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»Unendlich tief und unendlich weit«

Kammersänger Martin Petzold über die Arbeit mit Peter Konwitschny, szenische Bachinterpretationen und die Frage, ob es Bach auf der Bühne braucht

Peter Konwitschny setzt auch in dieser Spielzeit an der Oper Leipzig sein Vorhaben um, jährlich eine Bachkantate zu inszenieren. In diesem Jahr ist es »O Ewigkeit, du Donnerwort«, BWV 60. Bach selbst bezeichnete das Stück als »Dialog zwischen Furcht und Hoffnung«.

Peter Konwitschny setzt auch in dieser Spielzeit an der Oper Leipzig sein Vorhaben um, jährlich eine Bachkantate zu inszenieren. In diesem Jahr ist es »O Ewigkeit, du Donnerwort«, BWV 60. Bach selbst bezeichnete das Stück als »Dialog zwischen Furcht und Hoffnung«.

Im Kellertheater der Oper Leipzig ist die durchaus streitbare Inszenierung heute letztmalig zu sehen. Kammersänger Martin Petzold singt und spielt die Rolle der »Hoffnung«. Der Künstler, der seit 1986 zum Solistenensemble der Oper gehört, ist mit Bach vertraut wie kein Zweiter. Petzold war Thomaner und ist heute in erster Linie Konzertsänger. Einprägsam sind vor allem seine Evangelistenpartien, die ihn als brillanten Erzähler auszeichnen kreuzer-Autorin Claudia Lindner sprach mit ihm über die Arbeit mit Peter Konwitschny, die Tradition Bach szenisch zu interpretieren und darüber, ob Bach die Opernbühne überhaupt braucht.

kreuzer: Herr Petzold, was ist für Sie als Bach-Sänger das Besondere dieser Bachkantate?

Es ist zum einen die Form. Es ist ein Dialog zwischen der »Hoffnung«, die ich spiele und der »Furcht«. In diesem Dialog geht es um die »Sterbekunst«, wie man die Auseinandersetzung mit dem Tod in der Barockzeit nannte. Zum anderen ist speziell diese Kantate ein Beispiel dafür, wie Bach theologische Aussagen musikalisch zu hinterfragen vermag. Was zeigt, dass Bach viel weiter war, als sein Zeitgeist. Seine Musik ist einfach unendlich tief und unendlich weit.

kreuzer: Nun gibt es generell keine Tradition, Bach szenisch zu interpretieren. Das ist Neuland – für Regisseure und Interpreten. Was halten Sie davon, eine Bühnensprache für Bach zu (er)finden?

Ich unterstütze solche Projekte. Es ist eine Form für Menschen, die Schwellenangst haben, in Kirche zu gehen. Denen können solche Projekte Türen öffnen. Ich sehe das immer erstmal positiv. Aber als Irina Pauls in den 90er Jahren am Schauspielhaus Teile des WO vertanzt hat, habe ich den Evangelisten gesungen und bin ziemlich angegriffen worden, »wie ich mich dafür hergeben könne«.

kreuzer: Zur Zeit gastieren Sie in Stuttgart mit »Actus Tragicus«, einer Inszenierung von sechs Bachkantaten von Herbert Wernicke. Worin glauben Sie, liegt die künstlerische Herausforderung, Bach auf die Bühne zu bringen.

Ich denke, Bach hat sicher nie daran gedacht, dass seine Kantaten szenisch umgesetzt werden. Mir ist immer wichtig, dass die Musik nicht beschädigt wird, sondern dass es Bach bleibt.

kreuzer: Ist das in »Oh Ewigkeit, Du Donnerwort« gelungen?

Das ist für mich schwer zu beurteilen. Wir haben auf der einen Seite hervorragende Gewandhausmusiker, aber andererseits sind die Bedingungen im Kellertheater nicht optimal. Wir sind auf der Szene weit weg vom musikalischen Geschehen, wir haben kaum Kontakt mit den Musikern, das erschwert die Arbeit natürlich.

kreuzer: Hinzu kommt, dass Sie die komplette Kantate im Liegen singen, was atemtechnisch extrem anspruchvoll ist.

Ja, ich spiele eine Leiche und liege deshalb die ganze Zeit. Der erste Teil der Kantate, mit diesen schnellen Koleraturen hat es im Liegen wirklich in sich. Ich habe am Anfang gesagt, dass das eigentlich nicht geht, die ganze Zeit im Liegen zu singen. Aber für mich ist es letztlich wichtig, mich dem gesamtkünstlerischen Konzept zu öffnen.

kreuzer: Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit Peter Konwitschny zusammen. Ich denke an die Oper »Abraum« von Jörg Herchet in den 90er Jahren, ein musikalisch wie szenisch eher experimentell angelegtes Projekt. Was ist es, was für Sie als Sänger die Arbeit mit Peter Konwitschny wertvoll macht?

In erster Linie Offenheit und auch das Experimentelle reizt mich an der Oper immer wieder. Ich möchte bis an meine Grenzen gehen, physisch und psychisch. Und mit Peter Konwitschny ist das auf äußerst produktive Weise möglich.

kreuzer: Das klingt, als bedeute Ihnen die Oper mehr als die Kirchenmusik?

Prozentual singe ich durch die Gastspiele mehr Kirchenmusik, aber Bach ist für mich immer der Mittelpunkt gewesen und wird es auch bleiben.

kreuzer: Inwieweit verträgt Bach überhaupt die Bildsprache Konwitschnys und inwieweit braucht Bach überhaupt BiIder?

Also, Bach braucht eigentlich gar nichts. Er braucht nur Musiker und Interpreten, die offen sind, ihn immer wieder neu zu erkunden. Ein guter Freund hat mir mal gesagt: »Bach bleibt immer Sieger«. Und das ist der Punkt. Egal, wie man mit Bach umgeht, wie man ihn inszeniert, welche Bilder man ihm zur Seite stellt – Bach bleibt immer der Stärkere. Alles andere und damit meine ich auch Peter Konwitschnys Inszenierung, sind lediglich Versuche, sich Bach zu nähern und das ist in jedem Falle gut.

kreuzer: Nun hat ja Peter Konwitschny durchaus streitbare Inszenierungsansätze. Ist »Oh Ewigkeit, du Donnerwort« Ihrer Meinung nach ein geglückter Versuch, sich Bach zu nähern?

Das ist eine gute Frage. In jedem künstlerischen Prozess gibt es verschiedene Meinungen, das ist ganz normal. Entscheidend ist, dass Interpreten und auch das Publikum erstmal bereit sind, sich einzulassen. Hier im speziellen auf die Thematik Tod und Auferstehung sowie die Endfragen des Lebens. Peter Konwitschny zählt ja zu den Regisseuren, die aufrütteln wollen und genau das tut Bach ja schon seit mehreren Jahrhunderten. Insofern ist es ein geglückter Versuch. Fakt ist aber, dass wir Leipziger noch zu oft in der Defensive leben, was Bach angeht. Andere Städte mit diesem Privileg, Bach zu haben, würden ganz anders loslegen.

Interview: Claudia Lindner


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