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Der Fluch des Splash!

Ein Festivaltagebuch von kreuzer-Autor Torsten Williamson-Fuchs

Wasser – mit viel zu viel von diesem Element hatten die Organisatoren schon vor Jahren zu kämpfen. Leider endete der nächste Jahrhundertsommer nach dem letzten Jahrhundertsommer kurz vor dem Treffen in Ferropolis abrupt – und damit ging zunächst auch mein Auftaktplan baden.

Wasser – mit viel zu viel von diesem Element hatten die Organisatoren schon vor Jahren zu kämpfen. Leider endete der nächste Jahrhundertsommer nach dem letzten Jahrhundertsommer kurz vor dem Treffen in Ferropolis abrupt – und damit ging zunächst auch mein Auftaktplan baden.

Von der Stadt des Stahlbetons mit Glasfassaden in die Eisenstadt – kalkuliert hatte ich als leidgeprüfter Frankfurt-Leipzig-Pendler viereinhalb Stunden, um Raekwon noch zu sehen. Die erfahrenen Splasher wissen: ein guter Plan ist alles, denn alles kann man sowieso nicht sehen. Aber in der Regel gelingt es, die selbst gesetzten Benchmarks einzuhalten. Diesmal nicht, denn über mehrere hundert Kilometer begleiteten mich rabenschwarze Wolken.

Viel zu spät für den Wu Tang-Soloauftritt betrat ich den Festacker und wurde an ein VIP-Bändchen gefesselt. Neben Mr. Vegas um 23 Uhr auf der Aruba Stage hatte ich mein nächstes Kreuz gestrichen; das könnte noch klappen. Dachte ich zunächst. Splash! ist längst in eine Liga aufgestiegen, in der professionell gespielt wird. Aber eine VIP-Shuttleverbindung aus ortsansässigen Reiseunternehmen, die sonst meist Rentner zu Beschissveranstaltungen kutschieren, verblüffte mich. Mein Shuttle fuhr gerade ab, nachdem ich meinen Wiesenparkplatz besetzt hatte. Er war voll mit volltrunkenen persons, die wohl very important waren, weil sie beim präsentierenden Hüpf-Dudler »VIP-Karten« gewonnen hatten. Da warte ich gern auf den nächsten Kleinbus. Der komme in etwa zehn Minuten, sagte ein freundlicher Ordnungshüter. Etwa zehn Minuten müsste ich laufen, wenn ich nicht warten wolle.

Größtensteils grau und bedeckt: Der Himmel über Ferropolis

Um mein Gewissen zu beruhigen (mein Konzertpausenplaner sah Fast Food nach der Nas-Zugabe vor), machte ich mich auf den Fußweg, zumal es gerade nicht regnete. Der nette Ordner muss Extremsportler sein, denn eine Dreiviertelstunde später kam ich schweißnass und vom Regen windelweich gepeitscht an. Mr. Vegas verpasst, den Headliner nicht. Viele sind mir auf der Strecke entlang des Sees entgegengekommen – ich habe mich bei jedem dasselbe gefragt: Nas tritt in Gräfenhainichen auf, wieso gehst Du schon in dein Zelt? Egal. Tausende andere feierten einen der besten Rapper der Welt. Kommissar Zufall half mir bei der Standortsuche, denn direkt neben mir hatte sich Dominance Records-Labelchef und Organisator der europaweiten Ghettoblaster-Treffen in Dessau, Matthias »Kretschi« Kretschmer, postiert. Nas zu erleben unter Gleichgesinnten hat was, unter Gleichaltrigen hat es noch mehr. Nasir Jones sagte, es sei Zeit für Old School und stimmte »If I ruled the world« an. Die meisten der Besucher verbanden das mit einem frühen Nas-Hit. Kretschi und ich dachten in dem Augenblick natürlich selig an Kurtis Blow. »Hip Hop is dead«; deshalb verwirklicht sich Nas seit einiger Zeit und konsequent an der Seite von Damian Marley.

»Junior Gong« ist zunächst einmal Sohn und mehr Statthalter im Reggae denn Innovator. Mich beeindruckten am meisten seine fast bodenlangen Dreadlocks. Wie schläft der Typ eigentlich? Liegt die Haarpracht neben ihm? Hängt sie aus dem Bett? Und wo wird sie verstaut, wenn eine »sie« neben ihm liegt … Die Band war vorzüglich: Drums, Percussions, Bass – die Musiker machen noch Nebenjobs, wie ein T-Shirts eines hochrangigen Jazzfestivals dokumentierte. Neben uns beiden tanzte Tameeka aus Atlanta, die in Marburg studiert, ungefähr Mitte 20 ist und die (wirklich!) jede Textzeile von Nas kannte. Feiern kann so schön sein… Keine Zugabe, aber Aftershows. Das Samoa-Zelt mutierte zur Großraum-Disse, in der die größten Hip Hop-Klassiker jeweils 30 Sekunden angestimmt wurden. Mir war es zu voll und zudem nicht nach »Hip Hop Hooray-Big L rest in peace-Shimmy Shimmy-Yo«-Kollagen, zumal noch ein Kreuz auf meinem Planer abgearbeitet werden wollte. Die weit abgeschlagene Aruba Stage erwies sich als beste Party-Location. Bei schönem Wetter wäre sie es ohnehin gewesen, direkt am Sandstrand hätten wir eine Beachparty mit dem Pow Pow Movement gefeiert, von der wir noch unseren Enkeln erzählt hätten. Wenn Sommer gewesen wäre. Jetzt wurde es eine Beachparty wie bei Ebbe auf dem Watt, aber die hatte es trotzdem in sich! Für mich leider nur kurz, denn in der Leipziger kreuzer-Redaktion wartete die Tastatur.

Erinnerte an einen Rundgang über die Leipziger Kleinmesse am Cottaweg: Fressbudenmeile des Splash

Die gute Nachricht: der zweite Festivaltag blieb regenfrei. Am Samstagnachmittag erinnerte die Fressbudenmeile an einen Rundgang über die Leipziger Kleinmesse am Cottaweg. Nur das Riesenrad am Wendepunkt war durch ein Riesenzelt ersetzt. Ein kurzes »meet & greet« für den kreuzer gab es mit Marteria, schließlich sind wir mit die ersten, die sein Album pünktlich im Augustheft besprechen. Auf der Hauptbühne wurden IAM mit freundlichem Applaus für ihre französischen Raps bedacht, gefeiert wurde die Bootcamp Clik im Anschluss.

Die Umbaupause für Gentleman nutzte ich für einen Abstecher in ein kleines Zelt, das ein Kippendreher für seine Imagebildung gekapert hatte. In der Mitte, umringt von einer Handvoll Leute, stand ein DJ. Dachte ich. Nach ein paar Sekunden war mir klar: das war kein DJ, sondern ein Turntable-ist. Wie sich später herausstellte, war es nicht nur ein Turntable-ist, sondern der sechsfache Weltmeister Rafik, der ein Aufwärmprogramm für seine spätere Party absolvierte. Es war kühl geworden, aber Gentleman und Band bewiesen, dass Deutsche mittlerweile nicht nur guten Fußball spielen können, sondern auch Reggae. Satter Bandsound, solide Backgroundsängerinnen und ein Gentleman an der Front, der eine Präsenz wie Xavier Naidoo entwickelt. Sympathisch: ein Musiker aus der Backing Band engagiert sich für ein soziales Projekt, das in Afrika Brunnen baut. Gentleman bat um die Pfandbecher, die darauf hin zu Dutzenden in Richtung Bühne geschleudert wurden. Etwa 100 Euro sollten zusammengekommen sein; eine Summe, die bereits viel bewirken kann.

Eben noch Arm in Arm mit unserem Autor, bald schon in der Rezi-Ecke des neuen kreuzer: Marteria

Immer mehr »W«-Shirt-Träger drängten nach vorn, und mit akademischem Viertel Verspätung erschien der Clan mit allen Arbeitskräften zur Bühnenschicht. Wie wir wissen, ist das keine Selbstverständlichkeit, denn in den Neunzigern hatte sich die Truppe deutschlandweit über Clubs outgesourct und – mit »Zeitarbeitern« aufgestockt – mehrfach am Abend kassiert. In einem Chemnitzer Jugendclub jedenfalls wurden damals nur wenige vom Stammpersonal gesichtet. Heute kann sich das auch der Wu Tang-Clan nicht mehr leisten und rockt mit seinen Hits in Vollbesetzung die zwischen Baggern eingepferchte Meute. Leider war der Sound die 36 Kapitel lang mies. So richtig störte das aber niemanden beim Kopfnicken und beim »W-Köpper«. In der ersten Stunde dieses Sonntags waren wir alle Clanmitglieder. In den Zelten wurde weitergefeiert.

Ich habe mich die ganze Zeit auf Kid Capri gefreut, sein »The Tape« und der 1998 von Poke and Tone mitproduzierte »Soundtrack to the streets« bestimmten lange mein Bordprogramm; das DJing für »Hot 97« in New York sorgte für Berühmtheit. Der Mann aus der Bronx versteckte zunächst sein Haupt hinter einem weißen Handtuch und wirkte wie ein Scheich unter Kopfhörern. Das Set enttäuschte jedoch gut 20 Minuten, denn Capri machte auf Party-DJ und servierte ein Hitmedley, das von ramp talks unterbrochen wurde. Erst als er das Handtuch wegwarf, zeigte er, was er wirklich kann. Zumindest ließ er sein Können aufblitzen. Keine Frage, Capri rockte das Haus. In einem Hip Hop-Set Nirvanas »Smells like teen spirit« nicht nur anzuhooken, sondern auszuspielen, traut sich höchstens Afrika Bambaataa (der in der Distillery schon mal Max Werners »Rain in May« inkludierte). Leider überspannte der Star-DJ den Bogen und schoss mit Fedde La Grand sowie zwei, drei uninspirierten Dance-Pfeilen über das Ziel hinaus. Vielleicht hat der Mann das Splash!-Publikum einfach unterschätzt, es hätte eines seiner NY-Sets sicher goutiert.

Capri sagte mir nach der Show, dass er immer für eine Überraschung wie Nirvana gut sei. Dann entschwand er im Backstage-Bereich mit zwei süßen Teenies, die ihn eben erst angequatscht hatten. Wie diese Geschichte ausging, weiß ich nicht. Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es natürlich nicht in mein Festivaltagebuch schreiben.
Die Party ging weiter, denn der mehrfache World Champion DJ Rafik zauberte einen Hasen nach dem anderen aus dem Hut. Irgendwie sympathisch und ohne Rockstarpose.

Rauchende Sanis und »W«-Shirt-Träger

(Fast schon) Badewetter am Sonntagnachmittag: »Der Fluch des Splash!« verschonte uns am letzten Tag, stattdessen waren Flanieren und Baden angesagt. Ich schoss die Illustration zum Tagebuch ab – ein Dank geht an Jörg »Sure Shot« Flehnert aus Hamburg (Künstlerbetreuer von Brother Ali), der mir nach dem Crash meiner Kamera mit seiner Digi Cam aushalf. Währenddessen fanden Rah Digga (aus dem Umfeld von Busta Rhymes) und Masta Ace ihre Fans, andere chillten am Strand vor der Aruba Stage. Und dort ließ sich wieder die eine oder andere Entdeckung machen: die Kanadierin Eternia wirbelte wie ein Blitz über die Bühne und präsentierte beachtliche Rhymeskills (und T-Shirts »My favorite rapper wears a skirt«). Allerdings dürfte sie ein Geheimtipp bleiben, denn die meisten pilgerten schon wieder zur Hauptbühne, wo der Topf locker zu Werke ging. Ich blieb bei soulful Hip Hop Beats am Strand, sah auf den See und wartete auf Bilal. Sein Auftritt füllte eine Lücke, denn Soul wird von den Veranstaltern immer noch etwas ausgespart.

Bilal selbst trat –das erste Mal überhaupt- nur mit einem DJ auf, präsentierte die Achtungserfolge, die er auch in Deutschland hatte und stellte frisches Material vor vom Album, das im September erscheinen soll. Die ersten Minuten brauchte der Mann, um sich einzusingen, danach packte die etwa fünf Dutzend vor der Bühne der Soul. Susanne Jones aus Berlin war extra wegen Bilal mit ihrem amerikanischen Ehemann nach Ferropolis gefahren; sie kannte nur einen Song, den sie mal im Radio gehört hat, wollte den Künstler aber unbedingt live erleben. Auch das war eine Facette vom Splash! 2010, das mit Samy und Missy noch zwei hinreichende Gründe bot, bis weit nach Mitternacht zu bleiben.

Alter Bekannter und Routinier in Sachen Splash: Cool Savas

Fazit: es gab viel zu viel Müll. Schade eigentlich, wenn an der so genannten »VIP-Bushaltestelle« bergeweise leere Büchsen in den Büschen zwischenlagerten. Und vielleicht sollte es Bier erst am Abend geben, damit die Jungmänner unter uns nicht vor dem Auftritt von einem wie Nas schlappmachen. Bekannte und Stars mit bekannten Hits wurden vor riesigen Baggern groß gefeiert, aber gerade die kleinen Locations boten Acts feil, deren Entdeckung sich gelohnt hat. Die Mischung macht es, im Großen und Ganzen stimmte sie (auch) in diesem Jahr. Schön wäre es, wenn 2011 auf einer Nebenbühne Platz für einen Soulkünstler mehr wäre. Bilal war ein guter Anfang – wie wäre es mit Musiq Soulchild, Angie Stone oder Anthony Hamilton? Wenn wir gerade dabei sind – ein Act aus den Siebzigern oder den Achtzigern würde zusätzliche Gäste anlocken. Fatback, S.O.S. Band, Gap Band – was spricht eigentlich dagegen, die im Portfolio für 2011 zu haben? Ich würde mich freuen, verzichte auf das VIP-Bändchen und bringe mindestens fünf zahlende Gäste mit. Versprochen! Wir sehen uns dann 2011 zum Splash! Ob es wieder regnet…?


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