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Slow-Food der Unterhaltung

Wiglaf Droste liest und singt im Horns Erben

Musenwunder sind keine Busenwunder. Diesbezüglich ist Wiglaf Droste streng. Überhaupt wirkt der Träger des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises des Jahres 2005 ganz so, wie man es sich teils erhofft und teils nicht zu hoffen wagt: konzentriert, forsch und in sich ruhend.

Musenwunder sind keine Busenwunder. Diesbezüglich ist Wiglaf Droste streng. Überhaupt wirkt der Träger des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises des Jahres 2005 ganz so, wie man es sich teils erhofft und teils nicht zu hoffen wagt: konzentriert, forsch und in sich ruhend.

Wir telefonieren, und die Berliner Straßenreinigung fährt ein ums andere Mal an dem Café vorüber, in dem Droste sitzt. Als habe sie ihm nicht verziehen, dass er seinen Hauptwohnsitz nach fünfundzwanzig Jahren aus der bundesdeutschen Hauptstadt in die heimliche Hauptstadt der DDR verlegt hat. Aus privaten Gründen. Doch darüber hinaus finde er in Leipzig eine Art der Erdung, die es in Berlin nur noch sehr schwer zu finden gebe. Nicht überall, verstehe sich, denn auch Leipzig sei so gesamtdeutsch hergerichtet, dass sich nun jene Westdeutschen in die Stadt trauen, welchen diese zuvor noch wenig greif- und begreifbar erschien.

In der Paunsdorfer Sachsentherme aber, wo die kaum zählbaren Leipziger Dialekte durcheinander flögen und sächsischer Humor, der zwar gemütlich aber ebenso unerbittlich sei, herrsche, könne man noch jene Echtheit empfinden, die anderswo oftmals verschwunden sei. Keine geeignetere Stadt also, um eine Show auf die Beine zu stellen, in der der Humor die Grundlage der Echtheit der Empfindung bildet. Das hört sich seltsam an. Aber »Dichtung, Wahrheit, Musenwunder« ist ja auch erstmal kein Veranstaltungstitel, den man mal eben so rausschlonzt.

Ins Horns Erben lädt Wiglaf Droste seine Gäste ab September, vorerst einmal pro Monat. Zum ersten Termin wird Danny Dziuk seine Aufwartung machen, im Oktober lässt sich F.W. Bernstein blicken. Dass aus solchen Konstellationen keine herkömmliche Literatur oder Satire oder sonstwas Gewöhnliches wird, lässt sich erahnen. Wiglaf Droste liest und singt mit seinen Lieblingsgästen. Der Untertitel der Show liest sich schon fast wie ein Understatement. Aber Normalitäten sollte man von einem wie Droste, der 1988 mit der »Höhnenden Wochenschau« eine der ersten Berliner Lesebühnen ins Leben rief und kurz danach mit dem »Benno-Ohnesorg-Theater« die Volksbühne unsicher machte, auch nicht erwarten.

»Das Publikum findet es abscheulich, überall unterfordert zu werden«, sagt Droste, und so werde es sich bei den Abenden im überschaulichen Horns auch nicht um ein auf der Bühne nachgespieltes Fernsehformat handeln. Was man aber genau zu erwarten haben wird, bleibt offen. Das Unerwartete solle in den Verlauf der Show eingesponnen werden, Spontaneität sei aber keine Ausrede für schlechte Vorbereitung. Glück gehabt! Vor sich hin stümpernde Medienformate gibt es zuhauf. Da könnte der Ausblick auf Drostes höchst kultivierte Abendunterhaltung für Erwachsene eine nahezu messianische Verheißung sein, quasi das Slow-Food unter all den unterhaltungstechnischen Schnellimbissen. Wenn das nicht auch schon wieder vollkommen übertrieben wäre.

11.9., 20 Uhr, Horns Erben
aus dem kreuzer-Heft 09.10

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