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Das Schweigen der Lämmer

Peter Konwitschny inszeniert an der Oper Leipzig C. W. Glucks »Alkestis«

Konwitschny ist stets, wenn im Zuschauerraum das Licht angeht, mitten in der Vorstellung, damit der Zuschauer nicht mit der Musik wegdämmert und begreift: »Es geht um euch, ihr Zuschauer.« Diese in vielen Inszenierungen überflüssige Marotte ist so etwas wie die Signatur eines Mannes geworden, der das Musiktheater revolutioniert hat. Von Halle aus, wo er zu DDR-Zeiten mit einer Serie von Barockinszenierungen für Furore sorgte. Jetzt arbeitet Konwitschny an seiner ersten Leipziger Neuinszenierung, die im April zur Premiere kommt.

Konwitschny ist stets, wenn im Zuschauerraum das Licht angeht, mitten in der Vorstellung, damit der Zuschauer nicht mit der Musik wegdämmert und begreift: »Es geht um euch, ihr Zuschauer.« Diese in vielen Inszenierungen überflüssige Marotte ist so etwas wie die Signatur eines Mannes geworden, der das Musiktheater revolutioniert hat. Von Halle aus, wo er zu DDR-Zeiten mit einer Serie von Barockinszenierungen für Furore sorgte. Jetzt arbeitet Konwitschny an seiner ersten Leipziger Neuinszenierung, die im April zur Premiere kommt.

Christoph Willibald Glucks »Alkestis«, in einer Mischung aus Pariser und Wiener Fassung, soll am Beginn einer Serie von insgesamt vier Opern des großen Reformators stehen. In weitgehend italienischer Sprache und mit deutsch gesungenem Finale. Dass es seit seinem Antritt als Chefregisseur vor zwei Jahren in Leipzig nur Übernahmen anderer Produktionen gegeben hat, sieht Konwitschny nicht als kritikwürdig an: »Ich bereite mich in der Regel drei Jahre lang auf eine Neuinszenierung vor. Es ging einfach nicht früher.«

Im Probenraum steht ein Opferstein, mit Blumen und Früchten belegt, hier fordern die Götter auch Admetos, den König. Alternativ solle sich ein anderer opfern, und Alkestis, die Gattin des Herrschers, willigt in ihren Opfertod ein. Ein Plot wie geschaffen für den 1945 in Frankfurt am Main geborenen Regisseur. Denn Frauen als gedemütigte, missbrauchte, selbstlose Opfer, sie machen nicht nur den Kanon der Opernliteratur aus, sie sind auch das zentrale Thema Peter Konwitschnys. Und die Frauen schwärmen für ihn. Zehn Hospitantinnen wirken an der Vorbereitung der Produktion mit, helfen beim Anlegen der Szenerie, vertreten den gerade anderweitig eingebundenen Chor. Ein einziger Mann ist auch dabei – und bekommt die Rolle eines Toten zugewiesen. Dazwischen die Solisten, denen Konwitschny Freiraum lässt; solange ihre Ideen in sein Konzept passen, werden sie angenommen.

Es gab nicht wenig Spott, als Konwitschny ankündigte, der Gluck-Zyklus solle einen Wagner-»Ring« ersetzen, auf den viele in Leipzig gewartet hatten. Tatsächlich aber sieht der Chefregisseur in »Alkestis« eine Art Vor­abend, eine »Rheingold«-Variante. »Wir werden Frauen in immer zugespitzteren Situationen erleben, die zunehmende Entfremdung von Mann und Frau in der abendländischen Zivilisation. In ›Alkestis‹ geht es noch um Opferung aus Liebe und politischer Einsicht«, erläutert Konwitschny. Ein Staatswesen ist hier noch im Entstehen, der Stamm bildet sich gerade zum Staat um. Auch die Kostüme werden dem Rechnung tragen, sind eher archaisch angelegt. Später werden aus Opfern Täter (»Iphigenie«), »Armida« soll 2013 für die »Götterdämmerung« stehen. Eine »Ring«-Idee, die Konwitschny schon 20 Jahre mit sich trägt. Dresden, Hamburg, München und Wien meldeten für das Projekt Interesse an, dann wechselten die Intendanten. Wenn es tatsächlich zur Realisierung kommen sollte, würde der Gluck wieder aufs Eis verschoben.

Glucks »Alkestis«, ein Werk voll hinreißender Dramatik, großartiger Chorsätze, ohne die totlaufenden Dacapo-Arien seiner Vorgänger, bringt während der Proben auch Belustigendes in den Saal. Mitte März, am Beginn der Probenphase, möchte Konwitschny ein Lamm opfern lassen und lässt ein lebendes Exemplar in sein Musiktheater bringen. Noch weiß keiner, ob es gelingt, dieses Getier bühnentauglich zu dressieren. Dabei könnte es die für Lämmer lebensgefährliche Zeit vor Ostern in einem sicheren Theater verbringen. Und in »Alkestis« soll es, kommt es denn zur Opferung, gegen ein Stofftier getauscht werden. Da ist der noch immer von vielen als Theaterrebell angefeindete Mann plötzlich konservativ. Regisseure wie Calixto Bieito würden das echte Tier heutzutage schlachten lassen, auf offener Bühne.

Zum Wagnerjahr 2013, wenn dieser ungewöhnliche Barock-Ring geschmiedet ist, wird es aller Voraussicht nach keinen Wagner-»Ring« geben. Geplant war, dessen Teile bis dahin konzertant aufzuführen (»Rheingold« am 24. April) und das Gewandhausorchester so auf ein eingekauftes Gastspiel vorzubereiten. »So wie es im Moment aussieht, fehlt dafür aber das Geld«, wiegelt Konwitschny ab.

Sein auf sechs Jahre geschlossener Vertrag wird mit der Vollendung des Gluck-Projektes auslaufen. Wie immer es mit ihm in Leipzig weitergeht, an angebotenen Arbeiten mangelt es nicht: »Japan will eine Opernregieschule gründen, und man hat mich angefragt, ob ich die dortige Leitung übernehmen würde.« Er kann auch dies nebenbei erledigen.

Premiere: 17.4., 19 Uhr, Oper Leipzig
Theater | aus dem kreuzer-Heft 04.10

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