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Grünes Feiern

Wie sich Festivals, Clubs und Initiativen bemühen, die Musikbranche klimafreundlicher zu gestalten

Es ist Samstag, irgendwo in Leipzig. Vor dem Club versammeln sich die Raucher. Drinnen tobt die Tanzfläche. Um 3 Uhr ist der nächtliche Rausch dominanter als die Vernunft. Und die Frage, was für eine CO2-Bilanz dieser Club aufweist, stellt sich für niemanden hier. Nachhaltigkeit und Party-Exzess scheinen schwer vereinbar, doch es gibt durchaus Bemühungen einer Liaison.

Es ist Samstag, irgendwo in Leipzig. Vor dem Club versammeln sich die Raucher. Drinnen tobt die Tanzfläche. Um 3 Uhr ist der nächtliche Rausch dominanter als die Vernunft. Und die Frage, was für eine CO2-Bilanz dieser Club aufweist, stellt sich für niemanden hier. Nachhaltigkeit und Party-Exzess scheinen schwer vereinbar, doch es gibt durchaus Bemühungen einer Liaison.

In Amsterdam lässt ein Club die Besucher auf der Tanzfläche durch ihr Stampfen selbst Energie erzeugen, Techno-Star Richie Hawtin kompensiert den CO2-Ausstoß seiner zahlreichen Flüge mit dem atmosfair-Ausgleichprogramm und auch in der Gothic-Szene gibt es mit der Initiative »Goth For Earth« grüne Tendenzen.

Dass die Musikindustrie nicht bedenkenlos weiterfeiern sollte, hat sich die Green Music Initiative aus Berlin besonders groß auf die Fahnen geschrieben. Im Herbst 2008 gegründet, versucht sie als nationale Plattform, die Musik- und Veranstaltungsbranche klimafreundlicher zu machen. Und zwar in allen Bereichen der Musikwirtschaft – von der Tonträgerherstellung über den Vertrieb bis zum Konzertbetrieb. Gern verweist sie dabei auf eine Studie aus Großbritannien. Nach der verbrauchte allein die britische Musikindustrie im Jahr 2007 540.000 Tonnen CO2 – so viel wie 180.000 Autos pro Jahr oder eine Kleinstadt. Die meisten Emissionen entstehen neben dem Betrieb der Clubs und Konzerthallen vor allem durch die Anfahrt der Besucher. Gerade bei Festivals in abgelegenen Gebieten ist die Anfahrt mit Bus und Bahn nicht so einfach. Dementsprechend hoch ist der »CO2-Fußabdruck«, wie Green Music-Gründer Jacob Bilabel es plastisch ausdrückt.

Sollen die Fans also zu Hause bleiben, um die Umwelt zu schonen? Keineswegs, das Melt!-Festival befindet sich seit diesem Jahr auf dem Weg zum grünen Festival. Und die Anfahrtsproblematik hat auch in Ferropolis bei Gräfenhainichen höchste Priorität. Als Alternative zum eigenen Auto hat das Melt! erstmals einen Zug mit Schlafwagen gebucht, der von Köln direkt nach Ferropolis fährt. Mitte Juni war das fahrende Hotel noch nicht ganz ausgebucht. Aber es läuft wohl nicht schlecht an. »Je nach Auslastung werden zwischen 420 und 650 Personen auf diese Weise zum Melt! kommen« so Finja Götz, Melt!-Projektleiterin. Auch auf den Bus wird mehr gesetzt. Via Facebook & Co können sich Besucher selbst Reisebusse unterschiedlicher Größe buchen. Je voller, desto güns­tiger. Zwischen 20 und 90 Musikfans kommen so auf einmal zu ihrem Festival – fünf Busse waren bis Juni selbst organisiert, so Finja Götz.

Strom sparen sieht anders aus: Lichtspektakel beim Melt!

Bei 20.000 Besuchern, die das Melt! auch in diesem Jahr wieder besuchen werden, klingen diese Zahlen eher schmalbrüstig, doch neue Angebote brauchen ihre Zeit. Und das Melt!-Team sieht sich noch am Anfang ohne nennenswerte Erfahrungen. »In einer Stadt wie Leipzig dürften die Anreise-Emissionen keine so übergeordnete Rolle spielen. Die Wege sind kurz, die Busse fahren die Nacht durch und viele Club-Gänger sind mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Hier gilt es, den Club-Betrieb klimaschonender zu gestalten. Während das Conne Island es beim Stromsparen belässt, ist der Sweat-Club gerade zu einem Ökostromanbieter gewechselt. Steffen Kache von der Distillery hat das für nächstes Jahr geplant. Sein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein kam bereits im kreuzer-Interview im Herbst 2007 zum Vorschein. Seitdem hat er den Club besser isoliert, was die Heizkosten auf ein Drittel gesenkt hat. Nach und nach wurde auch die Lichttechnik auf energiesparende LED-Leuchten umgestellt. Der große Traum von Kache ist jedoch eine eigene Solarstrom-Anlage an der Südfassade. »Das wird zwar nicht für den ganzen Club reichen, aber etwa 25 Prozent des Stroms könnten wir damit selbst erzeugen«, hat der Distillery-Chef ausgerechnet. Noch hängt die Idee in den Seilen, weil es an Planungssicherheit für das Gebäude im Bahn-Umfeld fehlt.

Bei allem ernsthaften Engagement: Klima­schutz ist seit gut zwei Jahren ein Thema, mit dem es sich gut schmücken lässt. Die Grenzen zwischen Image-Pflege und großen Ambitionen sind fließend. Festivals und Clubs sind wirtschaftende Unternehmen und keine altruistischen Weltverbesserer. Es geht in erster Linie darum, dass sie sich tragen. Und wenn der Klimaschutz zu teuer wird, dürfte er das Erste sein, was auf der Sparliste erscheint. Doch die Festivals und Clubs sind nicht allein in der Pflicht. Auch wenn das um 3 Uhr nachts nicht immer einleuchtend erscheint.

http://www.greenmusicinitiative.de
http://www.meltfestival.de
Musik | aus dem kreuzer-Heft 07.10

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