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»Aber irgendwie war´s schon HipHop«

Der Leipziger Produzent DJ Opossum über die DDR, seine Gemeinsamkeiten mit Grandmaster Flash und darüber, was er Joachim Fuchsberger verdankt.

Das Haus Steinstraße hat unter dem Titel »Soundtrack zur Freiheit« ein ungewöhnliches Projekt zur DDR-Geschichte aufgelegt. Statt in Geschichtsbüchern zu lesen, können Jugendliche Zeitzeugen treffen und sich von denen erzählen lassen, wie es war, in der DDR Teil einer Subkultur zu sein. Neben Conny Remath, die auch das Buch »Haare auf Krawall« schrieb, ist auch DJ Opossum mit von der Partie. Grund genug, sich mit an einen Tisch zu setzen und über alte Zeiten zu reden.

Das Haus Steinstraße hat unter dem Titel »Soundtrack zur Freiheit« ein ungewöhnliches Projekt zur DDR-Geschichte aufgelegt. Statt in Geschichtsbüchern zu lesen, können Jugendliche Zeitzeugen treffen und sich von denen erzählen lassen, wie es war, in der DDR Teil einer Subkultur zu sein. Neben Conny Remath, die auch das Buch »Haare auf Krawall« schrieb, ist auch DJ Opossum mit von der Partie. Grund genug, sich mit an einen Tisch zu setzen und über alte Zeiten zu reden.

Das Projekt selbst besteht aus einem ersten Treffen am 1. Februar, einer E-Learning-Phase und einer Projektwoche vom 15.- 19. Februar. Anmeldungen sind noch bis zum 29. Januar unter 0341-30328824 oder per E-Mail soundtrack@haus-steinstrasse.de möglich.

kreuzer: Wie wirst Du denn bei solchen Projekten von den Jugendlichen wahrgenommen – noch als Musiker oder eher als Märchenonkel?

OPOSSUM: Da gibt es eine witzige Begebenheit. Einmal im Jahr bin ich in Ludwigshafen in einer Tanz-Jury. Da kam ein Junge an und fragte mich, ob ich nicht der Typ aus »Here we come« (Dokumentarfilm über HipHop in der DDR, in dem auch Opossum auftritt – Anm. der Red.) sei. Dann stellte sich heraus dass der ursprünglich aus Dessau kommt, aber jetzt in Österreich lebt. Da merkt man schon, dass das Interesse bei den Kids noch da ist. Gerade wenn man Musik als Krücke nimmt, kann man denen schön vermitteln, was damals das Lebensgefühl und der Zeitgeist waren. Welche Freiheiten hatte man? Welche nicht? Wie kann man mit wenigen Mitteln was machen? Das ist ja praktisch der Ursprung von HipHop.

kreuzer: Wie wird man in der DDR überhaupt mit HipHop infiziert?

OPOSSUM: Es gab eine Samstagabendshow mit Joachim Fuchsberger. Der hatte die New York City Breakers da. Er hatte diesen Tanz gerade erst in New York auf der Straße gesehen wollte das nach Deutschland bringen. Am Montag haben sich alle in der Schule darüber unterhalten. Und das war mein erster Kontakt zu Breakdance. Da wusste ich überhaupt noch gar nicht, was das ist. Und dann hat man gesammelt und gesucht und geguckt, was man so kriegen kann. 1985 kam dann Beatstreet (Ein von Harry Belafonte produzierter Breakdance-Film; den Trailer gibts hier) in die Kinos. Das war das »Pünktchen auf dem i«, die Anleitung schlechthin.

kreuzer: War denn auch der DDR-HipHop politisch?

OPOSSUM: Es gibt Aufnahmen, in denen zarte Kritik auf Englisch auftaucht, die aber von den meisten Leuten nicht verstanden wurde. In der Schule wurde ja Russisch unterrichtet, Englisch hab ich erst später gelernt. Das heißt, diese Aussagen waren erstmal so etwas wie Lautsprache. Das klang irgendwie cool.

kreuzer: Seid ihr zu DDR-Zeiten mit dem System in Konflikt gekommen?

OPOSSUM: Gelegentlich, ja. HipHop war eine relativ neue Bewegung, das heißt, die wussten damit erstmal überhaupt nichts anzufangen. In einer Schlüsselszene in Beatstreet werden Jugendliche in der U-Bahn verhaftet, weil sie getanzt haben. So was Ähnliches hat sich hier auch abgespielt. Man hat sich in der Stadt getroffen und getanzt, und dann kamen Zivilbullen und haben Personalien aufgenommen, dann hatte man eine Vorladung zur Polizei. Das hat uns natürlich genervt und gestört. Wir haben dann aber relativ zügig eine Einstufung bekommen und wie konnten legal und für Geld auftreten. Damit haben die uns ein bisschen gepampert, wir waren unter Aufsicht. Das haben wir damals aber nicht so gesehen. Wir fanden das toll. Wir haben in einem Ballsaal geprobt. Die Punks hatten es da schwerer.

kreuzer: Und das, obwohl diese Subkultur aus dem »imperialistischen Ausland« kam?

OPOSSUM: Wir haben Glück gehabt. Harry Belafonte war bekanntermaßen ein Freund der DDR. Der Film kam 1985 in die Kinos, da war ich 15. Die haben nicht so richtig gemerkt, was sie damit anrichten. Dass das in Amerika eine Musik der Rebellen ist, und dass die Leute auf ihre Lebensumstände hinweisen, das war denen schon klar. Die wollten uns zeigen, wie schlimm das alles ist, und wir konnten uns damit identifizieren. Das war eine Laune des Schicksals, dass das so gelaufen ist. Aber wir waren auch keine Musiker. Für die waren die Kriterien härter. Wir haben zum Teil vor irgendwelchen Parteibonzen getanzt, und dann lief im Hintergrund »Wettern gegen das Regime« – was aber von denen keiner richtig verstanden hat. Das war schon bizarr.

kreuzer: Beim Tanzen ist es ja nicht geblieben. Wie hast Du denn angefangen, Musik zu machen?

OPOSSUM: Ich hab mir dann ein Mischpult besorgt, mono, mit Batterien drin. Damit hab ich experimentiert, und auf umgebauten Ziphona-Türkis-Plattenspielern mit alten Platten erstmal Scratchen gelernt. Die konnte man so modifizieren, dass sie einigermaßen gingen. Außerdem hatte ich einen Lichtschalter als Unterbrecher. Jahre später hab ich festgestellt, dass Grandmaster Flash so was Ähnliches hatte. Das hieß bei dem Flashformer. Das waren Kipphebel. Der hat das aber genauso gemacht wie ich – obwohl ich das damals nicht gesehen hatte. Man hat versucht, irgendwie irgendwas hinzukriegen, z.B. mit der Pausentaste Sachen zu schneiden. Deshalb hab ich mir ein Tonband gekauft, das eine Fernbedienung hatte. Da konnte man die Pausentaste per Fernbedienung drücken, konnte Loops bauen und das dann wieder übers Mischpult schicken. Das wurde zwar immer rauschiger, aber irgendwie war´s schon HipHop.


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