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»Hier erfüllt sich für mich das Wunder Kino«

Regisseur Benjamin Heisenberg über seinen neuen Film »Der Räuber«, die Naturgewalt seiner Hauptfigur und das ungewöhnliche Kinoerlebnis durch die »Berliner Schule«

Auf der Berlinale hat er mit seinem Film großes Aufsehen erregt. »Der Räuber« erzählt die Geschichte des Marathonläufers und Bankräubers Johann Kastenberger, der im Wien der 1980er Jahre als »Pumpgun-Ronnie« berühmt wurde. Als Johann Rettenberger hat der Autor Martin Prinz dieses menschliche Phänomen literarisiert. Mit seiner Verfilmung legt Benjamin Heisenberg (»Der Schläfer«) nun einen »Räuber« vor, der einem wahrlich den Atem raubt.

Auf der Berlinale hat er mit seinem Film großes Aufsehen erregt. »Der Räuber« erzählt die Geschichte des Marathonläufers und Bankräubers Johann Kastenberger, der im Wien der 1980er Jahre als »Pumpgun-Ronnie« berühmt wurde. Als Johann Rettenberger hat der Autor Martin Prinz dieses menschliche Phänomen literarisiert. Mit seiner Verfilmung legt Benjamin Heisenberg (»Der Schläfer«) nun einen »Räuber« vor, der einem wahrlich den Atem raubt.

kreuzer online: Was hat Sie an dem Fall Kastenberger/Rettenberger so interessiert?

BENJAMIN HEISENBERG: Rettenberger ist für mich ein Phänomen. Mich interessiert an dieser Figur nicht das Psychologische, sondern das Tierische, die ihm innewohnende Kraft, die ihn antreibt. Der Raub ist nur der nächste Level nach dem Laufen. Das Geld spielt für ihn keine Rolle – das liegt bloß in einer Tüte unter seinem Bett und wird von ihm gar nicht richtig genutzt. Je mehr Rettenberger an seine Leistungsgrenze kommt, desto mehr hat er das Gefühl, mit sich eins zu sein. Da spürt er sich überhaupt erst richtig. Das ist seine Natur. Aber dies steht eben im Konflikt mit seiner anderen Seite, den Wünschen für sein Leben, der Sehnsucht nach Beziehungen. Es ist gewissermaßen eine moderne Variation des Jekyll-and-Hyde-Themas.

kreuzer online: Sie hätten der Figur noch viel mehr psychologische, historische, gesellschaftskritische oder moralische Tiefe geben können. Warum halten Sie sich stattdessen dezent zurück?

Andreas Lust als Marathonläufer Johann Rettenberger …

HEISENBERG: Einerseits ist diese Figur von einer Naturgewalt beherrscht, die sich psychologisch überhaupt nicht erklären lässt. Die ist einfach da. Die war bei ihm wahrscheinlich schon als Kind da. Andererseits gibt es zwar Bereiche dieser Figur, die psychologisch funktionieren, und die ich auch andeute, aber nur insoweit wie es diese kleine Zeitspanne erlaubt. Ich behandle den Zuschauer wie einen unsichtbaren Zeugen, der die Figur so kennenlernt wie er es auch im realen Leben tun würde. Die psychologischen Einblicke, die uns viele Filme mitgeben, sind ja häufig sehr toll und berührend, führen aber auch oftmals zu allzu einfachen psychologischen Schlussfolgerungen. Stattdessen finde ich es viel interessanter, eine Vielzahl von Motiven für diesen Charakter anzudeuten, die alle irgendwie plausibel sind. So bewegt sich die Figur Rettenberger in einer Art Motivationsraum. Durch die genaue Beobachtung wird man als Zuschauer in einem stetigen Sog immer weiter involviert und identifiziert sich am Ende ähnlich stark mit der Figur wie in anderen Filmen, die eher psychologisch funktionieren.

kreuzer online: Der Fall Kastenberger wäre auch ein hervorragender Stoff für einen klassischen Actionfilm gewesen. Stattdessen ist »Der Räuber« vielmehr ein Produkt der »Berliner Schule«, jener losen Gruppe von Regisseurinnen und Regisseuren, deren Filme sich in manchem sehr ähneln: alltagsorientierte, minimalistisch erzählte Geschichten, entwurzelte Menschen in irgendwelchen Durchgangsorten … Was reizt Sie an dieser Art des Filmemachens?

HEISENBERG: In »Der Räuber« sind die Menschen unglaublich viel in Bewegung. Insofern ist er in einigen Teilen durchaus ein Actionfilm mit klassischen Actionkinosequenzen. Die Bewegung ist aber eher beobachtend. Und genau das interessiert mich: die genaue Beobachtung von Vorgängen und Verhalten. Wie bei einem guten Tierfilm baut man eine Bindung zu einem Wesen auf, ohne dass einem alles vorgekaut wird. Viel mehr als in psychologisierenden Filmen erfüllt sich für mich hier die Möglichkeit des Wunders Kino, die ja zunächst einmal schlicht mit der Betrachtung eines bewegten Bildes beginnt.

kreuzer online: Inwieweit würden Sie Ihren Film überhaupt der »Berliner Schule« zuordnen?

HEISENBERG: Ich glaube, dass mein Film schon noch sehr anders ist, weil es eher um physische Energie geht. Aber natürlich zeigt sich auch eine Verwandtschaft, zum Beispiel durch mich als Regisseur oder durch die Art der Kameraführung. Die Ähnlichkeit liegt auch darin, dass es in der »Berliner Schule« ja eher um die Feinmotorik menschlicher Beziehungen und weniger um die ganz großen Dramen geht wie wir es zum Beispiel aus dem Hollywoodkino kennen. Die Filme handeln von sehr einfachen, realistisch gesehenen Personen, die Situationen durchleben, bei denen wir ganz genau zusehen und dann selbst interpretieren müssen. Da wird nicht durch Musik, Kameraführung, Licht oder die Erzählung interpretatorisch alles vorgegeben, sondern wir sind gezwungen, uns dazu selbst zu verhalten. Das bringt eine ganz andere Form der Kinoerfahrung mit sich.

kreuzer online: Stört Sie die laute Kritik an der »Berliner Schule«? Den Filmen wird ja vorgeworfen, dass sie recht spröde und wenig zugänglich sind, außerdem würde in den Geschichten viel zu wenig passieren und dieses Wenige auch noch mit großer Bedeutung aufgeladen.

… und als Bankräuber – ein moderner Jekyll und Hyde

HEISENBERG: Ich finde es gut, dass Kritik geübt wird. Natürlich kann ich verstehen, dass manche Zuschauer Vorbehalte haben, sich so einen Film anzugucken, weil die Sehgewohnheiten, mit denen wir leben, eben sehr stark sind. Ich glaube aber, dass diese Vorbehalte unbegründet sind, weil man am Ende mit sehr viel aus diesen Filmen rausgeht und man etwas sehr Schönes und Berührendes erlebt hat. Die Trockenheit, die den Filmen der »Berliner Schule« vorgeworfen wird, halte ich für ein Vorurteil. Stattdessen geht es mir eher bei vielen kommerzielleren Filmen so, dass sie in der Nachwirkung sehr flach sind und sofort verpuffen. Zugleich denke ich, dass es grundsätzlich falsch ist, zwischen den verschiedenen Formen des Kinos Gräben zu ziehen. Das ist ja, wie wenn man in der Malerei sagen würde, dass wir nur noch große Schinken haben wollen und kleine Zeichnungen nerven. Sie sind einfach anders. Erst wenn man die unterschiedlichen Ausdrucksformen akzeptiert, fängt es doch an, interessant zu werden, weil man erst dann vergleichen kann: Was gibt mir dieser Film von Cameron und was gibt mir dieser Film von Griesebach? Was für unterschiedliche Emotionen lösen die in mir aus? Und was erzählen sie mir aus ihrer Zeit?

kreuzer online: Sie sind Mitherausgeber der halbjährlich erscheinenden Filmzeitschrift Revolver. Wie sehr beeinflusst das Ihre Arbeit als Filmemacher?

HEISENBERG: Ganz praktisch gesehen ist durch die Herausgabe von Revolver überhaupt erst der Kontakt zum Fernsehen entstanden. Burkhard Althoff vom »Kleinen Fernsehspiel« des ZDF kam nach der Lektüre von Revolver plötzlich auf uns zu und wollte wissen, was wir so machen. Das war 1998. Dadurch ist am Ende »Milchwald« entstanden (Regie: Christoph Hochhäusler, Koautor: Benjamin Heisenberg, Anm. J.S.). Viel wichtiger aber ist, dass mich die Informationen aus den Interviews wie etwa mit Lars von Trier oder Jean-Claude Carrière ständig begleiten. Wenn ich zum Beispiel am Schreiben eines Drehbuchs bin, kommt mir häufig ein Satz von Carrière in den Sinn, der sich beim Schreiben immer wieder fragt: Wie würden Laurel und Hardy das jetzt machen? Das sind zwar Kleinigkeiten, aber bei der Arbeit bringen sie einem eine Menge. Insofern begleitet mich das Heft stetig.

kreuzer online: Eine Frage zum Abschluss lässt sich einfach nicht verkneifen: Wie stark ist Benjamin Heisenberg von seinem Großvater, dem Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg beeinflusst?

HEISENBERG: (lacht) Ich habe viel über ihn gehört, werde oft nach ihm gefragt und finde die Theorie der Unschärferelation – soweit ich sie verstanden habe – sehr interessant. Vielleicht wäre ich unter anderen Umständen auch Wissenschaftler geworden. Ob er mich aber beeinflusst hat, das können andere besser beurteilen. Interview: Jörn Seidel

4.-17.3., Kinobar Prager Frühling, 18.-31.3., LURU-Kino in der Spinnerei
Ein Artikel über den Film »Der Räuber« und die »Berliner Schule« fndet sich im März-kreuzer auf Seite 32
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