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Im Tetrapak bis ans Ende der Welt

Künstler Frank Bölter sticht mit einem Papierboot vom Karl-Heine-Kanal aus in See

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Er ist eher der Typ experimenteller Abenteurer. Mit einem in Origami-Technik gefalteten Boot aus Tetrapak-Material wollte Frank Bölter schon einmal vor vier Jahren von Lauenburg aus ans Ende der Welt fahren. Doch seine Reise auf der Elbe wurde durch die örtlichen Behörden jäh beendet. Nun will er wieder in See stechen, und zwar vom Leipziger Karl-Heine-Kanal aus. Am Sonntag wird das Boot gebaut, am Montag ist Stapellauf.

Ein Jahr zuvor war er mit einem ähnlichen Boot vom französischen Kloster Citeaux zum Kunsthaus Gravenhorst, westlich von Osnabrück geschippert. Mönche hatten die mit Plaste und Aluminium veredelten Papierbögen gefaltet und anschließend in die in unmittelbarer Nähe fließende Saône gelassen. Die Spaziergänger am Flussufer müssen nicht schlecht gestaunt haben, als sie das überdimensional große Kinderspielzeug mit echten Menschen drin vorbeischippern sahen.

Die Verfremdung von Alltagsgegenständen, der sich der Kölner Künstler immer wieder widmet, hat schon oft zu Irritationen im öffentlichen Raum geführt. Im Jahr 2006 baute der heute 41-Jährige mit den Bewohnern einer Einfamilienhaussiedlung ein Wohnhaus in Originalgröße – aus Wellpappe. Bis zum nächsten Regenguss hielten die federleichten braunen Wände, dann fiel alles in sich zusammen. Dass seine Kunst vergänglich ist, sieht Bölter als Chance. »Mir geht es um die Loslösung von allen Effizienz- und Monumentgedanken, um das gemeinsame, sinnliche Erleben: Wir bauen Häuser und Schiffe und alle machen mit«, sagt er.

Auch deshalb ist er gespannt, wer am Pfingstwochenende in Leipzig dabei sein wird, um mit ihm 200 Quadratmeter Tetrapak-Papier zu einem Wassergefährt umzugestalten: Bölter will nun vom Karl-Heine-Kanal aus die Welt erkunden. Problem: Zwischen dem Anleger am Kanal 28 und dem Lindenauer Hafen befinden sich 600 Meter Festland, über die das Boot getragen werden muss.

Den fehlenden Abschnitt des Kanals nahmen Sylke Nissen und Karin Lange von der Uni Leipzig zum Anlass, um Bölter einzuladen. Seit 2009 versuchen die beiden mit ihrem Projekt Revitalisation of Urban River Spaces, die Gewässer im Leipziger Westen ins Bewusstsein der Bewohner zu holen. Acht Millionen Euro wollen sich Stadt und Land den Durchstich kosten lassen, für den endgültigen Anschluss Leipzigs an Saale und Elbe reicht das allerdings nicht. Bölters Ende der Welt liegt also wieder einmal ganz nah: dieses Mal in Lindenau.

http://www.frankboelter.de

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