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Trance im Trockenschwimmen

Carsten Nicolais Installation »Rota« stiftet im Bildermuseum produktive Verwirrung und lässt manchen Besucher aus den Latschen kippen

Wenn uns die Wahrnehmung manchmal Streiche spielt, warum sie nicht einmal selbst manipulieren? Eine solche Überlegung mag der Traummaschine zugrunde liegen, die der Maler und Autor Brion Gysin in den 1950ern erfand. Sein rotierender Apparat setzte stimulierende Lichtsequenzen frei. Eine Arbeit von Carsten Nicolai, die derzeit im Bildermuseum zu sehen ist, knüpft nun direkt an Gysin an: »Rota« ist ein einziges Spiel mit der Wahrnehmung. Mit ihr setzt sich der gebürtige Karl-Marx-Städter Künstler, der in Chemnitz und Berlin lebt, immer wieder auseinander.

Wenn uns die Wahrnehmung manchmal Streiche spielt, warum sie nicht einmal selbst manipulieren? Eine solche Überlegung mag der Traummaschine zugrunde liegen, die der Maler und Autor Brion Gysin in den 1950ern erfand. Sein rotierender Apparat setzte stimulierende Lichtsequenzen frei. Eine Arbeit von Carsten Nicolai, die derzeit im Bildermuseum zu sehen ist, knüpft nun direkt an Gysin an: »Rota« ist ein einziges Spiel mit der Wahrnehmung. Mit ihr setzt sich der gebürtige Karl-Marx-Städter Künstler, der in Chemnitz und Berlin lebt, immer wieder auseinander.

Häufig verknüpft Nicolai optische und akustische Effekte zu synästhetischen Phänomenen und untersucht ihren Einfluss auf die menschliche Perzeption. Auch »Rota«, eine Schenkung der Kunstsammler Dieter und Si Rosenkranz und im Rosenkranz-Kubus zu sehen, ist ein solches Experiment, in dem sich Kunst und Wissenschaft einander nähern. Wie der Warnhinweis an modernen Geisterbahnen liest sich das Schild an dieser Pforte der Wahrnehmung: Die Besucher werden darauf hingewiesen, dass im Kunstwerk integriertes Stroboskoplicht epileptische Anfälle auslösen kann. Die Installation besteht aus einem Edelstahlzylinder, auf dessen Fläche komplexe geometrische Aussparungen klaffen. Einmal in Bewegung versetzt und von innen gleißend angestrahlt, lässt der Zylinder mit bewegtem Licht den Raum durchfluten.

Im Zickzack scheint das Licht über den Zylinder selbst zu zucken – laut Beschreibung in einer Frequenz von 6,5 Hertz, die nämlich soll Meditation und Kreativität befördern. Tatsächlich entfaltet »Rota« eine eigenwillige Sogwirkung auf den Betrachter. Tonabnehmer – sie reagieren mittels Fotosensor auf das rotierende Licht und das Metall – erzeugen seltsame Klickgeräusche, welche die Lichteffekte unterstreichen. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Floating-Tank, nur dass hier Trance im Trockenschwimmen möglich wird. Ob aufgrund neuronaler Stimulanz oder Erwartungshaltung beim Museumsbesuch: Die Installation veranlasst den Besucher, in sich hineinzuhören und zu ergründen, wie er die eigene Wahrnehmung wahrnimmt.

Die Warnung am Eingang ist kein Thrillfaktor, wie vom Museumspersonal zu erfahren ist. Eine extra abgestellte Person betreut den Raum, für den Fall, dass jemand umkippt oder sich desorientierte Besucher nicht mehr vom Sitz erheben können. Beides soll schon vorgekommen sein.

Rosenkranz Kubus VIII, Carsten Nicolai: »Rota«, bis 2.5., Museum der bildenden Künste Leipzig
Kunst | aus dem kreuzer-Heft 04.10

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