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Sinnfragen und die Forderung nach einer verzauberten Welt

Regisseur Dieter Krokauer im Interview mit kreuzer online

Dieter Krokauer ist Regisseur und Gründungsmitglied der Gruppe unitedOFFproductions. Im Mai ist diese mit ihrer neuen Produktion »Lockruf der Wildnis« zu Gast in der Schaubühne Lindenfels. Mit kreuzer-online sprach er über das (Nicht-)Arbeiten am Stadttheater, utopische und konkrete Freiräume sowie das kritische Potenzial von Campingplätzen.

Dieter Krokauer ist Regisseur und Gründungsmitglied der Gruppe unitedOFFproductions. Im Mai ist diese mit ihrer neuen Produktion »Lockruf der Wildnis« zu Gast in der Schaubühne Lindenfels. Mit kreuzer-online sprach er über das (Nicht-)Arbeiten am Stadttheater, utopische und konkrete Freiräume sowie das kritische Potenzial von Campingplätzen.

kreuzer online: Die Gruppe unitedOFFproductions besteht seit 1999. Sie waren zuvor Mitbegründer einer freien Künstlergruppe sowie des LOT-Theaters in Braunschweig. Auch die anderen Mitglieder haben überwiegend in der freien Szene gearbeitet. War die Arbeit an einem Stadt- oder Staatstheater nie eine Option für Sie oder ihre Kollegen?

DIETER KROKAUER: Einige der Schauspieler und Kollegen, die seit Jahren mit unitedOFFproductions arbeiten, haben durchaus ab und zu in Stadttheaterstrukturen gearbeitet. Für mich persönlich war die Arbeit am Stadttheater bislang tatsächlich kein Thema. Was sicherlich auch daran liegt, dass mein Arbeitsprozess eher weniger mit einem solchen kompatibel ist. Ich arbeite mit den Schauspielern meist sehr lang und intensiv in Improvisationen und Szenenentwicklungen. Alle sind gefordert, sich möglichst uneitel mit den eigenen Gedanken und emotionalen Hintergründen einzubringen. Die Schauspieler sind nicht nur Interpreten eines »geliehenen« Materials, sondern sozusagen Co-Autoren des Stückes. Außerdem ist der Raum, den ich den Schauspielern am Anfang eines neuen Projektes zur Verfügung stelle, ein sehr offener und weiter, der dem Einzelnen ein hohes Maß an Freiheit offeriert, gleichzeitig aber auch Eigenverantwortlichkeit fordert. Es kann passieren, dass einen der Arbeitsprozess immens aufsaugt, da man ja auch stark mit der eigenen Person involviert ist. Viele kommen damit nicht zurecht.

kreuzer online: Pro Jahr entwickeln sie gemeinsam eine Theaterproduktion, der in einigen Fällen Hörspiele und Performances folgen. Reduzieren Sie sich auf ein Stück im Jahr, um genug Abstand in der Gruppe zu erhalten oder liegt diese Entscheidung wesentlich in der Organisationsarbeit begründet?

KROKAUER: Der lange Entwicklungsweg, den wir im Rahmen einer Theaterproduktion gehen, erfordert tatsächlich immer wieder Abstand, sowohl voneinander als auch mentalen Abstand. Es ist gut und notwendig, immer wieder in die jeweiligen Leben zurückzugehen, um den Kopf frei zu kriegen für neue Themen, um neue Archive anzulegen, aber auch einfach, um Geld zu verdienen mit den jeweiligen zweiten und dritten Standbeinen, die sich jeder im Lauf der Jahre geschaffen hat. Außerdem spielen wir die Theaterproduktionen mittlerweile ca. 20-30 Mal, das sind jährlich mindestens 10 Wochenenden in verschiedenen Städten. Und auch die anderen Formate wie Hörspiel oder Performance, sind natürlich immer auch mit viel zeitlichem und (infra-)strukturellem Aufwand verbunden. Die Organisation erfolgreicher künstlerischer Produktion im freien Theaterbereich ist grundsätzlich ein Fulltime-Job. Du hast immer zu tun. Und wenn du grade künstlerisch nicht produzierst, dann schreibst du Projektanträge, organisierst Aufführungen, suchst wieder mal einen neuen Proberaum, verschickst Werbematerial, telefonierst irgendwelchen wichtigen Leuten hinterher, aktualisierst die Website, schneidest die Video-Doku der letzten Produktion, triffst dich mit Geldgebern, machst Buchhaltung, Steuererklärung etc. Langeweile kommt während des Jahres kaum auf. Ich habe das Glück, mir die Arbeit mit Mirca Preißler, mit der ich die Gruppe seit Beginn leite, effizient teilen zu können. Allein wäre das nicht zu schaffen.

kreuzer online: In Ihren Arbeiten verwenden Sie keine fertigen Textvorlagen, Grundlage der Stückentwicklungen ist immer die Recherche. Sind fertige Texte thematisch zu eingleisig, zu weit entfernt von den Veränderungen der Zeit? Sehen Sie die Aufführung von (klassischen) Sprechtheaterinszenierungen als Aufgabe der Stadt- und Staatstheater?

KROKAUER: Ich denke, es gibt eine Menge zeitgenössischer Theaterliteratur, die sehr wach und präzise auf aktuelle gesellschaftliche Themen zugreift. Dennoch sehe ich für mich keinen Grund, diese Stücke oder auch klassische Stücke zu inszenieren. Noch dazu machen das ja, wie Sie zu Recht sagen, die Stadt- und Staatstheater permanent, und zum Teil hervorragend. Warum sollte ich mich an diese künstlerische Praxis dranhängen. Ich finde das für mich nicht reizvoll. Was mich vielmehr interessiert, ist, immer wieder zu fragen, welche Themen für mich als Künstler und Mensch eine Relevanz haben, wo sich eine Berührung herstellen lässt zwischen Entwicklungen, die in dieser Welt stattfinden und meinem Leben, um dann im nächsten Schritt eine Arbeitsstruktur, einen Ort zu schaffen, an dem Vertrauen herrscht und Offenheit und wo ich gemeinsam mit den Schauspielern und der Dramaturgin auf Augenhöhe, frei von Zensur diese Berührungspunkte ausloten kann. So entwickeln wir unsere jeweils ganz spezifischen Widersprüche, Fragestellungen und Haltungen, unsere eigene Art (darüber) zu sprechen, unsere eigenen Texte. Die Frage ist immer: Was ist das Thema? Und dann: Was hat das Thema mit uns zu tun? Was ist unsere Motivation, damit zu arbeiten?

kreuzer online: Gibt es einen Grundbegriff, mit dem alle Produktionen thematisch verbunden sind?

KROKAUER: Wir beschäftigen uns in unseren Produktionen meist mit Menschen in ökonomisch und seelisch prekären Lebenssituationen. Wir fragen, wie sie zurechtkommen in einer Welt, die zunehmend von Globalisierung und totaler Kommerzialisierung geprägt ist. Uns interessiert, wie die Menschen jenseits der Arbeit und die Arbeit jenseits der Arbeitsgesellschaft aussehen. Sinn ist natürlich auch ein wichtiger Begriff: Welchen Sinn macht die Arbeit, die wir verrichten, aber auch immer wieder die Frage nach dem Lebenssinn, die Forderung nach einer verzauberten Welt. Aber in der Essenz geht es – glaube ich – immer um Menschen, die ihr Leben als prekäre, im Sinne von unsichere, ungeschützte, ungewisse Konstruktion erfahren.

kreuzer online: Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass alle Arbeiten »Resultate gemeinsamer künstlerischer Diskussion und Improvisation« sind. An welchen Punkten in der Arbeit ist klar, dass Sie als künstlerischer Leiter und Regisseur Entscheidungen fällen müssen?

KROKAUER: Ich fange an, Entscheidungen zu treffen, wenn die ca. einmonatige Improvisationsphase zu Ende ist. Ich stelle eine Auswahl der Texte zusammen, die im Verlauf dieses Monats von den Schauspielern improvisiert und von mir aufgenommen wurden, und tippe sie gemeinsam mit den Kollegen raus. Dann fange ich an, die Texte zu bearbeiten und die Textmontage zu erstellen, mit der ich etwa einen Monat später in die szenischen Proben gehe. Während dieser Phase bleiben wir als Team natürlich im Gespräch, tauschen Meinungen und Argumente aus, aber je weiter der Inszenierungsprozess fortschreitet, desto mehr folgt das Team den Entscheidungen, die ich oft gemeinsam mit der Dramaturgin treffe. Ab einem gewissen Punkt ist es einfach am besten und konsequentesten, wenn das Material nur noch durch einen Kopf geht. Zumindest trifft das auf unsere Arbeitspraxis zu.

kreuzer online: In der neuen Produktion »Lockruf der Wildnis« lassen sich drei Männer, die den Existenzkampf und die Selbstvermarktung in der Großstadt satt haben, auf einem einsamen Campingplatz nieder. Handelt es sich um eine Flucht oder bietet das Leben abseits der Großstädte andere Lebensformen und Freiräume?

KROKAUER: In der Produktion dreht sich thematisch alles um diejenigen Regionen und Gegenden in Deutschland, die besonders dramatisch unter Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung zu leiden haben. Gegenden und Orte, die immer mehr aussterben, weil es keine Arbeit und somit keine Zukunft gibt, wo die Jungen alle weggehen, wo ganze Straßenzüge leer stehen, Häuser in sich zusammenfallen, weil es keinen gibt, der in ihnen leben möchte … Gegenden, die zunehmend aus den ökonomischen Verwertungszyklen herausfallen und überflüssig werden. Das ist sozusagen der düstere, deprimierende, hoffnungslos scheinende Blick auf das Thema. Interessant ist jedoch, dass einige dieser Gegenden komplett aus dem Fokus geraten sind, d.h. es interessiert sich momentan keiner wirklich für sie, die Wirtschaft nicht, und auch der Politik fällt außer Wachstumsbeschleunigungsgesetz und Ähnlichem wenig ein. Oft herrscht pure Ratlosigkeit. Das was einmal war, ist nicht mehr, und das, was an Zukunft und zukünftiger Bestimmung für diese Gegenden kommen soll, ist noch nicht in Planung. Und genau in dieser Zwischensituation schlummert in gewisser Weise ein Versprechen. Das Versprechen eines »freien Raumes«, in dem neue Modelle und Ideen gesellschaftlichen Zusammenlebens diskutiert und ausprobiert werden könnten. Die Tiere, die in einigen dieser Gegenden zurückkehren, wie Wölfe und Bären, haben bereits ihre Chancen erkannt. Und auch die drei Männer in unserer Produktion werden von diesem Versprechen angelockt. Alle drei haben das Gefühl, dass es »so, wie es läuft, nicht weiterlaufen kann«.

Es geht also eher um diese Metapher des »Neulands« in unserem Stück, um die Suche nach diesen Zonen mit utopischem Potential als um ein diffus-romantisch motiviertes Raus-aus-der-Stadt-rein-in-die-Natur. Es geht mehr darum, mit Lust und Hingabe Phantasien zu entwickeln, die einem helfen, sich aus eingefahrenen Denkmodellen und Systemstandards zu lösen. Es geht um neues Denken, aus dem ein neues Handeln entstehen kann.

»Lockruf der Wildnis«, 27.-29.5., 20.30, Schaubühne Lindenfels
Theater

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