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»Die heutige Massentierhaltung ist fragwürdig«

Weniger ist mehr: Birgit Brendel sagt, warum Bio-Fleisch die richtige Wahl ist

Obwohl nicht nachgewiesen werden kann, dass Bio-Produkte gesünder sind als konventionelle, gibt es gute Gründe, die für Bio sprechen. So ist es auch beim Fleischverzehr. Der kreuzer sprach mit Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen, warum es sich lohnt, Bio-Fleisch zu kaufen, auch wenn man dafür etwas tiefer in die Tasche greifen muss.

Obwohl nicht nachgewiesen werden kann, dass Bio-Produkte gesünder sind als konventionelle, gibt es gute Gründe, die für Bio sprechen. So ist es auch beim Fleischverzehr. Der kreuzer sprach mit Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen, warum es sich lohnt, Bio-Fleisch zu kaufen, auch wenn man dafür etwas tiefer in die Tasche greifen muss.

kreuzer: Worin besteht der Unterschied zwischen dem Bio-Fleisch im Supermarkt und dem Fleisch, das man im Bio-Laden zu deutlich höheren Preisen kauft?

BIRGIT BRENDEL: Das Fleisch ist im Discounter billiger, weil man dort andere Möglichkeiten hat, den Preis festzusetzen als in einem Bioladen mit geringerem Umsatz und kleinerem Sortiment. Der andere Unterschied besteht in den Bio-Siegeln: Da ist der europäische Grundstandard, der festlegt, wie Tiere in ökologischer Landwirtschaft zu halten sind, was sie fressen dürfen, wie sie ärztlich zu behandeln sind, wie viel Fläche sie zur Verfügung haben müssen und wie der Betrieb gestaltet sein muss. Daneben gibt es die Standards der Anbauverbände, deren Anforderungen oft darüber hinausgehen.

kreuzer: Gibt es Unterschiede in der Tierhaltung zwischen dem europäischen Bio-Siegel und den Anbauverbänden wie Gäa, Bioland oder Demeter?

BRENDEL: Die Anbauverbände haben eigene, meist strengere Kriterien als die der EU-Ökoverordnung. Einige schließen beispielsweise Nitritpökelsalz aus, in der EU-Ökoverordnung ist es in geringen Mengen zulässig. Man muss aber auch bedenken, dass die Verbände in der Regel nur deutschlandweit agieren, während das EU-Bio-Siegel seine Gültigkeit von Skandinavien bis Griechenland haben muss.

kreuzer: Also sind Bio-Produkte von Anbauverbänden qualitativ hochwertiger?

BRENDEL: Sie haben häufig einen größeren Mehrwert, zum Beispiel enthalten sie meist weniger Zusatzstoffe, als in der EU-Öko-Verordnung zugelassen sind. Aber wenn man Bio-Produkte kaufen möchte, kann man sich auch auf die Produkte nach der EU-Ökoverordnung verlassen. Auf denen muss eine EG-Kontrollstellennummer angegeben sein und zudem die Bezeichnungen Öko, Bio oder aus ökologischer Tierhaltung – das sind geschützte Begriffe.

kreuzer: Wie sieht artgerechte Tierhaltung aus?

Tierhaltung ist sinnvoll, wenn man sie auf die Größe der Anbaufläche abstimmt, so wie es der Ökolandbau tut

BRENDEL: Das hängt immer von der jeweiligen Tierart ab, ein Huhn hat andere Ansprüche als ein Schwein. Das Tier muss soviel Platz haben, dass es seine artspezifischen Verhaltensweisen ausleben kann. Ein Huhn etwa sitzt gern oben, es möchte hochflattern, es muss eine Sitzstange bekommen, es benötigt eine Fläche, auf der es scharren kann. Außerdem mögen Hühner Staubbäder und legen ihre Eier gern in ein Nest. Dazu kommt noch der Auslauf. Schweine hingegen sind sehr neugierige Tiere, stöbern und wühlen sehr gern, sie brauchen in einer reizarmen Stallumgebung »Spielgeräte«. Zurzeit arbeitet man sehr intensiv an der Klärung, was für die jeweilige Tierart unter Artgerechtigkeit zu verstehen ist. Überlegungen, ein Tierschutzlabel zu kreieren, stehen aber noch ganz am Anfang.

kreuzer: Ist Fleischkonsum mit dem Umweltschutzgedanken vereinbar, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

BRENDEL: Würden wir von heute auf morgen alle auf Fleisch verzichten, aber weiterhin Milch und Eier verzehren, müssten wir uns die Frage stellen: Was machen wir mit den Tieren, wenn sie nicht mehr zum Eierlegen und Milchgeben genutzt werden können? Sie lösen sich ja nicht einfach in Luft auf. Außerdem werden tierische Exkremente vom ökologischen Landbau zum Düngen verwendet. Im Ökolandbau gibt es deswegen die Tierhaltung nur in der Verbindung mit einer bestimmten Anbaufläche. Würde man Tierhaltung ausschließen, weil man kein Fleisch mehr isst, würde sich auch die Frage nach dem organischen Dünger neu stellen. Tierhaltung in einem gewissen Umfang ist also sinnvoll und gewünscht, um Landwirtschaft zu betreiben, und damit geht auch ein gewisser Fleischverzehr einher. Die aktuelle Masse an Tierhaltung zum Fleischverzehr ist jedoch fragwürdig.

kreuzer: Was empfiehlt die Verbraucherzentrale zum Thema Fleischkonsum?

BRENDEL: Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist Fleischverzehr schon zu empfehlen, man muss aber, um vollwertig gesund zu essen und gesund zu sein, nicht zwangsläufig Fleisch essen. Wir raten sowohl aus gesundheitlicher Sicht als auch im Hinblick auf Tierhaltung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, eher weniger Fleisch zu verzehren und dafür umso mehr auf Qualität zu achten. Wenig Fleisch bedeutet, dass man pro Woche zwischen 300 und 600 Gramm zu sich nehmen sollte, das sind etwa zwei Portionen Fleisch pro Woche, jeweils mit 120 Gramm berechnet, der Rest würde für Aufschnitt oder zum Kochen von Suppe anfallen.


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