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Sex im Intellektuellenfilm

Regisseur RP Kahl versucht sich als erster deutscher Filmemacher an einem Genre, das immer wieder für Zündstoff sorgt: dem »Arthouse-Porno«

Als Ende des 19. Jahrhunderts das neue Medium Film seine ersten Schritte wagte, wurden Kritiken laut, die vor der grenzenlosen Befriedigung der Schaulust warnten. Die Sorge, dass das Publikum sich in Illusionswelten verlieren könnte, ließ sogar bei Intellektuellen wie Kurt Tucholsky den Ruf nach Filmzensur laut werden.

Als Ende des 19. Jahrhunderts das neue Medium Film seine ersten Schritte wagte, wurden Kritiken laut, die vor der grenzenlosen Befriedigung der Schaulust warnten. Die Sorge, dass das Publikum sich in Illusionswelten verlieren könnte, ließ sogar bei Intellektuellen wie Kurt Tucholsky den Ruf nach Filmzensur laut werden.

Die bewegten Bilder generell werden schon lange nicht mehr in Frage gestellt. Doch Zensur gibt es bis heute. Sie ordnet sich dem Moralgefüge des jeweiligen Landes unter. Gehören auf deutschen Leinwänden nackte Brüste zum guten Ton, so wurde in der indischen Version von »Spiderman« schon der erste Kuss zwischen Mary Jane und dem Actionhelden rausgeschnitten, bevor die eigentliche Schlüsselszene beginnt.

Nun kommt ein neuer Film in die Kinos, der die ganze Thematik um filmische Nacktheiten selbst reflektiert. Regisseur RP Kahl verpackt schon im Titelsong von »Bedways« die körperliche Fleischeslust. »Flesh is the law« wirkt hierbei fast schon programmatisch und ist es doch nicht. »Bedways« erzählt die Geschichte von zwei Frauen und einem Mann, die einen Film über Liebe und Sex machen wollen. Dazu treffen sich die junge Regisseurin Nina und die beiden Schauspieler Hans und Marie in einem heruntergekommenen Loft in Berlin-Mitte, erproben erste Szenenfetzen für ihr erotisches Filmprojekt – und zeigen mehr als üblich.

Als Kahls Film erstmals bei der diesjährigen Berlinale in der Reihe »Perspektive deutsches Kino« lief, wurden vereinzelt Stimmen laut, dass das Filmfest seinen ersten Skandalfilm habe und Liebe ganz ohne Tabus den Weg auf die Leinwand gefunden habe. Dabei ist längst Gras über diese Debatte gewachsen. Schon 2006 entstanden um James Cameron Mitchells »Shortbus« heftige Diskussionen in den Feuilletons: Den einen war es zu viel Pornografie, den anderen wiederum zu wenig, nur weil der Film trotz der Darstellung unmittelbarer Sexualität es wagte, Probleme außerhalb dieser zu behandeln. Mal wurde »Shortbus« als erster Arthouse-Porno tituliert – und das, obwohl es Filme dieser Art schon weitaus länger gibt: Bereits 1973 flackerte »The Devil in Miss Jones« von Gerard Damiano erfolgreich als ebensolcher über die Leinwand. »Shortbus« war demnach einige Jahre zu spät dran, um dem Genre seinen Namen zu geben. Andere Kritiker wiederum verkündeten im Atemzug mit Mitchells Film sogleich eine »Totgeburt« dieser »neuen« Richtung.

Eines war also klar: Die Filmbranche hatte offenbar Sex und Gehirn getrennt voneinander betrachtet. Cameron Mitchell wurden mangelnde moralische Wertung und fehlender Tiefgang vorgeworfen, nur weil es offensichtlich war, dass seine Figuren eine Vagina oder einen Penis besaßen. Zudem hatten sie Sex wie normale Leute: mal lustig, mal langweilig, mal richtig klasse, mal richtig öde. Ebenso kontroverse Diskussionen löste Michael Winterbottoms »Nine Songs« aus dem Jahr 2004 aus, über den etwa die Zeitschrift Tele schrieb: »Für einen gelungenen Porno fehlen die Stellungswechsel, für einen gelungenen Spielfilm die Handlungsfäden.«

Und dabei wagte Winterbottom nur ein kleines Experiment, wie RP Kahl vielleicht auch. Nämlich körperliche Begehrlichkeiten zu zeigen, ohne einen wirklichen Pornofilm zu produzieren. Im Genre des »Arthouse-Porno« wirklich von reiner Pornografie zu sprechen, scheint deshalb irgendwie zu weit hergeholt. Vielmehr findet eine interessante Verknüpfung der inneren Beweggründe mit den äußerlichen Begehrlichkeiten statt. Erst recht in RP Kahls »Bedways«, der genau diese Thematik in seinem Film verpackt hat. Hier werfen die Figuren selbst die Frage danach auf, wie viel Sexualität zu sehen sein darf, ohne dass der Film als bloßer Porno verblasst und die Zensur ihn ins Nachtprogramm verabschiedet.

Gerade in einer Zeit, wo die Gleichung »Sex sells« mehr denn je aufgeht und man in jedem Klatschblatt die B-Promis bereits an ihrer offenherzigen Oberweite erkennt, scheint es weniger verwerflich, die fleischlichen Gelüste auch in Erzählfilmen explizit darzustellen. Und RP Kahl zeigt eben nicht einfach nur, wie seine Figuren Sex haben. Darauf war auch »Bedways« nicht angelegt. Die Abbildung von Erotik und Sex sei vielmehr eine Herausforderung, so der Regisseur, »die bisher in der Malerei, Fotografie oder Literatur einfacher zu gelingen scheint. Vor allem, wenn eine wirklich intime Situation erzeugt werden soll.« Kahl bewegt sich also in einem Versuchsraum, in dem er zwischen Voyeurismus und Begehren, zwischen Sexualität und intimer Nähe hin- und herwandelt. Das eigentlich Skandalöse wäre in diesem Fall, auch hier eine Debatte loszutreten, die schon vor vier Jahren keinen Konsens fand. Eileen Reukauf

»Bedways«, ab 3.6., Schauburg, Preview in Anwesenheit des Regisseurs und der Hauptdarstellerin am 1.6.
Film | aus dem kreuzer-Heft 06.10

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