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»Eine visuelle Bibliothek, aus der man schöpft«

Nadia Enis ist Comiczeichnerin, freiberufliche Illustratorin und Trainerin an der Comicschule Comicademy: Ein Gespräch über die Entstehung von Ideen, ein ausgedehntes Arbeitsleben und darüber, was den Comic auch für Erwachsene interessant macht.

Statt des Leipziger Comicfests findet in diesem Jahr am 4. September erstmalig der »Leipziger Comicgarten« statt. Neben Verkaufsständen und Aktionen erwarten die Besucher auch zahlreiche namhafte Künstler der Comicszene, wie Schwarwel (Schweinevogel-Zeichner und Art Director der Band Die Ärzte) und Ulf S. Graupner (u.a. Abrafaxe). Auch Nadia Enis wird in den Comicgarten kommen. Die Wahl-Leipzigerin zeichnet neben vielen anderen Aufträgen seit dem vergangenen Jahr auch für die Comicreihe Fix und Foxi.

Statt des Leipziger Comicfests findet in diesem Jahr am 4. September erstmalig der »Leipziger Comicgarten« statt. Neben Verkaufsständen und Aktionen erwarten die Besucher auch zahlreiche namhafte Künstler der Comicszene, wie Schwarwel (Schweinevogel-Zeichner und Art Director der Band Die Ärzte) und Ulf S. Graupner (u.a. Abrafaxe). Auch Nadia Enis wird in den Comicgarten kommen. Die Wahl-Leipzigerin zeichnet neben vielen anderen Aufträgen seit dem vergangenen Jahr auch für die Comicreihe Fix und Foxi.

kreuzer: Als freiberufliche Illustratorin erledigst du häufig Auftragsarbeiten. Wie gehst du an solche Aufträge heran? Du hast ein weißes Blatt vor dir und dann?

NADIA ENIS: Es gibt natürlich bei solchen Dingen, anders als in der freien Kunst, Vorgaben, auf die man achten muss. Man muss schauen, ob das überhaupt funktioniert in dem Medium, in dem es später umgesetzt werden soll. Entspricht das dem gewünschten Spiel, entspricht der Charakter dem Schauspieler, der dafür gecastet wurde? Ist es das, was der Kunde will und was der späteren Zielgruppe entspricht? Man fertigt auch viele Ideen an, die dann in der höheren Chefetage besprochen und korrigiert werden müssen.

kreuzer: Wie entstehen die Ideen beispielsweise für das Thema Science Fiction? Versucht man da als Zeichner, etwas gänzlich Neues zu schaffen oder orientiert man sich an dem, was es in einem Genre schon gibt?

ENIS: Ich denke, sowohl als auch. Es gehört natürlich dazu, dass man weiß, ab wann etwas wie Science-Fiction aussieht, was wichtige Elemente von Science-Fiction sind, und was variabel ist. Ich persönlich empfinde es so: Je mehr Richtlinien oder Bereiche ich habe, in denen etwas funktionieren muss, desto kreativer werde ich. Dass es funktionieren muss, ist auch für mich der Reiz dieses Berufes.

kreuzer: Also eine Art Korsett, an dem du dich orientieren kannst?

ENIS: Ich würde eher sagen, eine visuelle Bibliothek, aus der man schöpft. Wobei das natürlich nicht Abzeichnen bedeutet oder das Alte noch mal auftauen. Da muss man schon differenzierter herangehen und die Fähigkeiten dafür haben

kreuzer: Du bist Comiczeichnerin, Charakterdesignerin, Illustratorin und werbliche Grafikerin. Wieso so viele Tätigkeiten – weil dir das Spaß macht, oder weil du das Geld brauchst?

ENIS: Das ist mein Beruf. Ich bin freiberufliche Illustratorin, da muss man eine gewisse Vielseitigkeit mitbringen. Es ist sehr selten, dass man mal für ein Magazin fortlaufend arbeitet. In der Regel mache ich kurze Kampagnen und kleinere Projekte.

kreuzer: Kann man von dem Beruf leben?

ENIS: Ja, kann man. Man muss aber auch realistisch an die Sache rangehen und das nötige Herzblut und Fleiß mitbringen.

kreuzer: Findest du neben den Auftragsarbeiten überhaupt noch Zeit für eigene Arbeiten?

ENIS: Im Moment gar nicht. Das ist natürlich schlecht. Ich finde es eigentlich ganz gut, mir in meiner freiberuflichen Arbeit durch das Nichtannehmen von Aufträgen Freizeit erkaufen zu können. Leider ist das gerade nicht möglich. Ich finde, man muss immer einen guten Mittelweg zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Leben finden. Irgendwann ist es pervertiert, wenn man nur noch arbeitet und nicht mehr zum Leben kommt.

kreuzer: Wenn du sagst, du hast keine Zeit, wie viel arbeitest du dann?

ENIS: Also ich weiß, dass ich meinen ersten freien Tag in diesem Jahr im April oder Mai hatte, Wochenenden mitgerechnet. Zu der Zeit habe ich täglich 10 bis 16 Stunden gearbeitet.

kreuzer: Gibt es eine spezielle Richtung, in die du gerne gehen möchtest?

ENIS: Ja, ich würde auf lange Sicht gern mehr in den Bereich Concept Art und Storyboard gehen. Ich werde auch in nächster Zeit mein Berufsfeld wechseln in Richtung Spieleindustrie. Die Aufgabe von Illustratoren ist dort ziemlich vielfältig, also alles Visuelle und Konzeptionelle von A bis Z.

kreuzer: Wie sieht die Arbeit als Concept Artist aus?

ENIS: Concept Art ist sozusagen die visuelle Entwicklung von allen Dingen, die es noch nicht gibt. Das kann von Charakteren in Spielen, in Filmen, in Serien als klassische Figuren, oder von Kreaturen, über Raumschiffe bis hin zu Raumschiffhangars gehen. Also alles, was erfunden werden muss, muss erstmal zur Anschauung konzeptioniert werden, bevor man es final umsetzen kann.

kreuzer: In Deutschland gelten Comics häufig als Kinder- und Jugendding ….

ENIS: Ich glaube, dass das langsam im Wandel ist. Es gibt in Deutschland viele fähige Comiczeichner, die sehr aktiv sind und sehr gute Comics herausbringen. Vielleicht wurden auch mit Hilfe des Mangabooms einige Leute als Leser gewonnen.

kreuzer: Gibt es so etwas wie eine typisch deutsche Erzählweise?

ENIS: Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann, weil ich noch recht jung bin und nicht zum Urgestein gehöre. Aber etwas, was viele deutsche Zeichner, die ich lese gemeinsam haben, ist ein trockener, aber rührender Humor. Viele deutsche Comics sind sehr feinsinnig in ihrer Erzählart. Salopp gesagt: Nicht so auf die Fresse.

kreuzer: Was sind die besonderen Möglichkeiten des Comics, die ihn auch für Erwachsene attraktiv machen?

ENIS: Es gibt sehr viele Comics für Erwachsene, die auch von Erwachsenen gelesen werden. Das muss nicht erst entdeckt werden. Allgemein ist der Comic der Zusammenschluss von Bild und Text, die sich gegenseitig bereichern, aber auch beschneiden. Dazu gibt es noch die Seitenaufteilung oder die Darstellung von Zeit. Da kann man eigentlich nur aufzählen, was Scott McCloud (US-amerikanischer Comickünstler und -theoretiker, Anm. d. Red.) eh schon gesagt hat. Das Medium Comic bietet jedenfalls eine sehr große Bandbreite von Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Ansonsten hat das in dieser Form vielleicht nur noch der Film. Allerdings ist ein Comic nicht auf zwei Stunden Echtzeit begrenzt. Ein anderer Vorteil ist, dass an einem Comic nicht so viele Leute arbeiten. Also die Möglichkeit, neue Ideen möglichst unverfälscht auch in einem großen Format herauszubringen, ist sehr groß.

kreuzer: Es findet demnächst der Comicgarten in Leipzig statt. Es gibt einen Comicstammtisch. Hat die Stadt auch so etwas wie eine Comicszene?

ENIS: Ich würde sagen, in Leipzig gibt es eine Künstler- und Freigeistszene, die hier auch genug Platz und Ambitionen hat, sich frei zu entwickeln und aktiv zu sein. Es beschränkt sich nicht nur auf Comiczeichner, sondern ist viel vielfältiger.

Leipziger Comicgarten mir Verlagsständen und Signierstunden, 4.9., von 12-18 Uhr, An der Gaststätte SIEGISMUND, Gartenanlage hinter der Russischen Kirche, Ph.-Rosenthal-Str. 51 http://www.comicgarten-leipzig.blogspot.com
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