Startseite / Archiv | Leserbriefe / »Jetzt kommt mir bloß nicht mit dem Internet«

»Jetzt kommt mir bloß nicht mit dem Internet«

Zu einem Leserbrief von Torsten Paape

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert unsere Musikredakteurin Juliane Streich auf einen Leserbrief, in dem die Qualität der allgemeine Berichterstattung über Musikkonzerte im kreuzer bemängelt wird.

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Dieses Mal reagiert unsere Musikredakteurin Juliane Streich auf einen Leserbrief, in dem die Qualität der allgemeine Berichterstattung über Musikkonzerte im kreuzer bemängelt wird.


Liebe kreuzer-MacherInnen,

leider muss ich mal Kritik an den kreuzer-Popmusikseiten los werden.

Vorab: Ich lese den kreuzer seit ich in der Stadt bin (1997) regelmäßig mit besonderem Focus auf den Musik- und Kinoseiten, welche ich auch als regelmäßiger Konzert- und Kinogänger als Ausgehinspiration benutze.

Nun ist es leider so, dass seit geraumer Zeit die Berichterstattung über Musikkonzerte, welche hier in der Stadt stattfinden meiner Meinung nach sehr stark schwächelt. Dabei haben sich bei mir zwei Kritikpunkte besonders herausgeschält:

Erstens: Seit geraumer Zeit ist mir aufgefallen, dass diverse Gigs an sich guter und innovativer, aber unbekannter Bands nur sehr wenig Publikum finden, insbesondere wenn diese nicht am Wochenende stattfinden. Die Ursachen dafür mögen u.a. im übergroßen Konzertangebot, weniger Geld in der Tasche etc., liegen.

Ich finde allerdings auch, dass der kreuzer daran eine gewisse Mitschuld trägt. Gewiss, das ist kühn behauptet, aber lasst mich das hier begründen. In den letzten beiden Ausgaben gab es große Artikel über Bela B. oder sogar zwei Seiten für Element of Crime. Nichts gegen diese Musiker, aber die haben eigentlich keine Publicity nötig, denn die kriegen die Konzertsäle auch so voll. Ich verstehe den kreuzer eben auch als Leipziger Medium, welcher sich der Kultur abseits des Mainstreams verpflichtet fühlt, denn den Mainstream bedienen die anderen Medien ja schon zur Genüge (LVZ).

Nun sollte vielleicht in der Musiksparte auch ein bisschen Solidarisierung mit kleinen und unabhängigen Veranstaltern möglich sein, nicht einfach um der Sache willen, sondern einfach nur deswegen, weil dort aufregende innovative Bands präsentiert werden, die eben einfach nicht so viele kennen. Es ließen sich viele Beispiele anführen von außergewöhnlichen Bands, die Ihr einfach ignoriert habt: Diesen Monat HIM (die auch noch das Pech haben, den gleichen Namen mit einer gruseligen finnischen Grufti-Rockband teilen zu müssen) z.B. oder früher Legendary Pink Dots, Pere Ubu, Doi (in der Nato, waren nicht mal im Index erwähnt). Nun ja, die Liste ließe sich fortsetzen. Also lieber mehrere kleine Artikel über unbekannte Bands, als zwei Seiten Element of Crime.

Zweitens: Am Musikindex ist meine Kritik noch fundamentaler, denn seitdem ein gewisser Augsburg diesen nicht mehr verfasst, ist die Qualität des Musikindex extrem gesunken, dabei ist der Index so wichtig, um sich auch mal auf Unbekanntes einzulassen, nur muss es bloß entsprechend beschrieben werden.

Derzeit ist es doch so: einer oder zwei (wenn überhaupt) Sätze, die aber oft total nichtssagend sind. Ich frage mich manchmal, ob eure Musikredakteurin sich die Promos überhaupt anhört bzw. Pressetexte liest etc. Dabei ist der Index das A und O in jedem Genre und soll doch bei der Entscheidungsfindung »Gehn wir oder gehn wir nicht« behilflich sein.

Warum ist es nicht möglich, mal ein bisschen mehr als nur ein zwei Sätze zu schreiben und dies auch noch inhaltlich konkreter, also einfach etwas mehr Information über die Bands mit rein zu packen? Dafür ist doch so ein Index da. Beispiele gefällig: ich komme noch mal zu HIM, die ich im Übrigen vor einigen Jahren schon im Conne Island gesehen habe (auch nur vor wenigen Leuten) und die aber auch jeden damals in ihren Sog gezogen haben und die qualitativ in einer Liga bspw. mit Tortoise spielen: So, was für interessante Infos entnehmen wir dem Index unter HIM: gar keine bzw. Unwichtiges. Weder ist HIM nur eine Person, sondern eine Band, mit teilweise sogar vielen Musikern und ob die in Japan Erfolg haben ist doch erstmal irrelevant für die Band an sich in Leipzig. Bei den Legendary Pink Dots stand mal im Index (das hab ich sogar noch im Kopf): »Band, welche auf selbstgebauten Instrumenten spielt«. Das ist erstens totaler Schwachsinn und zweitens sagt das ja wohl nichts über die Musik aus. Tut mir echt leid, wenn eure Musikredakteurin nicht in der Lage ist, Bands und Musik adäquat zu beschreiben, solltet Ihr euch wirklich mal nach einem/r anderen/r MusikredakteurIn umsehen.

Also ich finde, der Musikindex ist wirklich die Schwachstelle des kreuzers. Jetzt kommt mir bloß nicht mit dem Internet, na dann brauch ich auch dieses Magazin nicht mehr zu kaufen.

So das war mein kritisches Statement zu euren Musikseiten.

Ich hoffe und wünsche eine Rückmeldung, vor allem aber hoffe ich, dass sich die Qualität der Musikseiten in naher Zukunft verbessert und das verstärkt ein Augenmerk auf die kleinen Perlen gelegt wird, die hier in Leipzig aufspielen.

Mit freundlichen Grüßen
Torsten Paape.


Lieber Torsten Paape,

vielen Dank für den Leserbrief. Auch ich bin oft enttäuscht, dass »diverse Gigs an sich guter und innovativer, aber unbekannter Bands nur sehr wenig Publikum finden«. Inwiefern der kreuzer darauf Einfluss hat, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, da manch groß angekündigtes Konzert leer blieb, manche nur kurz erwähnte Veranstaltung hingegen knüppeldickevoll war. Oder umgekehrt.

Und doch versuche ich, so viele gute und auch kleine Konzerte wie möglich ins Heft zu bringen, um Menschen auf sie aufmerksam zu machen, im aktuellen Heft u.a. Epic 45, Garda, Rumen Welco, The Gentle Lurch. Leider – oder auch zum Glück – ist der kreuzer aber kein Fanzine, das einzig und allein für Musik-ist-mein-Lebensinhalt-Menschen schreibt. Nun brauchen Bela B. und Sven Regener sicher keine Unterstützung von uns, um das Haus Auensee vollzukriegen. Das allein ist aber auch nicht unsere Aufgabe. Wir wollen darüber hinaus auch lesenswerte Artikel bringen.

Und wenn eine gute Band oder ein das Leben von vielen Lesern begleiteter Musiker so erfolgreich ist, dass auch andere Medien über ihn berichten, sollte der kreuzer sie nun nicht plötzlich ignorieren, besonders wenn sie interessante Dinge zu sagen haben. Abgesehen davon lesen einige ein entsprechendes Interview vielleicht lieber im kreuzer als in der LVZ, so wie ich auch lieber ein Interview mit Tocotronic in der Spex lese als in der Welt.

Dass Ihnen auffällt, dass in den letzten Heften wohl etwas viel über große und längst bekannte Bands geschrieben wurde, freut mich, da ich sonst eher zu hören kriege, ich solle nicht immer nur über Bands schreiben, die keiner kennt. Leider (oder auch zu Ihrer Freude) höre ich mit dem nächsten Heft als Musikredakteurin auf, aber ich werde das so weiter geben, dass weiterhin auf viele kleine gute Bands geachtet werden soll.

Zum Musikindex: Gerne würde ich zu jeder Band eine ausführliche Biografie und musikwissenschaftliche Einordnung des kreativen Schaffens bringen, das lassen aber leider sowohl Platz als auch Zeit nicht zu. Und nachdem ich mir tatsächlich jede Band anhöre, versuche ich deren musikalisches Schaffen kurz und prägnant festzuhalten. Dass das an der ein oder andereren Stelle vielleicht etwas »verfehlt« klang, tut mir leid. Das mit den Pink Dots ist tatsächlich »totaler Schwachsinn« (würde allerdings schon etwas über die Musik aussagen), dafür entschuldige ich mich jetzt, drei Jahre später, gern. Und auch HIM hätte, obwohl immerhin als Tipp gekennzeichnet, mehr verdient.

Ich hoffe, sie haben an dem Index in diesem Heft mehr Freude, und vor allem hoffe ich, dass Sie weiterhin jeden Monat auf haufenweise gute Konzerte gehen, die viel und begeistertes Publikum verdient haben.

Mit besten Grüßen
Juliane Streich
Musikredaktion


Redakteure antworten

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.