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»Panik gereimt auf Gruppendynamik«

Die Theatergruppe The Invisible Empire im Interview

Sie sind unter uns, doch gar nicht so leicht zu fassen. Ab 3. September veranstaltet die Gruppe nun im Weißen Haus des Centraltheaters die 33. Leipziger Völkerschau: »Im Reich der weißen Sichtbarkeit«. Per Interview via google.doc durfte kreuzer-online den unsichtbaren Schleier des Nichtwissens etwas lüften.

Sie sind unter uns, doch gar nicht so leicht zu fassen. Ab 3. September veranstaltet die Gruppe nun im Weißen Haus des Centraltheaters die 33. Leipziger Völkerschau: »Im Reich der weißen Sichtbarkeit«. Per Interview via google.doc durfte kreuzer-online den unsichtbaren Schleier des Nichtwissens etwas lüften.

kreuzer: Und plötzlich waren die WEISSEN wieder weg: Wo seid ihr? Wohin hat euch die Mission verschlagen? Was macht ihr? Oder seid ihr noch da – und seid einfach dem Titel getreu unsichtbar?

THE INVISIBLE EMPIRE: Wir sind wieder zurück. Wir waren nie weg.

kreuzer: Von einer Stippvisite nach Schweden einmal abgesehen…

TIE: In Schweden ist das Invisible Empire zum ersten Mal konkret einem Publikum begegnet. Und zwar im Rahmen einer einwöchigen Installation, die sich am christlich-fundamentalistischen Modell eines »Zeltlagers der Gemeinsamkeit« orientierte.

kreuzer: Klingt eher nach Grausamkeit. In Leipzig plant Ihr nun eine Völkerschau?

TIE: Ja, in Leipzig beziehen wir uns nun auf eine andere – nicht minder reaktionäre – Traditionslinie, die der Stadt und einer ihrer stolzesten Institutionen die Ehre erweist: Die Rede ist vom Zoo und den von ihm so erfolgreich veranstalteten »völkerkundlichen Schaustellungen«. In Leipzig sind seit 1875 allein 32 Völkerschauen veranstaltet worden, unzählige Menschen aus den Kolonien Europas waren eingeladen, unter dem Blick der Schaulustigen ihren Alltag zu performen – zuletzt, vom 12. Mai bis zum 3. Juni 1931, die »Kannibalen der Südsee«. Der Clara-Zetkin-Park etwa verdankt sich der Sächsisch-Thüringischen Gewerbeausstellung von 1897, die insbesondere das koloniale Projekt bewerben sollte und hierfür, in der Nähe vom heutigen Glashaus, ein so genanntes »Negerdorf« mit 47 (Ur-)Einwohnern ausstellte. Die Völkerschauen, insbesondere die des Leipziger Zoos, waren ein Publikumsrenner, die Reaktionen heute vielleicht am ehesten zu vergleichen mit dem Hype, der sich um die »Körperwelten« entspinnt. Unverständlicherweise aber unterschlägt der »Zoo der Zukunft« in seine Selbstdarstellungen heute diese Erfolgsgeschichte seiner Vergangenheit. Umso stolzer veranstalten Centraltheater und Skala, Institutet und IRMAR nun die 33. Völkerschau auf Leipziger Boden.

kreuzer: Den Zoo habt ihr nicht dafür gewinnen können?

TIE: Nein, aber wir haben heute erfahren, dass er ein Safari-Restaurant betreibt, wo die Kellner sämtlich mit schwarzer Haut bespannt sind und in Baströckchen herumlaufen sollen.

kreuzer: Leipzig trauert – wer wird nun die Weißheit der Führung innehaben? Welchen Regeln sollen wir folgen?

Ritter der Tafelrunde: WEISSSEIN als Ritual

TIE: Die relativ junge akademische Disziplin der critical whiteness-theory / Kritische Weißseinsforschung kann helfen. Bei dieser Hilfe aber handelt es sich weniger um Regeln, die unbedingt zu befolgen wären, als vielmehr um eine Arbeit am Denken und Wahrnehmen, die noch zu leisten ist: Kritische Weißseinsforschung schlägt, um es schematisch zu sagen, eine Umkehrung des Blickverhältnisses vor. Das Objekt der Rassismusforschung ist in dieser Perspektive nicht länger der Andere, Unterdrückte, sondern der Privilegierte selbst, auch bekannt als der WEISSE. Dieser Perspektivwechsel ist bedeutend, wenn man sich vor Augen führt, dass eines der Schlüsselprivilegien WEISSER Kultur (verstanden als abendländische) das Privileg der Beobachtung selbst ist. Wenn der Andere als relative Konstante der Selbstvergewisserung fehlt, schwindet mit ihm auch der Ort möglicher Projektionen und Zuschreibungen. Und was dann sichtbar wird…

kreuzer: …ist?

TIE: Panik gereimt auf Gruppendynamik.

kreuzer: Wie kann man sich diese Blickumkehrung konkret vorstellen? Bei wem wird sie wie erfahrbar? Oder bedeutet das, schon zuviel zu verraten?

TIE: Nein. Verraten tun wir gar nichts. Die produktive Erfahrung, die wir aus Schweden mitgenommen haben: Die Leute, also unser Publikum, campen fröhlich vor sich hin, sind Teil eines Kulturprojekts und wunderen sich vielleicht ein bisschen, warum der Veranstalter nicht so viel Entertainment vorgesehen hat und was Campen jetzt mit WHITENESS zu tun hat. Kompliziert wird es ab dem Moment, wo eine (WEISSE) Touristengruppe von außerhalb durch das Camp geführt wird und die Teilnehmer selbst plötzlich zu Angeblickten, zu Objekten werden, deren Handlungen etwas Bestimmtes ausdrücken sollen. Man ist einfach nicht gewöhnt, studiert zu werden. Und erst recht will man nicht, dass das, was man tut, in einen größeren Zusammenhang als vielleicht den individuellen, privaten gestellt wird. Tatsächlich aber waren 90 Prozent der Teilnehmer der Hautfarbe nach WEISS und man kann nicht behaupten, dass Campen keine WEISSE Kulturpraxis sei. Trotzdem gibt es diese Angst, repräsentativ zu sein, die Angst beobachtet zu werden, buchstäblich die Angst, bei etwas ertappt zu werden.

kreuzer: Warum braucht es in euren Augen die Whiteness-Forschung beziehungsweise warum habt ihr auf diese zurückgegriffen? Den Druck durch das »Normale« kann man ja auch anders beschreiben.

TIE: Darum geht es nicht. Der Diskurs über »Normalität«, Ausgrenzung etc. gehört mittlerweile zum Konsens und gebraucht eben auch die Vorstellung des Anderen, in diesem Fall Abnormen. Und WEISSE Hegemonie stabilisiert sich zunehmend dadurch, dass sie Opferdiskurse kultiviert und annektiert. Das lässt sich anhand rhetorischer Praktiken der neuen Rechten, von der moderaten Mitte bis zum radikalen Rand, besonders gut studieren: Den Unterdrückten mitdenken, ein Herz für die Schwachen, Andersartigen, dass ist von Sarkozy über Shakira bis zu den höchsten Autoritäten des Ku Klux Klan überhaupt kein Problem. Auch sie lassen sich neben Nichtweißen ablichten, um Harmlosigkeit und moralische Integrität zu suggerieren und in öffentlichen Statements wird gerne betont, dass man nichts gegen Nichtweiße habe, solange sie die WEISSE Community nicht stören und sich an die Regeln WEISSER Zivilisation anpassen. Nur: unter der Kapuze dieses ohnehin schon schwammigen Toleranzbegriffs stecken immer noch dieselbe rassistische Konzeption und Praxis. Da wird es notwendig, den Blick zurück zu biegen, die Beobachterperspektive auf sich selbst anzuwenden und der Macht, dem Privileg selbst eine Stimme zu geben. In einem gewissen Sinn bekommen also WEISSE im Rahmen der Critical Whiteness-Theorie die Chance, sich als »Opfer« eines unsinnigen Konzeptes zu begreifen, das »Rasse« heißt. Das bedeutet: Plötzlich sind die Dinge, die du tust, nicht länger einfach so wie sie sind, sondern du tust sie, weil du WEISS bist und einer spezifischen, privilegierten Kultur angehörst. Was du auch tust, du repräsentierst Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft, die ständig versucht, sich selbst unter der Kapuze der Unsichtbarkeit zu verstecken. Und diesen Zugriff finden wir ausgerechnet für Leipzig – für die WEISSE Stadt – am produktivsten.

kreuzer: WEISSE Stadt? Ihr meint Pleiße-Stadt.

TIE: Ja, genau.

kreuzer: Was ist eine Toleranzkapuze und wo bekommt man sie? Seid ihr unter die Fashion-Culprits – oder wie auch immer der Antagonist zum Fashion-Victim heißt – gegangen?

Soll nicht nur gut aussehen, sondern auch ein persönliches Statement sein: die Toleranzkapuze zeigt an, dass der Träger um seine persönlichen Prinzipien weiß

TIE: »Die Toleranzkapuze« ist Teil der PR-Strategie des Institutet, dem schwedischen Partner des EMPIRE. Schweden ist wohl das Land in Europa, das den Mitbeteiligungs- und Multikulturalismus-Diskurs auf die höchsten sozialdemokratischen Höhen treibt. Da ist die KKK-Kapuze zum Selbermachen, mit durch Stoffwahl und Design auszudrückendem Statement, welche Minderheit durch das Tragen denn gerade unterstützt wird, nur konsequent. Das ganze ist sehr kleidsam und – ganz im Sinne des anderen großen Modeexporteurs aus Schweden – ein weiterer wichtiger Beitrag zur Uniformierung durch Diversifizierung. Uns interessiert an der Kapuze als solcher außerdem das ihr eingeschriebene Blicksystem und die Machtverteilung, die daraus resultiert, also: Ich habe dich gesehen, aber du hast mich nicht gesehen. Oder poetischer: meine Augen haben dich gesehen, aber alles was du von mir gesehen hast, sind meine Augen. Das ist theatral interessant: die Kapuze als einen Zuschauerraum zum Aufsetzen zu denken. Zu sehen sind die verschiedenen Modelle der Kollektion unter www.toleranshuvan.se – ein Teil davon kommt mit nach Leipzig.

kreuzer: Welche Essentials sollte ein weißer Mann beim Weißer-Mann-Sein unbedingt beachten?

TIE: Chivalry, industry, honour and love – das schlägt zumindest der »Kloran« vor, das ehemals geheime, mittlerweile aus dem Netz downloadbare Gründungs-Dokument des Ku Klux Klan, auf das wir uns spaßeshalber beziehen. Diese Essentials scheinen allerdings auch zu dem Zeitpunkt der Niederschrift des »Klorans« schon ziemlich abstrakt und ruiniert gewesen zu sein. Man muss sich das vorstellen: Lauter gestrandete Europäer am anderen Ende der Welt können keinen anderen gemeinsamen Nenner zur Identitätsbildung mehr finden als dass sie WEISS sind. Zudem spiegelt die Entstehung des »Klorans« wiederum unsere eigenen Produktionsbedingungen: In den Trümmern dieses Textes spielen ein Haufen WEISSER Theatermacher aus Frankreich, Deutschland und Schweden die gelungene Institution, die Namen der verschiedenen Offiziere einer mörderischen Organisation wie zu groß geratene, unnütze Masken überstülpend: The Exalted Cyclop, the Grand Dragon, the Klaliff oder the Klexter of the Klan. Zu großen Teilen ist der »Kloran« eine Anleitung, wie das Ritual zur Aufnahme neuer Klans-Mitglieder abzulaufen hat. Er ist also der Versuch zu einer vereinheitlichten, verbindlichen Urkunde der WEISSEN Initiation zu finden, letztlich eine notierte Choreographie. Die französische Gruppe, die an dem Projekt beteiligt ist, IRMAR, hat sich in erster Linie für diese formale Struktur interessiert, also u.a. für die Kreisbewegung, die das Dokument vorschlägt. Dieser Blick, der sich um die inhaltliche Aufladung und seine politischen Abgründe erstmal nicht schert, ist wiederum von uns anderen extrem produktiv zu machen, insofern er erstmal »nur« eine Partitur übrig lässt.
Die Partitur der »naturalization ceremony« des Ku Klux Klans.

kreuzer: Das Publikum kann einmal bloßer Zuschauer sein, aber auch eintauchen bzw. mitmachen bei der Zeremonie und soll die Partitur selbst mitfüllen?

Soziales Schmiermittel: die Toleranzkapuze bringt ihren Träger in direkten Kontakt mit anderen Menschen – egal, ob die auch eine haben oder nicht

TIE: Ja genau. Bei der KLORAN INITIATION CERMONY am Abend gehen wir von einer Theaterkonzeption aus, wie sie Bert Brecht und Walter Benjamin in den Zwanzigern auszuformulieren versucht haben: dem so genannten Lehrstück, das ein Theater ohne Publikum ermöglichen sollte. Also ein Theater, in dem es zwischen Machern und Zuschauern kein Informationsgefälle gibt, da das zu behandelnde Problem allen gleichermaßen bekannt gemacht wurde. In unserem Fall heißt dieses Problem »WIE WEISSSEIN?« und gelernt werden kann: »WEISSWERDEN«. An diesem ästhetischen Punkt teilen dann Brechts politischer Entwurf, der theatrale Entwurf des Klans und die Rituale der Hauka ein zentrales Merkmal: Es gibt in ihnen nur Involvierte, keine Betrachter. Das Ritual, in dem sich WEISSE als WEISS markieren und initiieren, ist die Nacht-Seite des Projekts. Tagsüber. Im Rahmen der Völkerschau freuen wir uns natürlich über den Zuschauer.

kreuzer: Die Zeremonien werden von einer Vortrags-Reihe flankiert. Läuft ein damit verbundener aufklärerischer Impetus nicht der Grundidee der Persiflage, Hintertreibung etc. zuwider?

TIE: Eine Lecture ist in unserem Aufbau wohl das WEISSESTE Zeremoniell, das wir uns überhaupt vorstellen können. Inhaltlich: Indem wir versuchen, unser Denken noch universaler zu machen, uns also darin üben, die WEISSE Sprecher-Position beim Sprechen auch noch mitzudenken und also im Zuge dessen unser Blickfeld hegemonial und imperialistisch erweitern. Strukturell: Im Sinne eines Satzes, der für das Projekt eine der ersten Thesen war und ist: Collective sitting is the strongest drug for the white race. Eine weitere halluzinogene Droge WEISSER Vorherrschaft ist das Phantasma eines selbstevidenten, souveränen Bewusstseins, das moralisch einwandfrei ist und weiteres Bewusstsein produzieren könnte: Enlightenment, siècle de lumière und WEISSHEIT sind artverwandte Begriffe. Um abschließend Immanuel Kant zu zitieren: »Allein der Erdstrich vom 31. bis zum 52. Grade der Breite in der alten Welt (welche auch in Ansehung der Bevölkerung den Namen der alten Welt zu verdienen scheint) wird mit Recht für diejenige gehalten, in welchem die glücklichste Mischung der Einflüsse der kältern und heißern Gegenden und auch der größte Reichtum an Erdgeschöpfen angetroffen wird; wo auch der Mensch, weil er von da aus zu allen Verpflanzungen gleich gut zubereitet ist, am wenigsten von seiner Urbildung abgewichen sein müsste. Hier finden wir aber zwar weiße, doch brünette Einwohner, welche Gestalt wir also für die der Stammgattung nächste annehmen wollen.«

The Invisible Empire – Im Reich der Weißen Sichtbarkeit, 3.-19.9., tgl. 14- 22 Uhr, Weißes Haus, http://www.schauspiel-leipzig.de/invisibleempire
Theater

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