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Intuitive Präzision

Der Berliner Elektronik-Dub-Pionier Moritz von Oswald spielt mit seinem Trio im Centraltheater

2009 rückte Techno wieder einmal besonders in den Fokus, feierte das Genre doch relativ offiziös sein 20-jähriges Bestehen. Die Rückblicke und Werkschauen bekannter Szene-Protagonisten boten Nostalgie und Ehrfurcht zugleich. Und dass Techno längst nicht tot ist, wie es nach dem Ende der Love Parade-Ära immer wieder herausposaunt wurde, zeigte nicht zuletzt das viel diskutierte Buch »Lost and Sound« vom heutigen Spiegel-Kulturredakteur Tobias Rapp, das eloquent die Berliner Techno-Szene der Nuller-Jahre dokumentiert.

2009 rückte Techno wieder einmal besonders in den Fokus, feierte das Genre doch relativ offiziös sein 20-jähriges Bestehen. Die Rückblicke und Werkschauen bekannter Szene-Protagonisten boten Nostalgie und Ehrfurcht zugleich. Und dass Techno längst nicht tot ist, wie es nach dem Ende der Love Parade-Ära immer wieder herausposaunt wurde, zeigte nicht zuletzt das viel diskutierte Buch »Lost and Sound« vom heutigen Spiegel-Kulturredakteur Tobias Rapp, das eloquent die Berliner Techno-Szene der Nuller-Jahre dokumentiert.

Techno hat sich einerseits in seine Nischen zurückgezogen und klanglich enorm ausdifferenziert, andererseits ist es durchaus in den Feuilletons angekommen. Und zwar als eigenständig gewachsenes Genre, vielfältig vernetzt in der gesamten Popmusik. An diesem Erwachsenwerden war unter anderem auch Moritz von Oswald beteiligt. Im klassisch geschnittenen Strickpulli, mit fein zur Seite gekämmten Haaren erfüllt der studierte Schlagzeuger schon rein äußerlich nicht das erwartbare Bild einer Techno-Koryphäe. Doch Techno ist einfach in die Jahre gekommen, von Oswald geht auf die 50 zu, kürzlich hat ihn ein Schlaganfall ausgebremst.

Wenn man es genau nimmt, so hat Techno im klassischen Sinne für von Oswald nur wenige Jahre eine Rolle gespielt, bis etwa 1994. In dieser ersten Phase übertrug er zusammen mit dem Gründer des Berliner Plattenladens Mark Ernestus unter den Pseudonymen Maurizio und Basic Channel die rohe Energie von Techno auf die organischen Klangmodulationen des Dub. Heute gelten jene Stücke als Beginn des Subgenres Dub-Techno, das in den letzten Jahren eine Renaissance erlebte. Später tauchten die beiden als Rhythm & Sound immer tiefer in die Dub-Wurzeln ein und arbeiteten mit jamaikanischen Sängern zusammen. Dass Techno mit seinen offenen Strukturen, der konsequenten Reduktion und dem ausdauernd Repetitiven nicht weit vom Dub entfernt ist, lässt sich heute schnell nachvollziehen. Vor über 15 Jahren musste sich diese Schnittstelle beinahe außerirdisch anfühlen. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass lange nicht bekannt war, wer wirklich hinter Basic Channel & Co steckte – eine klare, für die Techno-Anfänge typische, Abkehr vom Pop-Star-Kult der Achtziger.

Mittlerweile wurde der Mythos entschärft und Moritz von Oswald gilt als wichtiger Impulsgeber und Botschafter für einen weiten Techno- und Dub-Begriff. Doch obwohl er weiterhin bemüht ist, sich jeder Glorifizierung seiner Person zu entziehen, kann er sie nicht verhindern – zu versiert, erwachsen und charmant zurückhaltend wirkt er, und sein musikalisches Erbe lässt sich einfach nicht kleinreden. Einen neuerlichen Ikonen-Schub löste Moritz von Oswald innerhalb der vergangenen anderthalb Jahre aus. Im Herbst 2008 veröffentlichte der Hochkultur-Major und Klassik-Verwalter Deutsche Grammophon die dritte Ausgabe seiner »Recomposed«-Reihe – ein Experimentierfeld für die Symbiose von klassischer und elektronischer Musik. Moritz von Oswald bearbeitete zusammen mit dem Detroit Techno-Pionier Carl Craig die Klassik-Evergreens »Bolero« von Maurice Ravel sowie Modest Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung«. Die beiden gruben sich tief in die einzelnen Spuren der markanten Originale hinein, um sich auf wenige – eher nebensächliche – Elemente zu konzentrieren. Heraus kam ein gewagtes Skelett – hypnotisch und dicht mäandernd, in seiner Gesamtheit eher eine Neukomposition als ein Remix.

Sowohl für den Klassik- als auch den Techno-Kontext war dies ein radikales Ergebnis. Und schon auf den »Recomposed«-Stücken deutete sich jene dramaturgische Offenheit an, die Moritz von Oswald in seinem nach ihm benannten Trio noch konsequenter auslebt. Anfang und Ende werden aufgehoben, gängige Pop-Song- und Techno-Track-Konventionen verschwinden gänzlich und werden ersetzt durch einen mehr oder weniger improvisierten Fluss an Sounds und Rhythmen. Obwohl diese Form geradezu prädestiniert für ein reines Live-Projekt ist, wurden im letzten Sommer vier solcher Patterns auf dem Album »Vertical Ascent« festgehalten. Und selbst in dieser konservierten Offenheit kommt der Spannungsbogen zwischen Intuition und Präzision hervor, der als essenziell für Moritz von Oswalds Musik gesehen werden kann.

Zwar ist der Name des Trios klar auf seine Person fokussiert, dennoch bleibt der Protagonist in gewohnter Manier nur ein Teil des Ganzen, neben den kaum weniger renommierten Musikern Max Loderbauer und Vladislav Delay. Die Live-Intensität lässt sich im Februar bei einem ihrer wenigen Deutschland-Auftritte im großen Saal des Centraltheaters erleben. Jens Wollweber

19.2., Centraltheater, Moritz von Oswald Trio, Pantha du Prince, Lawrence
Pantha du Prince: http://www.myspace.com/panthaduprince
Lawrence: http://www.myspace.com/lawrencesten
Musik | aus dem kreuzer-Heft 02.10

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