Startseite / Kultur / Wie politisch ist das Private, wie privat das Politische?

Wie politisch ist das Private, wie privat das Politische?

Die 61. Berlinale ist vorüber und vergibt den Goldenen Bären an Asghar Farhadi

Die Tendenz, die sich in den vergangenen zehn Tagen klar abgezeichnet hat, ist, dass das Filmfestival, das sich selbst die politische Absicht auf die Stirn schreibt, sehr privat von den äußeren Umständen erzählt. Am Wochenende wurde mit der Vergabe des Goldenen Bären nun das zur Gewissheit, was schon in der Luft lag: Erstmals in der Geschichte der Berlinale geht der Hauptpreis an einen Beitrag aus dem Iran.

Am Wochenende wurde mit der Vergabe des Goldenen Bären das zur Gewissheit, was in den letzten Tagen schon in der Luft lag: Erstmals in der Geschichte der Berlinale geht der Hauptpreis an einen Beitrag aus dem Iran, an Asghar Farhadis »Nader und Simin, eine Trennung«. Farhadis Film galt bereits in den letzten Tagen als Favorit für die Trophäe. Das Scheidungsdrama erhielt neben dem Hauptpreis der 61. Filmfestspiele noch drei weitere Auszeichnungen: Die Silbernen Bären für die beste Darstellerleistung gingen sowohl an das weibliche wie auch männliche Schauspiel-Ensemble. Auch den Preis der Ökumenischen Jury verdiente sich der iranische Beitrag.

Damit führte die 61. Berlinale ihren Solidaritätsaufruf für den im Iran inhaftierten Regisseur Jafar Panahi konsequent weiter. Während Jafar Panahi die Kritik an dem von Zensur und fundamentalistischer Religion bestimmten Staat offen äußerte, geht Asghar Farhadi behutsamer vor und siedelt die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen seines Heimatlandes im Privaten an, im Kern der Familie. Eine Vorgehensweise, die sich durch viele Filme bei der diesjährigen Berlinale zieht: Die Geschichten hinter der Geschichte rücken in den Vordergrund. Paula Markovitch erinnert sich in ihrem semi-biografischen Film »El Premio«, der zwei Silberne Bären für herausragende künstlerische Leistungen erhielt, an ihre eigene Kindheit in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt sie aus der Sicht eines 8-jährigen Mädchens, das an einem Schreibwettbewerb an ihrer Schule zum Thema Armee teilnimmt und damit ihre Familie unbewusst in Schwierigkeiten bringt, weil sie unbefangen über deren politische Einstellung schreibt. Die Familie taucht in einem Lagerraum am Strand unter. Während die Mutter fleißig Bücher im Sand vergräbt und damit ihre politische Haltung, sehnt sich die Kleine nach einem unbeschwerten, normalen Leben. Markovitch geht es wie sie in einem Interview sagt nicht darum, das kollektive Schicksal eines Landes nach zu empfinden, sondern vielmehr darum, was im Kopf eines Kindes vor sich geht, wenn die äußeren Umstände von einem diktatorischen Alltag geprägt sind.

Sehnsucht nach einem normalen Leben haben auch die Geschwister Nik und Rudina in Joshua Marstons »The Forgiveness of Blood«, der den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielt. Auch sie werden aufgrund der äußeren Umstände zu einem Leben hinter verschlossenen Türen gezwungen. Zunächst führen sie das Leben ganz normaler Jugendlicher im Norden Albaniens. Da gibt es Internet, Facebook und die erste Schwärmerei. Doch plötzlich sehen sich die Geschwister gefangen in der uralten Tradition des Landes. Nachdem ihr Vater des Mordes angeklagt wird, muss sich Nik dem »Kanun« beugen, dem albanischen Gewohnheitsrecht, nach dem die männlichen Familienmitglieder das Haus nicht verlassen dürfen, bis der Vater sein Versteck aufgibt.

Die Filme haben etwas von einem politischen angehauchten Kammerkino, wenn man es so nennen kann. Es werden intime Welten eröffnet, die mehr Weltgeschehen präsentieren, als es manchmal scheint. In die Familiengeschichten, Trennungsdramen, Liebesromanzen und Alltagsbilder graben sich die Zeichen der Zeit tief ein. Die Tragik des Weltlaufs schleicht sich bis in die Wohnzimmer. Da wird selbst die Geschichte der RAF zu einer sehr persönlichen: Andres Veiel beispielsweise gibt in seinem Beitrag »Wer wenn nicht wir« einen Einblick in Gudrun Ensslins Leben, lange bevor sie dieses endgültig dem politischen Untergrund widmete. In der Pressekonferenz zum Film betonte Veiel, warum er weiter in der Geschichte zurückreist: »Man muss früher anfangen, in die Kernzelle des Privaten eindringen und nicht nur mit bekannten Bildern wie der Ermordung von Benno Ohnesorg, also den Eckpfeilern der RAF-Geschichte spielen, die ohnehin jeder kennt. Ich wollte die Treibsätze des Privaten thematisieren, denn das Private hängt sehr stark mit dem Politischen zusammen.« Veiel will mit seinem Film einen Teil der RAF-Geschichte beleuchten, der bislang noch nicht öffentlich breit getreten wurde, sagt der Regisseur, und der ein sehr persönlichen Blick auf ein Frontgesicht des deutschen Terrorismus wirft.

Immer wieder tauchte damit einhergehend auf der Berlinale die Frage danach auf, wie Geschichte überhaupt erzählt werden soll. Dominik Graf, der sich mit Christian Petzold und Christoph Hochhäusler für das gelungene ARD-Fernsehexperiment »Dreileben« zusammengetan hat und das Ergebnis nun in Berlin präsentierte, sucht vor allem nach »Leerstellen« in der Geschichte: »In den Übergängen, in den nicht erzählten Teilen, scheint sich für mich Geschichte viel mehr zu präzisieren. Ich versuche bei meiner Arbeit auf blinde Stellen zu stoßen. Es gibt so viele dunkle, unerzählte Ecken, die interessieren mich am meisten.« In »Dreileben« begeben sich Petzold, Graf und Hochhäusler in eine Stadt in Südthüringen, nach Suhl. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist ein Schwerverbrecher, der aus einer Klinik flieht. Alle drei Regisseure haben um dieses Ereignis einen 90-minütigen Film gedreht, jeweils aus einer anderen Perspektive. Petzold verortet das Geschehen im südthüringischen Raum, Dominik Graf zeichnet ein sehr genause Bild der dortigen Bevölkerung und Hochhäusler durchstöbert die Vergangenheit.

Doch fernab dieser privaten Geschichten mit politischem Gewicht, gab es auch sehr beherzte, zeitlose Geschichten, die einen loslösen vom Gedanken über den Weltlauf und ganz leicht von der alltäglichen Verliebtheit, den Hürden des Alters oder einfach nur von der Pubertät berichten. In dieser Spanne war wohl » Submarine« einer der erfrischendsten Filme im diesjährigen Programm. Eine Coming-Of-Age-Geschichte über den jungen, wortgewandten und etwas ungelenken Oliver Tate in Dufflecoat, dessen verklemmte Eltern und einen esoterischen Nachbarn, der ein früherer Liebhaber der Mutter ist. Das Debüt des Briten Richard Ayoade versammelt einen ganzen Haufen skurriler Charaktere und lässt einen Gag den anderen jagen.

Ähnlich leicht ist Julie Gavras‘ wunderbare Komödie »Late Bloomers«, in der Jury-Präsidentin Isabella Rossellini seit langem in einer Hauptrolle zu sehen ist. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Mary (Isabella Rossellini) und ihr Ehemann Adam (William Hurt), beide um die 60, die plötzlich feststellen, dass sie mittlerweile zu den Senioren gehören und jeder auf ihre ganz eigene Weise damit umgehen. Sie trennen sich daraufhin, jedoch nur um sich wieder neu zu finden. Julie Garvas wirft einen herrlich warmherzigen Blick auf die Tücken des Älterwerdens. Und Isabella Rossellini ergänzt bei der Pressekonferenz schmunzelnd: »Es wird euch allen so ergehen.« Ja, in der Tat, jünger werden wir auf jeden Fall nicht. Bleibt also noch zu überlegen, was man aus den zehn Tagen Berlinale sonst noch mit nach Hause nimmt: Die Erkenntnis darüber, dass einige der Filme sicher in den nächsten Monaten durch die deutschen Kinos wandern werden, andere haben sich auch so ins Herz und die Erinnerung eingenistet. Wieder andere Filme werden sich ganz leise aus dem Gedächtnis schleichen und in Vergessenheit geraten. Bis die 62. Berlinale ihre Tore öffnet und man überlegt, was war denn eigentlich letztes Jahr.


Online

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.