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Weißt du noch, damals?

Fehlfarben, Tocotronic und Mediengruppe Telekommander stehen für die Weiterentwicklung des Punks seit den Achtzigern

Sie zeigen, wie deutsche Bands mit den musikalischen Trends ihrer Zeiten umgingen, sie hantieren in völliger Selbstverständlichkeit mit deutschen Texten und deren Aussagekraft. Und sie sind Beispiele dafür, wie Untergrundbewegungen vom Mainstream geschluckt wurden: New Wave in den Achtzigern, Indie in den Neunzigern, elektronische Musik in den Nullern. Fehlfarben, Tocotronic und Mediengruppe Telekommander haben viele Gemeinsamkeiten.

Sie zeigen, wie deutsche Bands mit den musikalischen Trends ihrer Zeiten umgingen, sie hantieren in völliger Selbstverständlichkeit mit deutschen Texten und deren Aussagekraft. Und sie sind Beispiele dafür, wie Untergrundbewegungen vom Mainstream geschluckt wurden: New Wave in den Achtzigern, Indie in den Neunzigern, elektronische Musik in den Nullern. Fehlfarben, Tocotronic und Mediengruppe Telekommander haben viele Gemeinsamkeiten.

Es gibt jedoch eine, die besondere Bedeutung für diese Bands hat: Es ist ihr Umgang mit Punk. Alle drei kommen aus dem Punk und alle drei machen in einer weitergeführten Form Punk. Dabei ist es gar nicht die musikalische Form des klassischen Punks, um die es hier geht. Da müssten wohl eher Namen fallen wie Wizo, Slime oder Die Ärzte. Klassischer Punkrock ist heute ein festes Genre der Popmusik und die Begeisterung für diese Musikrichtung scheint nicht abzureißen.

Das war bei den hier behandelten Bands zuerst anders. Als Fehlfarben, als Nachfolger der Punkband Mittagspause, ihre Karriere starteten, wendete sich die Szene angewidert ab – zu kommerziell war die Band mit ihrem Ansatz, Punk in Richtung Pop weiterzuentwickeln. Und das auch noch bei einer großen Plattenfirma. Nur war es Fehlfarben egal, was Punk von ihnen hielt. Sie waren erfolgreich, gewannen erheblichen Einfluss auf den Mainstream der frühen Achtziger und taten ganz nebenbei sehr viel für den Punkrock, indem sie ihn nicht Punkrock sein ließen, sondern musikalisch mehr daraus machten. So wurde gerade die Verweigerung des Punks zum punkigen Markenzeichen der Band.

Intime Männereleganz: Tocotronic

Ähnlich war es auch bei Tocotronic, die 1993 im Hamburger Untergrund begannen. Rohes und schnelles Gitarrenspiel zeichnete die Band bei den ersten Auftritten aus – all das war so nah am Punk, man mag es heute kaum glauben. 1999 erschien dann ihr Album »K.O.O.K.« und war ganz anders als alles Bisherige. Punk wurde seitdem immer mehr zu einer Idee, als dass es noch ein Musikstil sein konnte. Punk war die überlässige Attitüde, der bewusst schräge Gesang, die an Lustlosigkeit grenzende Art, Gitarrenriffs runterzuspielen. Wieder wendete sich manch alter Fan ab, und doch war diese Weiterentwicklung nicht nur nötig für eine innovative Band wie Tocotronic, sondern führte auch zu kommerziellem Erfolg.

Die Attitüde des Punkrocks ist das, was sowohl bei Fehlfarben als auch bei Tocotronic trotz aller Abwendung vom musikalischen Punkrock geblieben ist. Diese Attitüde ist unübersehbar bei der Mediengruppe Telekommander. Sie äußert sich in allem, was diese Band macht: in der gesellschaftskritischen Haltung der beiden Bandmitglieder. In den Texten, die Parolen sind und Protest. Bei den Konzerten, die Verwüstung sind und Exzess. Und sogar wieder in der Musik, die nichts anderes ist als Punk auf Elektro. Natürlich macht auch die Mediengruppe Telekommander Musik, bei der sich Anhänger des klassischen Punkrocks im Grabe umdrehen würden. Andererseits bringen sie die Bewegung des Punks damit nach vorne. Wie jede Bewegung brauchte auch der Punk Innovation, um zu bestehen. Das äußerte sich in einer Vielzahl verschiedener Ansätze. Dazu gehörten Diskopunk, Indie-Rock und natürlich New Wave.

Es gibt heute kaum etwas in der großen weiten Welt des Pop – egal ob Mode, Literatur oder eben Musik –, das nicht irgendwie vom Punk beeinflusst ist. Kaum eine andere Jugendbewegung kann es in Bezug auf Nachhaltigkeit mit ihm aufnehmen. Deshalb dürfte sich der Diskurs über den Punkansatz, beispielsweise bei Tocotronic, noch über Jahre aufrechterhalten lassen.

Wilde Parolenkerle: Mediengruppe Telekommander

Egal, was nun von den drei Bands im Einzelnen zu halten ist, sie zeigen uns, wie eine Idee – die Idee des Punks – über Jahrzehnte hinweg aktuell bleiben kann. Und dies kann durchaus in völlig unterschiedlichen Musikstilen enden und ganz verschiedene Menschen ansprechen. So sagen diese Bands auch etwas über die vielen Menschen, die sie einst hörten und noch immer hören. Die, die sich der sich zunehmend breitmachenden Bürgerlichkeit der Achtziger verweigerten, oder die, die die Eindimensionalität und Flachheit des frühen Punks weiterführen wollten, mehr Diversifikation suchten, auch mehr Intellekt. Die Wohlstandsjugend der Neunziger, die eine ironisch-intelligente Antwort auf die großen Fragen suchte und gern auch in Parolen ihre Geschichten erzählt bekommt. So trafen Fehlfarben und Tocotronic letztlich oft den Ton der mehr oder weniger subkulturell geprägten Massen. Und sie bleiben bis heute bedeutend für die Popkultur dieses Landes.

Diesen Status konnte die Mediengruppe – bisher – noch nicht erlangen. Ob ihnen das noch gelingt, ist fraglich. Vielleicht bewahren sie sich dagegen etwas, das ursprünglich eine Grundvoraussetzung des Punks war: die Zugehörigkeit zum Underground.

Tocotronic , 2.4., Conne Island
Fehlfarben, 8.4., Werk II
Mediengruppe Telekommander, 21.4., Centraltheater
Musik | aus dem kreuzer-Heft 04.10

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