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»Die Freiheit, die ich meine«

Joachim Gauck hat die Freiheit zu seinem Thema gemacht und die Herzen fliegen ihm zu. Wieso eigentlich?

Seit SPD und Grüne am 4. Juni Joachim Gauck als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten präsentierten, fliegen ihm die Herzen nur so zu: Im Internet formieren sich Pro-Gauck-Gruppen, sogar Demos wurden organisiert. Laut einer LVZ-Umfrage hätten bei einer Direktwahl 48 Prozent der Sachsen für den Pas­tor aus Rostock gestimmt, lediglich 28 Prozent für seinen Kontrahenten Christian Wulff. Luc Jochimsen, die Kandidatin der Linken, wäre auf magere 8 Prozent gekommen. Doch woher kommt die Begeisterung für Gauck?

Seit SPD und Grüne am 4. Juni Joachim Gauck als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten präsentierten, fliegen ihm die Herzen nur so zu: Im Internet formieren sich Pro-Gauck-Gruppen, sogar Demos wurden organisiert. Laut einer LVZ-Umfrage hätten bei einer Direktwahl 48 Prozent der Sachsen für den Pas­tor aus Rostock gestimmt, lediglich 28 Prozent für seinen Kontrahenten Christian Wulff. Luc Jochimsen, die Kandidatin der Linken, wäre auf magere 8 Prozent gekommen. Doch woher kommt die Begeisterung für Gauck?

Gaucks Thema ist die Freiheit. Der Bürgerrechtler versteht diese nicht nur als Abwesenheit von Zwängen, sondern als aktive Selbstbestimmung. In der friedlichen Revolution hätten die Menschen ihre staatlich verordnete Ohnmacht abgelegt und sich selbst ermächtigt. Eine solche Freiheit ist laut Gauck anstrengend, sie muss immer wieder ein- und ausgeübt werden. Der freie Bürger ist zuständig, er muss wählen – und kann dabei auch falsch liegen. Gauck kritisiert damit auch allzu große staatliche Fürsorglichkeit, »wenn sie entmündigende, entmächtigende Tendenzen fördert«. Ihm sei Freiheit wichtiger als Solidarität, aber: »Wer Freiheit so definiert, wird automatisch zu einem Maß an Solidarität gelangen, das anderen hilft, zu helfen und die eigenen Chancen zu nutzen«, so Gauck.

Für diese Positionen gibt es auch Applaus aus Leipzig: »Keiner verkörpert den Geist der Freiheit mehr als Joachim Gauck«, heißt es im Schreiben einer Gruppe von Bürgerrechtlern, Historikern und Autoren – unter ihnen Tobias Hollitzer, Chef der Runden Ecke, und der Schriftsteller Uwe Tellkamp – die Gaucks Kandidatur unterstützen. Die FDP findet ihren Freiheitsbegriff bei Gauck wieder, sieht in ihm gar einen »natürlichen Verbündeten«, wie es der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow formulierte, die Linke dagegen ist naturgemäß nicht begeistert.

Dass einer, der den Bürgern so viel Eigenständigkeit abverlangt, derart beliebt ist, ist ungewöhnlich. Doch den Gauck-Unterstützern scheint eine ganz andere Freiheit viel wichtiger zu sein: Die Abwesenheit von Parteizwängen. Gauck wird, das geht aus zahlreichen Statements auf den Unterstützerseiten hervor, vor allem wegen seiner Unabhängigkeit vom Parteiensystem geschätzt. Auch seine Biografie beeindruckt die Menschen. Er sei ein aufrechter Demokrat, habe Rückgrat bewiesen und sei integer, kurz: ein »Bürgerpräsident« und ein Versöhner. Gauck wird zugetraut, dass er unbequem ist und dem politischen Betrieb hin und wieder die Leviten liest, aber auch die Bürger aufzurütteln vermag.

Aus dem regen Zuspruch für Gauck spricht ein tiefes Misstrauen gegen Parteien und Berufspolitiker, aber auch ein großes Interesse am politischen Geschehen. Und so klingt der Beitrag ein Unterstützers auf www.wir-fuer-gauck.de ein bisschen wie eine Kampfansage: »Ihr werdet Euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen!«


aus dem kreuzer-Heft 07.10

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