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»Kinder sind harte Kritiker«

Theaterregisseur Yüksel Yolcu über die Inszenierung »Der Junge mit dem Koffer« am Theater der Jungen Welt

»Wir gehen«, »Warum?«, »Nimm mit, was du brauchst. Schnapp dir deinen Koffer.« – Jäh wird der kleine Naz vom Vater aus dem Schlaf gerissen. Die Familie muss fliehen vor einem anonymen Krieg, Zeit zum Packen bleibt keine. Durch die Wüste, über die Berge und das Meer führt ihre Flucht – in seiner kindlichen Fantasie verbindet Naz diese mit den Geschichten von Sindbad dem Seefahrer. »Der Junge mit dem Koffer« läuft am Samstag im Theater der Jungen Welt. Regie führt der Schauspieler, Dramaturg und Regisseur Yüksel Yolcu, der mit uns über seine aktuelle Inszenierung gesprochen hat.

»Wir gehen«, »Warum?«, »Nimm mit, was du brauchst. Schnapp dir deinen Koffer.« – Jäh wird der kleine Naz vom Vater aus dem Schlaf gerissen. Die Familie muss fliehen vor einem anonymen Krieg, Zeit zum Packen bleibt keine. Durch die Wüste, über die Berge und das Meer führt ihre Flucht – in seiner kindlichen Fantasie verbindet Naz diese mit den Geschichten von Sindbad dem Seefahrer. »Der Junge mit dem Koffer« läuft am Samstag im Theater der Jungen Welt. Regie führt der Schauspieler, Dramaturg und Regisseur Yüksel Yolcu, der u.a. mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin für die Förderung des Jugendtheaters ausgezeichnet wurde.

kreuzer: Was reizte Sie am Stoff »Der Junge mit dem Koffer«?

YÜKSEL YOLCU: Dass Kinder ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen können und über die Kraft ihrer Phantasie und Symbolkraft von Geschichten sich in der Welt der Erwachsenen behaupten können, hat mich sehr gereizt.

kreuzer: Sindbads Märchen treffen auf eine Flüchtlingsgeschichte. Sehen Sie in der Kombination eher eine Gefahr für Verklärung oder eher die Kraft zum Verständniserzeugen bei den jüngeren Zuschauern?

YOLCU: Sie erzeugt eher Verständnis, denn in Sindbad geht es auch um die Trennung vom »Elternhaus«, Loslösen und Erwachsenwerden, darum, sich selbst und seinen Weg zu finden, um Vertrauen in das Leben und Vertrauen in sich selbst zu finden.

kreuzer: Mit welchen Mitteln erzählen Sie die Geschichte von Naz? Wie macht man das Thema Migration und Flucht für Kinder und Jugendliche verständlich?

YOLCU: Eine sehr gute Frage! Das Stück gebe ich mit Mitteln des Erzähltheaters wider. Der Protagonist erzählt die Geschichte direkt zum Publikum gerichtet. Dabei werden einzelne Szenen angeschnitten und wieder weitererzählt, wobei die Reihenfolge der Ereignisse eigentlich keine Rolle spielt. Ich habe versucht mit möglichen »Bildern« und Ereignissen zu arbeiten, um nicht alles beim Erzählen zu belassen. Aber dazu muss man sagen, dass Kinder harte Kritiker sind. Wenn das, was sie auf der Bühne spielen nicht glaubwürdig ist, nicht echt oder keine Seele hat, schalten die Kinder ab. Also ist das wichtigste Mittel, womit ich arbeite, meine Haltung zu der Geschichte. Ich zeige, dass ich diese ernst nehme, mich wirklich einlassen kann auf sie und mich wirklich auf die Suche zu ihr begebe. Wie bei Sindbad eben!

kreuzer: Sie führen Regie, stehen aber auch vor der Kamera und selbst auf der Bühne. Sind das für Sie grundlegend unterschiedliche Perspektiven bzw. Rollen? Was mögen Sie davon am liebsten – sofern sich das sagen lässt?

YOLCU: Am liebste führe ich Regie, auch wenn dieser Beruf mir oft schlaflose Nächte beschert. Trotzdem liebe ich meinen Beruf sehr. Auf der Bühne zu stehen oder vor der Kamera ist auch wunderschön. Das ist dann ein guter Ausgleich zum Alltag, ein Abschalten, ein sich für Stunden Verlieren in einer anderen Welt.

kreuzer: Sie arbeiten viel im Bereich Kinder- und Jugendtheater – sehen Sie hier Unterschiede zum (bloßen) Erwachsenentheater. Inszeniert man für die Jüngeren anders?

YOLCU: Ich würde sagen, der Unterschied ist jener, dass man bei Stücken für Kinder und Jugendliche eher versucht, die Geschichten aus der Sicht der Kinder auf die Welt zu erzählen. Für Erwachsene erzähle ich aus meiner Sicht und mit meiner Vision. Kinder und Jugendliche schauen eher mit dem Bauch zu, während Erwachsene mit dem Intellekt dabei sind. Während einer »Romeo und Julia«-Vorstellung konnte ich beobachten, wie Jugendlich bei bestimmten Kussszenen rot wurden oder lange lachen, kichern mussten und irgendwie aus dem »Häuschen« waren. Theater kann bei Kindern und Jugendlichen eben sehr starke Gefühle und Reaktionen auslösen.

»Der Junge mit dem Koffer«, 2.4., 17 Uhr, Theater der Jungen Welt
http://www.tdjw.de
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