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Theaterkritik mit Kopf und Bauch

Jörg van der Horst, Leiter der Presseabteilung am Schauspiel Leipzig, zur Theaterkritik in digitalen Zeiten

Jörg van der Horst leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Schauspiel Leipzig. Anlässlich des dritten Geburtstags des Online-Feuilletons nachtkritik.de befragt kreuzer online den Kommunikationswissenschaftler zur Theaterkritik in digitalen Zeiten, die krampflösende Wirkung der neuen Veröffentlichungsgeschwindigkeit und die Debattenkultur in Gästeblogs.

Jörg van der Horst leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Schauspiel Leipzig. Anlässlich des dritten Geburtstags des Online-Feuilletons nachtkritik.de befragt kreuzer online den Kommunikationswissenschaftler zur Theaterkritik in digitalen Zeiten, die krampflösende Wirkung der neuen Veröffentlichungsgeschwindigkeit und die Debattenkultur in Gästeblogs.

kreuzer online: Hat sich Ihrer Wahrnehmung nach die Rolle der Theaterkritik aufgrund neuerer medialer Verbreitungswege verändert?

JÖRG VAN DER HORST: Neue Anbieter im Onlinebereich haben die Kritik im Guten wie im Schlechten verändert. Im Guten, weil die Zunahme an Kulturangeboten im Netz einen viel disparateren Eindruck von Theater oder einzelnen Inszenierungen zulässt. Die Kritik in ihrer Relevanz pendelt sich so auf ein gesunderes Maß ein. Im Schlechten, weil sie die ohnehin schon schwache Position des klassischen Feuilletons weiter schwächen. Überregionale Rezensionen im Printbereich sind heute nicht einmal mehr den metropolen Häusern sicher. Rezensionen als solche schaffen Aufmerksamkeit, eine breitere Palette dank Internet ist also von Vorteil. Andererseits möchte ich eine Zeitungskritik wie beispielsweise die der LVZ über unsere aktuelle Premiere »Oscar« nur ungern missen.

kreuzer online: Wie geht man mit der Geschwindigkeit um, mit der heute die Kritik – mag sie wohlwollend oder negativ sein – an die Öffentlichkeit tritt?

VAN DER HORST: Ich mag die Geschwindigkeit, mit der nachtkritik.de circa zwölf Stunden nach Premierenende aus der Hüfte schießt. Die Kritiken haben deshalb nicht weniger Kopf, aber sie haben mehr Bauch. Diese Art produktiver Überforderung kommt dem Empfinden des Zuschauers näher. Wichtiger als die Geschwindigkeit sind aber Heterogenität und Parallelität der Berichterstattung. Da steht die gehypte Premiere in Berlin erst einmal nicht über der zeitgleichen Premiere in Heidelberg. Den Heiligen Gral der ultimativen Rezension zwei Tage nach Premiere gibt es so nicht mehr. Alles in allem hat das etwas absolut Krampflösendes.

kreuzer online: Auf nachtkritik.de wird nicht nur sehr zeitnah eine Kritik veröffentlicht, sondern die Seite bündelt auch andere Kritiken. Ist die Seite ein wichtiger Player oder eben einer unter vielen, der das Printangebot ergänzt und vielleicht die Möglichkeit des Diskurses über Theater einfach erweitert?

VAN DER HORST: nachtkritik.de hat eine Vorreiterrolle, wenn es darum geht, das Internet für Theater, Theaterkritik und Zuschauerkommentare zu erschließen. Es schafft Aufmerksamkeit für Häuser, die qua ihrer Lage an der medialen Peripherie einen Standortnachteil haben, ungeachtet der Qualität ihrer Programme. Über die Qualität der nachtkritik.de-Foren kann man sicher streiten, die kommen oft noch nicht über das Niveau eines digitalen Stammtisches hinaus. Was in der Kneipe der Alkoholpegel, ist in den Foren die Anonymität, hinter die sich jeder zurückziehen kann, der polemisieren, beleidigen oder nur einen schlechten Witz loswerden will. Was das Potential des Diskurses angeht, ist also bestimmt noch Luft nach oben. Wenn aber die tradierten Plattformen, die Feuilletons, vor allem der bundesweiten Tageszeitungen, der Theaterkritik immer weniger Platz einräumen, dann steht schon die Frage im Raum, ob die Webkritik der Printkritik langfristig nicht den Rang abläuft. In ihrer Unmittelbarkeit sind sich ausgerechnet Theater und Web ja durchaus ähnlich.

kreuzer online: Auf nachtkritik.de kommt es zuweilen zu heftigen Debatten im Forum, gerade wenn es um Centraltheater- und Skala-Inszenierungen geht. Können Sie sich diese Heftigkeit und Quantität erklären? Nun kann man nur spekulieren, wer dort schreibt, aber es drängt sich der Eindruck auf, dass hier nicht nur das Publikum diskutiert. Was meinen Sie?

VAN DER HORST: Das ist ganz sicher so und geht so weit, dass sich vereinzelt Autoren, Regisseure oder Schauspieler verschiedenster Provenienz und Prominenz als Forenteilnehmer zu erkennen gegeben haben. Warum auch nicht? Gerade dann hätte ein solches Forum seinen Zweck erfüllt, wenn Macher und Publikum in konkreten Austausch träten. Dem aber stehen Anonymität und raumgreifende Spekulationen darüber, wer denn da jetzt tatsächlich schreibt, nach wie vor im Weg. Dass es allseits Gesprächsbedarf gibt, zeigen auch die enorme Resonanz auf die Zuschauerkonferenzen am Centraltheater, auf Stückeinführungen und Publikumsgespräche rund um unsere Inszenierungen. Sie haben den hohen Wert des persönlichen Kontakts – und auch der persönlichen Haftbarkeit.

kreuzer online: Welche Rolle spielen Blogs für die Theaterkritik Ihrer Meinung nach?

VAN DER HORST: Blogs sind immer noch eher Insidernischen im ohnehin nischenreichen Web. Interessant ist die Ich-Perspektive, aus der viele Blogger schreiben. Davon kann herkömmliche Theaterkritik, die sich bisweilen im Absolutheitsanspruch übt, noch lernen. In der US-Filmkritik zum Beispiel ist es nicht unüblich, dass selbst profilierteste Autoren in der ersten Person rezensieren, also kenntlich machen, dass sie eine reine Einzelbetrachtung abgeben. Als Ausweitung der Diskussionszone sind Blogs allemal interessant, wenn auch in punkto Qualität und Reichweite deutlich ausbaufähig.

kreuzer online: Die hohen Wellen in Ihrem Forum scheinen sich etwas geglättet zu haben. Zwischenzeitlich schien es, als ob dort hermetisch abgeschlossene hermeneutische Zirkel tagten. Bleiben Sie erst einmal bei der derzeitigen Policy oder wird doch noch eine Registrierung fürs Kommentareschreiben kommen?

VAN DER HORST: Gästebücher auf Theaterseiten sind weiter keine Selbstverständlichkeit. Der Umgang mit Negativkritik, die Kulturangebote zwangsläufig hervorrufen, stellt Anbieter vor größere Probleme. Lässt man sie zu, steht man an einem Pranger, den man selbst aufgestellt hat. Unterhält man Gästebücher, in denen nur gelobhudelt wird, macht sich der Hauch von Manipulation breit. Wir halten unser Gästebuch offen für jeden Kommentar, der sich auf das Haus und seine Arbeiten bezieht. Eine Registrierung braucht es nicht, allerdings filtern wir Pöbeleien oder korrumpierende Einträge aus. Deren Anteil ist aber verschwindend gering. Spürbar ist vielmehr der Wunsch, sich über Theater auszutauschen und sich auch darüber zu streiten. Neben dem Gästebuch wollen wir zur nächsten Spielzeit etwas Neues probieren und dem Besucher unserer Aufführungen anbieten, auf der Website seine eigene Rezension zu schreiben.


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