Startseite / Kultur / Menschen, Tiere, Sensationen

Menschen, Tiere, Sensationen

Die »Spurensuche« geht weiter – Halbzeit bei der euro-scene im 20. Jubiläumsjahr

Seit Dienstag stehen in Leipzig alle Zeichen auf Tanztheater. Die 20. euro-scene läuft und hat bereits an den ersten Tagen mit spannenden Inszenierungen die Zuschauer überzeugt. Viele Veranstaltungen waren ausverkauft, gut besucht jede. Das Tanztheater-Festival trägt in diesem Jahr den Titel »Spurensuche« und geht noch bis einschließlich Sonntag. Ein kurzer Zwischenbericht unseres Theaterredakteurs Tobias Prüwer.

Den furiosen Start am Dienstag Abend bildet »Out of Context – for Pina« von Alain Platel und »les ballets C de la B«. Platel, eine Art Dauerbrenner der Leipziger euro-scene, hat sein neuestes Tanztheaterstück der vor einem Jahr gestorbenen Choreografin Pina Bausch gewidmet. Platels Idee: Das Unterbewusstsein, einmal losgelassen, bricht sich Bahn. »Out of Context«: Herausgefallen aus der Gesellschaft, sozialen Zusammenhängen entrissen und die Grenze zwischen Kultur und Natur abschreitend, wirbeln die neun Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne. Zapplig und rucklig sind ihre Etüden zur Musik von Glenn Gould. Dazu gibt es Tierlaute. Fesselnd-faszienierende Bilder entstehen auf der Bühne, humorvolle Elemente nehmen dem Thema die Schwere – das Publikum gibt sich begeistert und beseelt.

Um Instinkte, Animalisches und den in die Natur geworfenen Menschen geht es auch in der Uraufführung von »Prophezeiung 20/11«. Diese Eigenproduktion der euro-scene unter der Regie des Leipziger Philipp J. Neumann nahm die Prophezeiungen eines antiken indischen Mönchs zum Ausgangspunkt, um sich mittels Tanz-, Theater- und Objektkunst den Fragen nach der (Un-)Menschlichkeit zu nähern. Wie muss man sich eine Welt vorstellen, in der Menschen des Verstandes beraubt sind? Sind solche instinktgesteuerten Muster überhaupt noch menschlich und wie verhalten sie sich gegenüber Tieren? Zwischen zwei sich gegenübergestellten Zuschauerrängen entspinnt sich ein höchst bewegliches, zuckendes Knäuel aus vier Tanzenden. In verrenkten Leibesübungen vermessen sie den Bühnenraum, stecken ihre Claims ab.

Die heruntergelassene Decke spannt sich, kurz wird es schwarz und nachdem auf diese Weise der Reset-Button gedrückt ist, beginnt diese Versuchsordnung von vorn. Wie ein Engel der Geschichte, in die Geschichte verstrickt, kniet ein Knabe am Rand und kehrt ihnen den Rücken zu. Schließlich reißt er sich los, der Himmel fällt den Tanzenden auf den Kopf, schäfchenwolkig schließlich die Versöhnung aller mit der Natur. Dieses »Instinkttheater« genannte Experiment wirft den Zuschauer letztlich auf sich selbst zurück. Sperrig und doch intuitiv, abstrakt und anmutig, gibt dieser meditative Abend zu denken.

Eine letzte Perle sei dieser Aneinanderreihung noch beigefügt: »Sam faves« (»Einige Favoriten«). Performer Ivo Dimchev reiht darin rund zehn kleine Einzelszenen zum großen Spiel um das Verhältnis von Künstler und Publikum zusammen. Zwischen absurden Posen und Gesten des Schmerzes bespielt der theatrale Solist die Zuschauenden und erschafft eine intensive Stunde, die mehr als unterhaltend ist. Selbige Wirkung sei nun auch den Inszenierungen der restlichen Tage gewünscht.

euro-scene Leipzig, 2.-7.11.
http://www.euro-scene.de
Online

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.