teil der ungarischen Kultur zu werden. Es drängt sich die Parallele des Agenten auf, der in der Welt zu Hause und doch nirgendwo verwurzelt ist. Heimatlosigkeit ist ein Gefühl, das Steinhauer gut kennt. Seit der Geburt seiner Tochter ist »Heimat« dort, wo seine Familie ist, dort, wo er lebt und alltägliche Dinge verrichtet. »Das klingt natürlich wie ein Klischee«, gibt Steinhauer lächelnd zu. »Aber in jedem Klischee steckt doch auch ein wahrer Kern.«

Als Gastprofessor hat er die Aufgabe, zwei Seminare zu leiten. Aus dem Agentenschriftsteller ist also ein Autor geworden, der Literatur lehrt. Das erste Seminar ist ein Kurs für kreatives Schreiben: Die Studenten und er verfassen gemeinsam einen Roman. Im zweiten Seminar werden Spionageromane von Eric Ambler bis Alan Furst behandelt. Das ist anstrengender, als Steinhauer es sich zunächst vorgestellt hat. Eigentlich wollte er während seiner Zeit in Leipzig sein nächstes Buchprojekt verfolgen. »Aber die Vorbereitung der Seminare braucht zu viel Zeit.« Im Februar ist die Gastprofessur beendet. Dann kann Steinhauer sich an die Fortsetzung vom »Tourist« setzen und sich auf dessen Verfilmung mit George Clooney freuen – ein berühmter Name, der Steinhauer schon jetzt gesteigerte Aufmerksamkeit eingebracht hat. Und natürlich auch seinen bereits erschienenen Spionageromanen, in denen er auf literarische Weise Genreregeln missachtet.

Olen Steinhauer: Der Tourist. Roman. Aus dem Englischen von Friedrich Mader. München: Heyne 2010. 544 S., 19,95 €
Achtung Terminänderung: Olen Steinhauer liest aus seinen Romanen am 27.1. um 20 Uhr in der Black Box der GfZK
Literatur | aus dem kreuzer-Heft 01.10

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