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»Revolution? Stuttgart 21 ist doch eher wie Public Viewing«

Die Theatergruppe Chance2010 inszeniert die Hamletmaschine als Gastspiel im Spinnwerk

Ideologien, die Suche nach Gemeinsamkeit, Wortschleim. Drei Themen, die nur einen kleinen Einblick geben können in die Reichhaltigkeit des 1977 von Theaterlegende Heiner Müller geschriebenen Stücks. Die „Hamletmaschine“ am Sonntag und Montag im Leipziger Spinnwerk. Ein Gespräch mit Regisseur David Perlbach.

Ideologien, die Suche nach Gemeinsamkeit, Wortschleim. Drei Themen, die nur einen kleinen Einblick geben können in die Reichhaltigkeit des 1977 von Theaterlegende Heiner Müller geschriebenen Stücks. Die „Hamletmaschine“ am Sonntag und Montag im Leipziger Spinnwerk. Ein Gespräch mit Regisseur David Perlbach.

kreuzer: Die Hamletmaschine ist ihre erste Inszenierung. Warum haben Sie dafür ausgerechnet ein Stück genommen, dem nachgesagt wird, schwer aufführbar zu sein?

David Perlbach: Naja, generell ist alles aufführbar. An dem Stück gibt es zwei Dinge, die mich interessieren. Erstens, das Scheitern, das ist vor allem der Verlust der Ideologie und zweitens die Enttäuschung über diesen Verlust. Mich interessiert, was uns das heute noch zu sagen hat. Am Anfang unserer Inszenierung liegt Hamlet in der Ecke rum, als Relikt alter Tage und wird dann von den Besen der Bühnenarbeiter wieder zum Leben erweckt. Ausgraben, Wiederentdecken, Wiederverbergen, das taucht als Motiv häufig auf, auch auf der körperlichen Ebene.

kreuzer: In eurer Inszenierung gibt es neben Hamlet und Ophelia noch Bühnenarbeiter. Welche Rolle spielen sie?

Perlbach: Sind sie die Alltagsebene, im Gegensatz zur mythischen Ebene der Figuren Hamlet und Ophelia. An einer Stelle sagt der Hamletdarsteller: „Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht.“ Diese Leute habe ich auf die Bühne geholt. Sie müssen auffegen, aufräumen, Bühnenteile abbauen und sie sprechen einige andere, privatere Texte von Müller. Das ist schon der Versuch, ihn nicht auf seinem großen Sockel stehen zu lassen, vielleicht eine Art Verbeugung vor seinen Trümmern.

kreuzer: Im Originaltext der Hamletmaschine heißt es an einer Stelle, „der Aufstand beginnt mit einem Spaziergang gegen die Verkehrsordnung“. Das erinnert ein wenig an Stuttgart 21…

Perlbach: Ja, wir haben tatsächlich diskutiert, ob wir Stuttgart 21 oder auch die Atomproteste mit reinnehmen. Ereignisse, bei denen man sagen würde, das ist so eine Art Aufbegehren. Da versammeln sich die Leute aus dem Volk, demonstrieren, halten Transparente hoch, setzen sich mit der Polizei auseinander. Aber für mich ist das näher an Public Viewing und Fan-Meile als an Revolution oder Aufstand. Was sich zeigt ist, dass offenbar gerade da, wo die Ideologie verloren gegangen ist, man sich nach Gemeinschaft sehnt. Und dass man dann solche Dinge, von denen man glaubt, dass sie gut sind, wie eben alte Bäume retten oder so, dass man das gerne an sich nimmt und sich damit identifiziert.

Hamletmaschine: 17. und 18. Oktober, 20 Uhr, Spinnwerk, 7 / 5 Euro
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