Startseite / Politik / »Zerschlagt die Energiekonzerne«

»Zerschlagt die Energiekonzerne«

Atomkraft, Kohlekraftwerke, Erneuerbare Energien – Interview mit dem Klimaaktivist Timmo Krüger

Die Energiewende ist in aller Munde, nur beim Tempo sind die Politiker uneins. Statt Kernkraft befürworten nun einige die veraltet geglaubte Kohlekraft. Timmo Krüger, einer der Protagonisten unserer aktuellen Titelgeschichte im Mai-kreuzer, hält davon gar nichts. Warum, das erzählt der Klimaaktivist im Interview. Dort erklärt er auch, weshalb die CO2-Speicherung riskant ist und er ein Klimacamp in der Lausitz mitorganisiert.

Die Energiewende ist in aller Munde, nur beim Tempo sind die Politiker uneins. Statt Kernkraft befürworten nun einige die veraltet geglaubte Kohlekraft. Timmo Krüger, einer der Protagonisten unserer aktuellen Titelgeschichte im Mai-kreuzer, hält davon gar nichts. Warum, das erzählt der Klimaaktivist im Interview. Dort erklärt er auch, weshalb die CO2-Speicherung riskant ist und er ein Klimacamp in der Lausitz mitorganisiert.

kreuzer: Die Energiewende scheint eingeleitet und nun kommen die Kohlekraftwerke als »Brückentechnologie« wieder ins Gespräch. Was hältst Du davon?

TIMMO KRÜGER: Im Rahmen der Energiewende hin zu 100 % Erneuerbaren ist kein Platz für Grundlastkraftwerke – egal ob mit Atom oder Kohle betrieben. Die schwankende Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien erfordert eine Flexibilisierung der Energie-Produktion insgesamt. Kohle- und Atomkraftwerke kann man nicht kurzfristig abschalten, deshalb sind sie nicht kompatibel mit Erneuerbaren. Von den fossilen Brennstoffen sind allein Gaskraftwerke – in Form von dezentralen Blockheizkraftwerken – als Ergänzung in den nächsten Jahren sinnvoll.

kreuzer: Warum wird nun wieder stärker auf Kohle gesetzt und sogar der Bau neuer Kohlekraftwerke gefordert – ist das notwendig?

KRÜGER: Wie Studien zeigen, sind neue Kohlekraftwerke nicht nur unnötig, sondern kontraproduktiv. Wir brauchen die konsequente Förderung dezentraler erneuerbarer Energien. Beim Bau neuer Kohlekraftwerke geht es um den Erhalt der zentralisierten Energie-Produktion, weil er äußerst kapitalintensiv ist und nur von Großkonzernen geleistet werden kann. Die Quasi-Monopolstellung einzelner Energiekonzerne gibt ihnen die Möglichkeit, die Preise zu bestimmen sowie den Ausbau der Stromnetze an ihrer Firmenstrategie auszurichten. Die Energiekonzerne müssen zerschlagen werden, da sie der Energiesouveränität entgegenstehen. Der Zugang aller zur Energieproduktion und ihre demokratische Organisation erfordert dezentrale Strukturen – und genau davor schrecken die derzeitigen Profiteure zentralisierter Energie-Produktion zurück.

kreuzer: Im Zuge der Diskussion hört man immer wieder Carbon Capture and Storage (CCS). Was hat es damit auf sich?

KRÜGER: Um der braunen Kohle ein grünes Image zu verpassen und längere Laufzeiten zu erwirken, setzen Energiekonzerne und politische Akteure auf CCS. Mithilfe dieser Technologie sollen ca. 70 % des CO2 von Kohlekraftwerken abgeschieden, verflüssigt und unter die Erde gepresst werden. CCS wird frühestens in 10-20 Jahren einsatzfähig sein und kann damit keinen Beitrag zum effektiven Klimaschutz leisten. Die Weichen für ein Abbremsen der Klimaerwärmung müssen in den nächsten zehn Jahren gestellt werden.

kreuzer: Du kritisierst die CCS auch wegen mangelnder Effizienz. Warum?

KRÜGER: Die CO2-Abscheidung am Kraftwerk führt zu Verlusten: Zur Produktion der gleichen Menge Strom muss etwa ein Drittel mehr Kohle eingesetzt werden. Dies verstärkt die sozialen und ökologischen Probleme der Kohleverstromung. Der Bergbau schädigt die Umwelt und vernichtet wertvolle Lebens- und Naturräume. Durch Tagebaue verlieren Menschen ihre Heimat und für den Kohleabbau müssen Milliarden Kubikmeter Grundwasser aus den betroffenen Regionen gepumpt werden.

kreuzer: Welche Risiken sind mit der CCS-Technologie verbunden?

KRÜGER: Nach Auffassung des Sachverständigenrates für Umweltfragen birgt sie viele ökologische Risiken. So kann ein plötzliches Zutagetreten des gespeicherten CO2 durch Risse oder an defekten Bohrlöchern nicht ausgeschlossen werden. Die darauffolgenden hohen CO2-Konzentrationen würden für Menschen und Tiere erstickend wirken. Darüber hinaus ist ein schleichender Prozess des Entweichens anzunehmen. Insgesamt sind die Auswirkungen der Lagerung auf die direkte Speicherumgebung, bspw. das Grundwasser, noch nicht ausreichend untersucht worden.

kreuzer: Als Aktivist im Klima!Bewegungsnetzwerk bist Du an der Organisation eines Klima- und Energiecamps im August 2011 in der Nierderlausitz beteiligt. Dort will Vattenfall ein Kohlekraftwerk mit CCS ausbauen. Warum engagiert Ihr Euch gerade dort?

KRÜGER: In diesem Jahr wird die Entscheidung für oder gegen die neue Technologie der CO2-»Endlagerung« (CCS) fallen. Die Bundesregierung hat einen Entwurf für ein Gesetz vorgelegt, das noch 2011 verabschiedet werden soll. Dem Entwurf nach soll die Haftung für die unterirdischen Lager nur während der ersten 30 Jahre bei den Energiekonzernen liegen. Danach wird die Öffentlichkeit über Jahrhunderte hinweg für die entstehenden Schäden aufkommen müssen. Brandenburg wird im Kampf gegen die unterirdische CO2-Verpressung das Zünglein an der Waage sein, denn die Landesregierung will Brandenburg zum Labor für deren Erprobung – gegen große Widerstände in der Bevölkerung. Gemeinsam mit Bürgerinitiativen gegen CO2-Endlagerung und Braunkohleabbau fordern wir einen sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Wir nehmen die Ängste der Menschen im Braunkohlerevier vor Arbeitsplatzverlusten ernst. Doch Brandenburg kann eine Vorbildregion für Energiesouveränität und eine komplett erneuerbare Energieversorgung werden. Darin liegt das eigentliche Entwicklungspotenzial der Region, nicht im Festhalten an der Kohle.

kreuzer: Welche Ziele verfolgt das Camp?

KRÜGER: Im Klimacamp wollen wir selbstbestimmt, herrschaftskritisch und ressourcenschonend Alternativen zum »business as usual« denken, leben und erstreiten. Wir wollen die Arbeit der Bürgerinitiativen vor Ort unterstützen und uns mit der Forderung nach Energiesouveränität und Klimagerechtigkeit in lokale Energiekämpfe einbringen. Wir sind der Meinung, dass es der prinzipiellen Infragestellung unserer Produktions- und Konsummuster bedarf. Effektiver Klimaschutz hat nichts mit der Schaffung neuer Märkte zu tun. Die Fokussierung auf Wirtschaftswachstum ist keine Lösung, sondern Teil des Problems. Anstatt risikoreiche technologische Scheinlösungen zu fördern, die als Exportschlager die Wirtschaft der Industrienationen ankurbeln, aber an den negativen sozialen und ökologischen Konsequenzen unserer Energieproduktion nichts ändern, sollte an der Ursache des Klimawandels angesetzt werden: dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Um dieser bislang marginalisierten Perspektive Geltung zu verschaffen werden wir versuchen, auf kreative Art und Weise die lokale Bevölkerung zu überzeugen und mit Aktionen zivilen Ungehorsams überregionale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir haben monatliche Vorbereitungstreffen, zu denen alle eingeladen sind. Wir werden auch hier in Leipzig Mobilisierungsveranstaltungen organisieren. Wer Interesse hat melde sich einfach bei info(at)lausitzcamp.info. Ansonsten freuen wir uns über jede Person die zum Camp selber kommt.

Klima- und Energiecamp, 7.-14.8.2011, Jänschwalde bei Cottbus
http://www.lausitzcamp.info
info(at)lausitzcamp.info
Online

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.