anzeige
anzeige
Archiv

Ramadan in Ramallah

Ein Reisetagebuch von Inga Dreyer – Teil 3: Auf der Suche nach etwas Essbarem

  Ramadan in Ramallah | Ein Reisetagebuch von Inga Dreyer – Teil 3: Auf der Suche nach etwas Essbarem

Unsere Autorin Inga Dreyer hat sich auf den Weg nach Palästina gemacht, um dort für 2 Monate im Goethe-Institut zu arbeiten und zu reisen. Für kreuzer online wird sie während dieser Zeit einige ihrer Erlebnisse schriftlich fixieren und an dieser Stelle veröffentlichen.

Unsere Autorin Inga Dreyer hat sich auf den Weg nach Palästina gemacht, um dort für 2 Monate im Goethe-Institut zu arbeiten und zu reisen. Für kreuzer online wird sie während dieser Zeit einige ihrer Erlebnisse schriftlich fixieren und an dieser Stelle veröffentlichen.

Nie wieder Falafel! Nie wieder sauer eingelegtes Gemüse. Nach ein paar Wochen Ramallah war ich es satt. Ich konnte keine Kichererbsen mehr sehen. Nicht in zermatschter und schon gar nicht in frittierter Form. Aber dieses völlige, spurlose Verschwinden der Falafel – das hatte ich nicht gewollt.

Einzig geöffnete Nahrungstankstellen während des Ramdan: die Süßwarengeschäfte
Der Ramadan traf uns mit voller Wucht. Abends mit dem Auto aus Israel in die Westbank zurückgekehrt, waren die Straßen leer, die Schawarma-Spieße und Falafel-Frittierwannen wie vom Erdboden verschluckt, die Bürgersteige hochgeklappt. Stattdessen blinkte die ganze Stadt voller bunter Monde und Sterne. Ab und zu gar ein Weihnachtsmann inklusive Rentier. Wie Weihnachten in Deutschland: Alle sitzen zu Hause beim Essen. Nur wir nicht. Leerer Kühlschrank, leerer Magen. Die Mittagspausen verwandeln sich in eine verzweifelte Jagd auf Essbares. Irgendwo eine offene Restauranttür. Zum Glück. Nur die Süßigkeitenläden haben den ganzen Tag lang offen und locken mit Baklava, das wir kiloweise verspeisen. Und Knafeh, diese zuckersüße warme Matsche mit Käse, Semmelbröseln und Pistazien.

Knafeh: arabische Süßspeise mit Käse
Auf offener Straße Essende werden mit bösen Blicken bestraft. Das ärgert vor allem arabische Christen, die anders als wir Blondis wie potentiell Fastende aussehen. In einem Restaurant in Nablus wird mir und einer anderen Deutschen Cola kredenzt, unser palästinensischer Freund bekommt nichts. »Lass und doch woanders hingehen«, schlage ich vor. »Es gibt kein woanders«, sagt er. Wer auf offener Straße raucht, muss Strafe zahlen. Viele Internationale fühlen sich angespornt, stellen das Rauchen und zuweilen auch das Essen und Trinken ein. Zumindest einen oder zwei Tage. Nicht leicht bei 40 °C. Die Hitze ist unerträglich. Ich faste nicht. Hunger macht so schlechte Laune. Schon Zugucken macht schlechte Laune. Ich habe Kekse in der Tasche, die ich mir in den Mund stopfen kann, wenn keiner guckt.

Endlich: Die Falafel brutzeln wieder in der Wanne
Das Fastenbrechen hingegen macht ziemlich gute Laune. Jeden Abend treffen sich Familien und Freunde zum Festessen. Bei meinem ersten imaginären Fastenbrechen finde ich mich ausgerechnet im Chinarestaurant wieder. Auch hier kleine Schälchen mit Humus und Taboulé. Dazu Tamarindensaft, dann Frühlingsrollen. Fastenzeit ist Futterzeit. Und Fernsehzeit. Abends sitzen bei mir hinterm Haus die Nachbarn beisammen und gucken die berühmten Ramadanserien. Die Stadt lebt nach Sonnenuntergang. Nach dem Essen strömen die Menschen auf die Straße und durch die Geschäfte.

Eine Woche zeigt Ramadan in Ramallah ein neues Gesicht. Hie und da dreht sich wieder ein Schawarmaspieß bei Tageslicht, ziehen wieder Düfte von Gegrilltem und Frittierten durch die Straßen. Die Falafel brutzeln wieder. Nie zuvor hatten frittierte Kichererbsen eine so beruhigende Wirkung auf mich.


Kommentieren


0 Kommentar(e)