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Geburt von Klappmaul, Riesenpuppe und Gliedermann

Sie sind die Stars des Figurentheaters. Wie aber kommen sie auf die Welt? Ein Besuch beim Puppenbauer

Heinrich von Kleist pries in »Über das Marionettentheater« die Möglichkeiten des Figurenspiels: Die Darstellung menschlicher Geschicke mit totem Material sei ein Arbeiten auf hohem Abstraktionslevel, wodurch die allzu menschlichen Konflikte oft besonders deutlich würden. Dafür spricht auch die gestalterische Bandbreite, tote Körper und Objekte zu beseelen, wenn man denn erst mal ein bespielbares Ding, eine Puppe hat. Es muss ja nicht immer Objekttheater sein.

Heinrich von Kleist pries in »Über das Marionettentheater« die Möglichkeiten des Figurenspiels: Die Darstellung menschlicher Geschicke mit totem Material sei ein Arbeiten auf hohem Abstraktionslevel, wodurch die allzu menschlichen Konflikte oft besonders deutlich würden. Dafür spricht auch die gestalterische Bandbreite, tote Körper und Objekte zu beseelen, wenn man denn erst mal ein bespielbares Ding, eine Puppe hat. Es muss ja nicht immer Objekttheater sein.

»Drama, Baby« – es reichen schon einfache Mittel, um aus unscheinbarem Material einen Puppentheaterstar zu formen, wie man bei Alexej erfährt. Der Maler, Grafiker und Figurenspieler, der im Februar einen Puppenbau-Workshop leitet, gibt einen kleinen Vorgeschmack und demonstriert die Grundprinzipien der Figurenkonstruktion. Sein Schnelldurchlauf von der Fingerhutpuppe bis zur Marionette beginnt mit einem gelben Würfel, den er sich auf den Finger stülpt. »Wenn man jetzt an dem Klotz noch einen Stift als Nase anbringt, hat man bereits alles, was man für eine Puppe braucht. Sergej Obraszow hat oft mit so einer einfachen Figur gearbeitet.« Dieser russische Puppenspieler wurde im DDR-Fernsehen z. B. mit der Handpuppenspiel-Nummer »Der Trinker« bekannt.

Mit dem Klotzkopf kann das Spiel eigentlich schon beginnen, wie Alexej zeigt. Die Hand fungiert als Körper und weil das gelbe Kerlchen ganz nackt ist, bekommt es einen Stoffbeutel als Kleid. Nun will die Hand dem Spieler nicht mehr gehorchen und führt ein seltsames Eigenleben – also soll der Trotzkopf einen Körper für sich bekommen. An einen hölzernen Torso werden flugs Arme und Beine mit Klappgelenken befestigt und fertig ist eine recht komplexe Gliederpuppe, die Alexej mit beiden Händen lebendig werden lässt. Ein bisschen erinnert er nun an den Schnitzer Geppetto, der mit Pinocchio im Clinch um eine Flunkerei ist. Die Puppe lässt sich aber genauso mit Stäben oder Fäden führen.

Alexejs Modell ist eher anatomisch denn fantastisch. Eine Seele hat es nicht. Es veranschaulicht aber jenes Basiswissen, auf dem die Teilnehmer des dreitägigen Workshops kreativ aufbauen und eigene Figurencharakter entwickeln können. Ob sie dabei aus Lindenholz einen filigranen Körper schnitzen, aus Schaumstoff eine Klappmaulpuppe oder mit Baumwolle eine Humanette, eine Riesenpuppe, herstellen, liegt allein in ihrer Hand. Solange die Figur spielbar ist, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Erkennbar werde das spätestens im großen Finale, meint der Puppenbauer, wenn die Geschöpfe in wilder Improvisation aufeinander losgelassen werden. »Dabei ist es immer spannend herauszufinden, ob die Figuren überhaupt in die gleiche Welt gehören.«

Weitere Bilder vom Besuch beim Puppenbauer finden Sie unter: http://www.kreuzer-leipzig.de/fotogalerien/75
8.-10.2., 10-18 Uhr, Grafikdruckwerkstatt des Werk II, 60 € inkl. aller Materialien und Verpflegung, Anmeldung unter 3 08 01 48
Theater | aus dem kreuzer-Heft 02.10

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