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»Wir wollen kein protziges Denkmal«

Eine internationale Jugendwerkstatt liefert überzeugende Ideen zum Einheitsdenkmal

»What does it mean, ‚peaceful Revolution’«, fragt der 19-Jährige Matthew aus Houston. Schnell werden Wörterbücher gewälzt – englische, deutsche und polnische – Erklärungen gesucht und in Büchern nicht gefunden. 20 Jugendliche aus Leipzig, Houston, Krakau und Hannover trafen sich für fünf Tage in Leipzig, diskutierten über den Herbst ’89 und das neue Einheitsdenkmal, welches es bald geben soll – mit überzeugenden Ideen.

»What does it mean, ‚peaceful‘ Revolution’«, fragt Matthew (19) aus Houston. Wörterbücher werden gewälzt, englische, deutsche und polnische. Erklärungen gesucht und in Büchern nicht gefunden. Matthew schüttelt den Kopf: »There’s a lot of new vocabulary for me. ‚peaceful Revolution‘, it doesn’t exist.« Mittwoch Morgen im Seminarsaal des zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Der dritte Tag der internationalen Jugendwerkstatt hat begonnen.

20 Jugendliche aus Leipzig und den Partnerstädten Houston, Krakau und Hannover trafen sich für fünf Tage in Leipzig, diskutierten über den Herbst ’89 und überlegten, wie ein Denkmal für jene denkwürdigen Ereignisse aussehen könnte. Die jungen Leute befragten u.a. Zeitzeugen der Friedlichen Revolution aus Leipzig, Dresden und Plauen.

Eines kam dabei zuerst ans Licht. Nicht nur Matthew aus Houston, auch die Jugendlichen aus Leipzig, haben nur wage Vorstellungen vom Herbst ’89 – Faktenwissen existiert kaum. »In dem Gespräch mit den Zeitzeugen beeindruckte mich immer wieder, dass es für einen derart komplexen Konflikt eine gewaltfreie Lösung gab.« sagte Ellen, die 17-Jährige Schülerin vom Evangelischen Schulzentrum in Leipzig.

Die Schüler entwickelten Ideen für die Botschaft des Denkmals, die künstlerische Umsetzung und den Standort. Ihre Ergebnisse haben sie abschließend in einer Expertenrunde Oberbürgermeister Burkhard Jung präsentiert: »Wir wollen kein protziges Denkmal, vor dem man ehrfürchtig Kränze niederlegt«, meint Ruben, »sondern ein Denkmal, dass diese Botschaft der Friedlichen Revolution vermittelt, nämlich, dass eine Veränderung im Gesellschaftssystem auf friedlichem Weg möglich ist.«

Burkhard Jung ist begeistert: »Ich höre vor allem eines heraus, es soll ein Denkmal für die kommenden Generationen werden. Diesen Ansatz finde ich wunderbar.« Von den Ergebnissen des Projektes erhofft sich Jung auch Impulse für die öffentliche Auseinandersetzung. „Ohne Zweifel polarisiert das Freiheitsdenkmal noch die Bürgerschaft. Wir haben noch viele Diskussionen vor uns und müssen mit hervorragenden Entwürfen überzeugen.«

Fünf Millionen Euro hat der Bund für das Leipziger Denkmal in Aussicht gestellt. Der Freistaat Sachsen wird sich mit bis zu 1,5 Millionen Euro am Denkmal beteiligen. Im Juli wird der künstlerische Auftrag international ausgeschrieben. Am 9. Oktober 2014, zum 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution, soll das Denkmal eingeweiht werden. Über den Standort waren sich die Schüler zunächst uneinig.

Den Augustusplatz favorisierten vor allem die Jugendlichen aus Krakau: »Die historische Bedeutung des Platzes spricht für mich ganz klar dafür«, sagt die 17-jährige Anna. »Aber auf dem Platz gibt es bereits Brunnen und Denkmäler, ein neues Denkmal müsste sehr auffällig sein, damit man es überhaupt wahr nimmt.« hält Sophie dagegen. »Ich finde den Ring und den Leuschner Platz geeigneter.«

»Also mein Vorschlag wäre, den Augustusplatz einfach umzunennen in ‚Platz der Friedlichen Revolution’«, ergänzt Bruno. Der 18-Jährige und die anderen Jugendlichen hatten zuvor auf einer historischen Stadtführung die Orte der Friedlichen Revolution erkundet. Über den konkreten Standort wird der Stadtrat vor der Sommerpause entscheiden. Zum Abschluss der knapp einwöchigen internationalen Begegnungswoche, die in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung stattfand, sagte Donata, die Lehrerin aus Krakau: »Ich konnte mich richtig in das Geschehen von 1989 hinein versetzen und bin gespannt, wie das Denkmal aussehen wird.«

Eines steht nach diesen fünf Tagen bereits fest. Was die Jugendlichen erlebt haben war feinster Geschichtsunterricht, wie ihn kein Lehrer hätte besser machen können. Ganz nebenbei gab es auch Lektionen in Englisch, denn die Workshops, Führungen und Diskussionen wurden teilweise auf Englisch gehalten. Allein dieser Bildungsaspekt macht die Jugendwerkstatt zum Freiheits- und Einheitsdenkmal besonders und wertvoll.

Die Krakauer und Hannoveraner Lehrer wußten das offenbar, denn sie sind mit ihren Schülern während der Schulzeit nach Leipzig gekommen, quasi auf Bildungsexkursion. Lediglich die Leipziger Gymnasiasten »mussten« für diese fruchtbare Themenwoche eine paar Tage ihrer Winterferien »opfern«. Geschadet hat ihnen das mit Sicherheit nicht.

Ergebnisse der Werkstattphase werden am 8. März um 19 Uhr gezeigt
Alte Handelsbörse, Vorstellung und anschließende Diskussion
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