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Mittagskinder beim Highfield

Macht ein Festival noch Spaß, wenn man am Abend mit dem Bus nach Hause fährt? kreuzer-Autor Martin Rank hat es ausprobiert.

Die meisten Festivals finden ja mitten in der Pampa statt. Zum Glück gibt im Süden von Leipzig auch genügend Pampa, so dass wir neuerdings nur noch in den Bus steigen müssen, um ein Festival zu erleben – ganz, ohne uns dabei die Finger schmutzig zu machen. Und wenn man keine Lust hat, sich bei den endlosen Schlangen vor den Duschen anzustellen, dann fährt man in der Nacht einfach wieder nach Hause ins gemütliche Bett. Was für ein Luxus!

Die meisten Festivals finden ja mitten in der Pampa statt. Zum Glück gibt im Süden von Leipzig auch genügend Pampa, so dass wir neuerdings nur noch in den Bus steigen müssen, um ein Festival zu erleben – ganz, ohne uns dabei die Finger schmutzig zu machen. Und wenn man keine Lust hat, sich bei den endlosen Schlangen vor den Duschen anzustellen, dann fährt man in der Nacht einfach wieder nach Hause ins gemütliche Bett. Was für ein Luxus!

Vielleicht ist es etwas spießig, dass Mareike und ich genau das vorhaben. Ein Abenteuer kann man so natürlich nicht erleben. Doch das Abenteuer im Zelt besteht erfahrungsgemäß meistens doch nur aus dem »Helga«-Gekreische um halb fünf und den liebevollen Weckrufen vom Partylöwen im Nachbarzelt um halb neun. Seit drei Jahren habe ich mich nicht mehr auf einem großen Musik-Festival herumgetrieben. Bei meinem letzten Highfield waren es für meinen Geschmack einfach zu viele Partylöwen.

Als wir das Festivalgelände erreichen, hat sich ein dicker Nebelschleier über dem Störmthaler See breit gemacht, der mit der Wolke über dem Kraftwerk am Horizont eine Symbiose eingeht. Ein feines Spiritus-Odeur entfaltet sich im Bus. Mareike und ich haben nichts dabei, außer zwei Tetrapacks mit einem Gemisch, das es vom Geruch her durchaus mit dem Grillanzünder aufnehmen kann. Es ist sehr befreiend, einmal keinen Grill kilometerweit schleppen zu müssen, keine Kohle, keine Bierfässer, keine Zeltgarnitur, keinen riesigen Teppich, wie das Mädchen neben mir. Was auch immer sie damit vorhat.

Wir setzen uns an eine Stelle, an der die Massen in beide Richtungen vorbeiströmen und beobachten den Catwalk. Wir sehen den echten Batman mit einem hautengen, bauchfreien Top. Ein Ohr von ihm hängt etwas schief. Ich richte es wieder gerade, damit er nicht ausgelacht wird, wenn er wieder die Welt retten muss. Dann entdecken wir den König, den ich noch von früheren Festivals in Erinnerung habe. Er trägt wieder seine Klobürste und hat einen Untergebenen neben sich, der sein Plüsch-Schaf ausführt. Doch was müssen wir auf der anderen Seite beobachten? Der majestätische Catwalk wird von zwei Schuften entweiht, die schamlos vor allen Leuten an den Rand pinkeln. Kaum haben sie damit angefangen, kommt noch ein dritter hinzu. Sie tragen oben ohne, so wie viele Kerle hier. Bei manchen sieht das gut aus, doch bei vielen geht es schief.

Im Sommerloch schreiben die Magazine ja gerne darüber, dass der Mann im Sommer kleidungstechnisch nur verlieren kann. Dass die Frauen unschöne Männerbäuche und Ausschnitte ertragen müssen, wenn die Sonne herunterbrennt. Beim Highfield zeigt sich, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Auch einige Frauen hätten besser ein T-Shirt anziehen sollen. Auffällig auch die Festivalshirt- und Bändchenträger, die förmlich schreien: Schaut alle her, ich war schon mal auf einem Fes–ti–vaaal! Ich bin cool! Doch die meisten haben sich stilsicher in Schale geworfen. Es folgt die obligatorische Chucks-Zählung. Ich komme ich nach drei Minuten auf 25, Mareike auf 30.

Wenn man so über das Festivalgelände schlendert, fällt kaum auf, dass das Highfield 150 Kilometer umgezogen ist. Eigentlich sieht alles genauso aus wie damals in Hohenfelden. Vermutlich sehen sowieso alle großen Festivals gleich aus. Das hat Aaron Solowonoiuk von Billy Talent bei einem verschnarchten Interview mit LVZ-Online sehr schön auf den Punkt gebracht. Billy Talent waren schon einmal vor drei Jahren Headliner beim Highfield. Auf die Frage, was ihm von damals im Gedächtnis geblieben ist, antwortet er etwas desinteressiert: »Ich erinnere mich an nichts.«

Nach wie vor buhlen die Tabak- und Spirituosen-Hersteller um kaufkräftigen Nachwuchs. Dank der hohen Dichte mobiler Zigarettenautomaten-Frauen könnte man alle drei Minuten eine neue Schachtel kaufen. Doch wir sind nicht hier, um über den Kapitalismus zu schimpfen, sondern um gute Musik zu erleben. Und davon gibt es reichlich auf dem Highfield. Leider werden die meisten großartigen Bands wie The Drums, Karamelo Santo oder Archive in das Zelt mit der kleinen Bühne verbannt. So verbringen wir fast das ganze Festival im warmen Zelt, wo einem der Schweiß nur so den Rücken herunter läuft – was auch daran liegt, dass die Bude fast immer kocht.

Wir leeren unsere Tetrapacks, das heißt, das von Mareike (meines habe ich irgendwo stehen lassen, dafür habe ich Tabak und Papers gefunden) und toben uns zu Kap Bambino aus. Caroline Martial stürmt auf der Bühne so ekstatisch zu einer Art Electro-Punk umher, dass sich sogar der grimmige Security-Mann ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Draußen kühlen wir uns ab. Mittlerweile spielen die Headliner Billy Talent auf der großen Bühne und ich komme mit ein paar Fans ins Gespräch. Als ich ihnen etwas angesäuselt erkläre, was ich von der Musik halte, wollen sie nicht mehr mit mir sprechen und setzen sich ein Stück weg. Am nächsten Tag kann ich auch fast den tollen Satz von Aaron Solowonoiuk sagen: »Ich erinnere mich an nichts.« Dank echtem Bett und lecker Frühstück ist der Kater schnell behoben.

Am Samstag machen wir noch eine spannende Entdeckung: Da spielt zur besten Zeit auf der großen Bühne doch tatsächlich eine Schlagertruppe. Unheilig, die mit Liedern wie »Mein Stern« und »Sei mein Licht« aufwarten, klingen so, also hätte man Rammstein und Stefan Mross zusammen in ein Studio gesperrt und dann gezwungen, gemeinsam zu musizieren. Viele Festivalbesucher dachten, sie hören nicht recht, doch anscheinend haben Unheilig eine große Fangemeinde. Wie ich später erfahre, ist ihre Platte »Große Freiheit« das am längsten auf der Eins platzierte deutsche Album in den deutschen Charts aller Zeiten. Oh je. Wir verziehen uns auf den Balkon vom Marlboro-Stand und warten auf Placebo. Marlboro weiß, wie man junge Leute in Scharen anlockt. Der Balkon ist so ziemlich der einzige Ort, von dem man das ganze Gelände überblicken kann. Und auf den Dixi-Klos zu balancieren, war uns zu heikel.

Unten, direkt vor dem Marlboro-Stand stehen zwei Jungen und ein Mädchen. Sie sind noch recht jung, wahrscheinlich dürfen sie noch gar nicht auf den Balkon. Hier darf man erst mit 18 Jahren rein. Plötzlich umarmen sich die Jungs und knutschen. Dann legt das Mädchen die Arme um den Hals von dem einen Jungen und gibt ihm einen liebevollen Kuss. Ich glaube, dass ihnen herzlich egal ist, dass sie auf Schlamm schlafen müssen und um fünf von Helga-Schreiern geweckt werden. Wahrscheinlich ist das Festival für sie ein einziges großes Abenteuer. Na ja, wir gehen dann mal zur Bushaltestelle.

Galerie mit Bildern vom diesjährigen Highfield Festival: http://www.kreuzer-leipzig.de/fotogalerien/100
Musik

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