Startseite / Kultur / »Immer schön mit der Wirklichkeit kämpfen«

»Immer schön mit der Wirklichkeit kämpfen«

Die Filmemacher Dinah Münchow und Stephan Liskowsky über ihren neuen Film und die Vorliebe fürs Dokumentarische

Oliver heißt jetzt Hassan. Margaret will in den Himmel. Juliane fühlt sich nackt ohne Kopftuch. Alle drei haben eine Entscheidung getroffen: Sie sind zum Islam konvertiert. Über zwei Jahre lang filmten die Leipziger Dinah Münchow und Stephan Liskowsky die drei Neu-Konvertiten und greifen damit ein gesellschaftlich heikles Thema auf, das immer wieder auf Unverständnis und Intoleranz stößt. Authentisch und lebensnah decken sie in ihrem Film »Hinter der roten Linie« ganz behutsam ein Leben zwischen den Stühlen auf.

Oliver heißt jetzt Hassan. Margaret will in den Himmel. Juliane fühlt sich nackt ohne Kopftuch. Alle drei haben eine Entscheidung getroffen: Sie sind zum Islam konvertiert. Über zwei Jahre lang filmten die Leipziger Dinah Münchow und Stephan Liskowsky die drei Neu-Konvertiten und greifen damit ein gesellschaftlich heikles Thema auf, das immer wieder auf Unverständnis und Intoleranz stößt. Authentisch und lebensnah decken sie in ihrem Film »Hinter der roten Linie« ganz behutsam ein Leben zwischen den Stühlen auf.

kreuzer: In eurem Film porträtiert ihr drei ungewöhnliche Menschen, deren religiöse Lebensweise aneckt. Wie seid ihr auf das Thema gekommen?

STEPHAN LISKOWSKY: Wir waren ein halbes Jahr in Asien unterwegs und sind dort sehr stark mit dem Islam in Kontakt gekommen, gegen den wir bis dato viele, hierzulande typische Vorbehalte hatten.

DINAH MÜNCHOW: Also vielleicht nicht sehr viele Vorbehalte. Wir hatten solche, die man eben hat, wenn man etwas nicht so genau kennt. Das Bild, dass in islamisch geprägten Ländern ausschließlich patriarchalische Strukturen herrschen und sich nur die Frauen um die Kinder kümmern. Auf dieser Reise wurde Vieles auf den Kopf gestellt. Als wir zurückkamen, haben wir angefangen zu recherchieren.

kreuzer: Im Film begleitet ihr ostdeutsche Konvertiten.

LISKOWSKY: Ja, da wir beide aus dem Osten kommen, haben wir Leute gesucht, die einen ähnlichen biographischen Hintergrund haben. In der DDR gab es wahrscheinlich keine Muslime und man war ohnehin nicht so religiös geprägt. Die Entwicklung vom Atheisten zum Muslim, der sich strengen Regeln unterwirft, fanden wir spannend.

kreuzer: In »Hinter der roten Linie« habt ihr euch auf Interviews als Stilmittel beschränkt. Gab es Überlegungen, auch das Umfeld der drei zu zeigen?

MÜNCHOW: Die Gespräche mit Juliane, Oliver und Margaret über ihre Konversion waren sehr intensiv. Beobachtungen hätten ihre persönlichen Gründe und Konflikte nicht abbilden können. Wir wollten natürlich auch deren Welt zeigen und das, was im Film zu sehen ist, ist tatsächlich die Welt von zum Beispiel Juliane. Ihr Zuhause war der einzige Ort, wo ich sie treffen konnte, ohne dass dann doch noch irgendwer dabei sein musste.

kreuzer: Es stellt sich unweigerlich die Frage, warum die drei Muslime werden, in einer Gesellschaft, die alles Islamische dämonisiert. Eine gewisse Medienskepsis ist da sicher vorprogrammiert?

MÜNCHOW: Also, es hat ein wenig gedauert, bis sie uns vertraut haben. Gerade zu Beginn der Dreharbeiten sind ein paar Medienberichterstattungswellen zum Thema Islam über uns hinweg gerollt. Das hat die Arbeit erschwert. Da war ich schon sehr glücklich, dass wir mit unseren Protagonisten nie den Kontakt verloren haben und sie uns immer wieder in ihre Welt gelassen haben. Es war aber sehr viel Überzeugungsarbeit von Nöten. Die hatten einfach Angst, dass wir sie auch wieder in die Pfanne hauen und sagen: »Guck mal da, wie komisch, das geht ja gar nicht.« Wir haben im Vorfeld auch zugesagt, dass wir uns den Film am Ende gemeinsam anschauen.

kreuzer: Eine Angst bzw. Skepsis, die Oliver im Film auch ausspricht. Er entzieht sich zunehmend Eurer Zusammenarbeit…

LISKOWSKY: Das hatte nichts mit uns zu tun. Oliver hat sich insgesamt einfach immer mehr abgekapselt. Wir hatten noch Kontakt, aber er hat sich von allen Nicht-Muslimen immer weiter zurückgezogen. Auf einmal war er verheiratet, man hat ihn schwer erreicht. Er wurde immer religiöser, auch äußerlich. Und dann ganz plötzlich war er wirklich weg. Wir haben gehört, dass er mit seiner Frau nach Jordanien gezogen ist.

kreuzer: Ihr macht hauptsächlich Dokumentation…

LISKOWSKY: Ich finde die Wirklichkeit oft spannender als das, was sich jemand ausdenkt. Auch beim Dokumentarfilm erzählt man ja Geschichten und sucht nach Konflikten. Wenn ich es dann schaffe, in der Wirklichkeit diese spannenden Geschichten zu erzählen, dann ist das viel mehr wert, als wenn ich das nachstellen müsste.

MÜNCHOW: Man kann immer so schön mit der Wirklichkeit kämpfen.

LISKOWSKY: Und am Ende gibt es Entwicklungen, die man vorher nicht gesehen hat. Jeder Drehtag ist wie ein Abenteuer.

kreuzer: Habt ihr schon Pläne?

MÜNCHOW: Seit einem halben Jahr begleiten wir Schwererziehbare, die eigentlich ganz sympathisch sind. Man muss ein ganz schön dickes Fell haben und viel aushalten können, um auch mal ein normales Wort zu wechseln. Aber wir gewöhnen uns noch aneinander.

23./25.9., 2./3.10. LURU-Kino auf der Spinnerei, in Anwesenheit der Regisseure
Film | aus dem kreuzer-Heft 09.10

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.