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Narziss im Rinnstein

Das 19. Wave-Gotik-Treffen ist Geschichte. Was aber ist »die Szene«?

Der Typ da links im Publikum hat tatsächlich Mehl auf den Schultern. Als wäre es hier drin nicht schon staubig genug. Seine Lederjacke ist so zerklüftet wie sein Gesicht. Auf dem verwaschenen T-Shirt steht »No tears for the creatures of the night«. Wie festgenagelt steht er auf dem bebenden Parkett des Felsenkellers, der letzte Mohikaner in einem Meer aus hüpfendem Plüsch und blitzenden Fotoapparaten.

Der Typ da links im Publikum hat tatsächlich Mehl auf den Schultern. Als wäre es hier drin nicht schon staubig genug. Seine Lederjacke ist so zerklüftet wie sein Gesicht. Auf dem verwaschenen T-Shirt steht »No tears for the creatures of the night«. Wie festgenagelt steht er auf dem bebenden Parkett des Felsenkellers, der letzte Mohikaner in einem Meer aus hüpfendem Plüsch und blitzenden Fotoapparaten.

»It’s funny how times slip away«, wundert sich ein paar Meter weiter die Goth-Rock-Legende Andi Sexgang auf der Bühne und kämpft sich im freien Falsett durch sperrige Songs, die ihn in den frühen Achtzigern zur Ikone werden ließen und knapp 30 Jahre später einen nicht unerheblichen Teil der anwesenden Gäste in Richtung der Innenstadt-Discos oder zumindest zum Rauchen auf die Karl-Heine-Straße treibt. Heldenverehrung kommt manchmal zu kurz in einer Szene, die es vorzieht, sich selbst zu feiern.

Im letzten Jahr ist das Wave-Gotik-Treffen volljährig geworden. Knapp 1.500 Schwarzgewandete fanden 1992 den Weg in den Eiskeller. Die 20.000 Menschen, die auch in diesem Jahr aus allen Teilen der Welt nach Leipzig in die mittlerweile 40 Veranstaltungsorte pilgerten, sind weniger verschworene Gemeinschaft denn Wirtschaftsfaktor. Die Szene gibt sich kühl und konsumfreudig. H&M installiert spontan einen Grabbeltisch mit Strumpfhosen und Spitzentütüs. Müller verpasst den Schaufensterpuppen Plastikextensions in Neongrün. L – eine Stadt pflegt einen Kunden.

Die Achtziger sind lange her. Die Szene franst an den Rändern aus. Das Girlie im orangefarbenen PVC-Mini hat mit dem Lederjacken-Zausel nicht viel gemein. Was ursprünglich als Verweigerungshaltung gegenüber der gesellschaftlichen Norm begann, mit der Farbe Schwarz als Ausdruck eines gepflegten Kulturpessimismus, mag Außenstehenden heute wie eine selbstreferenzielle Nabelschau erscheinen. Wenig scheint übrig geblieben vom Do-It-Yourself-Gedanken. Niemand wird mehr einen Grufti überraschen, wie er Ketten im Baumarkt klaut, wenn alles viel einfacher beim Goth-Discounter um die Ecke zu haben ist.

Kommerzialisierung und vermeintlicher Werteverfall entlocken alteingesessenen Szenegängern seit Jahren tiefe Seufzer der Resignation. Hier wie dort mangele es an tiefgründiger Auseinandersetzung, so der allgemeine Tenor. Und tatsächlich erschöpft sich die mediale Berichterstattung auch diesmal in Bildergalerien der »krassesten Outfits« und Hausfrauen, die von Fernsehkameras zum Umstylen durch die Leipziger Innenstadt gejagt werden.

Woran liegt es dann, dass die Beliebtheit des WGT seit Jahren so ungebrochen ist wie die Klischees, mit denen sich der harte Kern herumschlagen muss? Vielleicht, weil die Szene trotz allem weniger dogmatisch und elitär ist als gemeinhin angenommen. Seit den Nullerjahren hat Schwarz viele Nuancen. Darüber, ob Neongrün oder Pink dazu gehören, ließe sich trefflich streiten. Das Eigenartige am WGT aber ist, dass es kaum jemand der Gäste tut. Ob nun die Grundschullehrerin mit Latexfetisch oder der Sparkassen-Azubi im Maultier-Lendenschurz – die Szene wird letztendlich für ihre Toleranz gegenüber dem Anderssein oder zumindest dem Anderseinwollen geschätzt. Sie grenzt niemanden aus. Bisweilen kann man das vergessen, wenn an der Moritzbastei mal wieder ein Burgfräulein über die eigene Schleppe stolpert, weil es das gepuderte Näschen zu hoch trägt. Aber wer will bestreiten, dass auf einem Laufsteg neben viel Untragbarem gelegentlich auch mal etwas Schönes an einem vorüberzieht?

Generell gilt für die Gothic-Szene dasselbe wie für alle Subkulturen: Sie lässt sich nicht im Drüberfliegen erschließen. Wer in den Neunzigern einmal auf der Love-Parade war und danach glaubt, alles über Techno zu wissen, muss sich vorwerfen lassen, lediglich Dreck von der Oberfläche zu kratzen. Dass sich das »Treffen« aber eben nicht nur im Schaulaufen erschöpft, zeigt auch in diesem Jahr die vielfältige Musikauswahl. Wenn im Online-Gästebuch des WGT beklagt wird, dass kaum eine bekannte Band im Programmheft zu finden ist, mag das der Wirtschaftskrise geschuldet sein. Vielleicht zeigt sich hier aber auch der längst überfällige Trend zur Erneuerung. Das WGT verordnet sich selbst einen Aderlass und bietet dennoch viel. Der Eintritt zur Neo Rauch-Retrospektive war für Besucher des Treffens frei. Andere holten, untermalt von Mozarts Requiem, in der Peterskirche lieber ein paar Stunden Schlaf nach.

Schließlich waren Gruftis irgendwann mal Punks. »Live fast die young« haben Alien Sex Fiend gestern noch vor einer Monkey-Island-Bühnenkulisse skandiert. Die subkulturelle Evolution aber zeigt sich meist erst dienstagfrüh. Die kunstvoll geschminkten Damen und Herren zerfallen beim Sonnenaufgang nicht etwa zu Staub, sondern erwachen – wie wir alle – am Ende der Nacht schon mal in ihrer eigenen Kotze. Narziss im Rinnstein: erst spuken, dann spucken. Fürs erste heißt es dann »No beers for the creatures of the night«.

Bildergalerie mit Fotos vom WGT 2010: http://www.kreuzer-leipzig.de/fotogalerien/92

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