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»So könnt ihr nicht nach Israel fahren«

Das Theater der Jungen Welt gastierte mit »Kinder des Holocaust« einige Tage in Israel

Der Holocaust auf der Bühne? Und dann auch noch in Israel? Das Leipziger Theater der Jungen Welt (TdJW) ging das Wagnis ein und machte das Buch »Kinder über den Holocaust« zum Bühnenstoff. Eine knappe Woche waren die jungen Theatermacher nun auf Einladung des Goethe-Instituts in Tel Aviv und gaben drei Aufführungen von »Kinder des Holocaust« in der benachbarten Kleinstadt Herzliya. Unser Theaterredakteur Tobias Prüwer hat die Reise begleitet.

Wie spricht man angemessen über die Opfer, wie mit den Überlebenden dieser deutschen Vernichtungsmaschinerie? Läuft nicht jedes konkrete Benennen des Grauens darauf hinaus, es zu relativieren oder zu verharmlosen? Und was hat Jugendtheater heute zum Nationalsozialismus zu sagen?

Viele Fragen am Anfang einer Reise, die schon mit dem Wagnis des TdJW beginnt, das Buch »Kinder über den Holocaust« zum Bühnenstoff zu machen. Darin sind 55 Interviewprotokolle jüdischer Kinder enthalten, die der Vernichtung entkamen. Sie bilden den Rahmen der Inszenierung, bei der Regisseur Martin Kreidt auf den Charakter eines klassischen Stücks verzichtet.

Vier Sprecher sitzen an Pulten im hinteren Teil des sonst leeren Bühnenraums und rezitieren Auszüge der Berichte. Die ruhigen Monologe brechen immer wieder ab, werden von anderen abgelöst. Der mehrstimmige Vortrag verknüpft die Textfragmente zu einer Art Endlosschleife der Verbrechen und des Leids, die ohne Bilder auskommt. Neben den professionellen Sprechern treten elf jugendliche Laien auf. Innerhalb eines halben Jahres entwickelten sie eigene Improvisationen, die sich mit Situationen der (Ohn-)Macht auseinandersetzen, seien es ein Coming-out, Mobbing in der Lehre oder die Clownsnase, die einem Schläger nicht passt. In einer fiktiven Schlachtordnung stehen sich wütende Orks und finstere Magier gegenüber. Das Spiel der Jugendlichen neutralisiert den protokollierten Schrecken dabei keineswegs. Es geht mit dem Vortrag eine symbiotische Beziehung einher, welche die Eindringlichkeit verstärkt. Diese nicht einfache Inszenierung muss auch in der Levante zu sehen sein, meinte Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv. In Kooperation mit dem Habima Theater Tel Aviv, das zurzeit eine Baustelle ist, bot sich das Herzliya Theater als Spielort an.

»Connewitz, da hat’s geblitzt«, lässt mich vor der Vorstellung eine ehemalige Leipzigerin wissen, die einst in der Arno-Nitzsche-Straße wohnte. Sie konnte vor der deutschen Mordlust flüchten und hat vor langer Zeit ein neues Zuhause in Israel gefunden. Sie war nur eine von vielen älteren Menschen im Publikum, darunter einige ehemalige Leipziger, von denen viele Angehörige im Nationalsozialismus verloren haben. Hoch interessiert daran, dass und vor allem wie sich die deutschen Jugendlichen auf ganz eigene Weise mit dem Holocaust, der Shoa auseinandergesetzt haben, besuchen sie die erste Aufführung – was die Anspannung bei den TdJW-Leuten weiter ansteigen lässt.

Nach einem Grußwort der Oberbürgermeisterin von Herzliya, Yeal German, erklärt Leipzigs Bürgermeister Thomas Fabian, die Stadt Leipzig müsse sich ihrer Verantwortung im Nationalsozialismus stellen, denn auch sie trage eine Schuld. Zudem kündigt er die Städtepartnerschaft von Herzliya und Leipzig ab dem kommenden Januar an. Die Aufführung schließlich verläuft absolut souverän, die besondere Aufregung der Schauspieler ist im Publikum nicht zu bemerken. Der Moment, als die Clowns das erste Mal auftauchen, ist noch einmal heikel: Wie reagiert das Publikum? Die jungen Israelis aber lachen über die Slapstick-Nummer, womit sich die Älteren auseinandersetzen müssen – und es wird klar: Das Stück funktioniert auch in Israel. Hernach gibt es Applaus – der klingt verhalten, ist aber in seiner bestimmten Kürze durchaus üblich, wie mir mitgeteilt wird. Zur sich anschließenden Diskussion bleiben überraschend viele Zuschauende im Saal, was auch an den beiden anderen Abenden der Fall ist.

Die Publikumsfragen betreffen zum Teil die Herangehensweise an das Stück, das Finden der Amateurschauspieler und die Art der Aufführung. Eine Besucherin bringt zum Ausdruck, dass die Bearbeitung des Themas für Israel außerordentlich unemotional sei, begrüßt diese Herangehensweise aber in ihrer Eigenart. Dass es nicht um die Emotionalisierung durch ein Identifizieren geht, betont TdJW-Intendant Jürgen Zielinski. Ein solches sollte gerade vermieden werden, weil die Grundprämisse dieser Inszenierung die Undarstellbarkeit des Holocaust sei. Auch andere Sprecher loben das Engagement, sagen aber auch, sie müssen erst darüber nachdenken, ob ihnen die Inszenierung gefalle. Dafür ist diese sicherlich nicht gemacht, bringt aber in den Diskussionen zu Tage, dass es auch in Israel Schwierigkeiten gibt, die junge Generation für das Thema Shoa zu interessieren und man daher auch hier an anderen Ansätzen interessiert ist.

Wie nun lässt sich diese Reise bilanzieren? Ohne in Prozenten abzuwägen, kann man feststellen, dass das Gros des Publikums das Gastspiel positiv aufgenommen hat – unabhängig davon, ob sie diese nun in Form oder Inhalt als gelungen ansah. Oft wurde gelobt, allein der Umstand, dass sich deutsche Jugendliche auf eigene Art einen Zugang zum Thema erarbeitet haben, sei produktiv und gut. Manche, gerade Ältere, äußerten gar ihre Dankbarkeit für den Auftritt. Besonders bewegend waren die Begegnungen mit Menschen, die der Shoa entkamen. »Ich bin ein Kind des Holocaust«, meinte eine Dame später. Und fügte hinzu: »Das wollte ich bei der Diskussion aber nicht sagen, weil es nicht um mich, sondern um die Jugendlichen geht.« Sie selbst sei über jene berüchtigte »Odyssee der Kinder« nach Israel gekommen und froh über die Auseinandersetzung mit der Shoa durch das Theaterstück. Es gab aber auch andere Stimmen. So wurde von einer Zuschauerin geäußert, sie sei froh, dass ihre Großmutter das Stück nicht gesehen habe. Eine andere meinte, die deutschen Jugendlichen wüssten gar nicht, was während der Shoa geschehen sei und hätten sich solch eine Aufführung vor ein paar Jahren nicht getraut. Ähnliches war bereits in Deutschland zu hören gewesen: »So könnt ihr nicht nach Israel fahren.«

Und doch war es gut, mit diesem Stück nach Israel gekommen zu sein. Denn wir alle haben ein großes Bündel unterschiedlicher Erfahrungen als Gepäck mit zurücknehmen dürfen. »Change is starting with little things«, brachte es eine Beteiligte zum Ausdruck. Und ja, vielleicht kann Kunst doch etwas bewegen, Theater die Welt ein Stück weit verändern.

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