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Metaller die auf Brüste starren

Ein Film, der es nicht kann und den keiner braucht

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Stell Dir vor, Du gehst auf ein Metal-Festival und hast ein Filmteam am Hals. Da willst Du gepflegt abmoschen, Alkohol in Massen genießen, bis zum Umfallen feiern und dann kommen ein paar Typen angetrampelt und halten Dir eine Kamera ins Gesicht. Das ist das ganze Gegenteil von Festival-Freiheit, aber das Konzept ähm: die Schnapsidee hinter »Metaller die auf Brüste starren«. Dass dieser Streifen nicht länger trägt als eine Bierlaune, merkt man ab Minute eins. Neunzig weitere gähnend-langweilige, weil auf krawallige Ausgelassenheit gebürstete Minuten bestätigen den Anfangsverdacht auf das Schmerzvollste.

Der Streifen des sich Offener Kanal Bad Offenbach nennenden Kollektivs ist nicht mehr als ein aufgeblasenes Youtube-Filmchen. Wer schon einmal beim Wacken Open Air oder einem ähnlich großen Metal-Festival war, wird über die Bilder nicht überrascht sein. Alle anderen werden ein, zwei Clips reichen, um eine Ahnung vom Geschehen zu bekommen. Man sieht eben, was man so sieht auf einem Metal-Festival: Brüllende und betrunkene Menschen, urinierende Menschen – warum kotz eigentlich keiner? –, torkelnde und lallende Menschen – meist Männer. Einer beißt eine Dose auf und zwar mehrfach: Das festzuhalten soll wohl die besondere Leistung dieser »Dokumentation« sein. Und immer wieder ertönt der Schlachtruf: »WAAACKEEEN!«

Eine sonore Männerstimme aus dem Off versucht, mit distanziert-angewiedertem, manchmal auch ironischem Gestus, irgendwie noch eine andere Ebene reinzubringen. Auch dieses Unterfangen scheitert. Den als Selbstironie getarnten Dumpfsinn preisen die Macher Dmitry April und Thorsten Hänseler wie folgt an: »Anspruch ist es, durch Implementierung eines völlig neuen Stils das Genre der Dokumentation als Form der Unterhaltung aufzuwerten, und damit breiteren Zuschauergruppen als in den zurückliegenden Jahrhunderten zu erschließen.« Und weiter: »Mit Metaller die auf Brüste starren unterstreicht der OKBO seinen Anspruch, filmisch das aufzugreifen, was viele nicht sehen wollen, weil sie lieber die Augen davor verschließen.«

Jeden roten Faden lässt der Film vermissen – und Dokumentation heißt nie: einfach draufhalten –, was zu verschmerzen wäre, würde er wenigsten Lustiges, Interessantes oder irgendetwas von Belang zeigen. Nicht einmal das Thema Metal kommt vor, sieht man von den einschlägigen Fan-Shirts der Protagonisten einmal ab. »Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist!« – An ihrem Zelt hören sie die ganze Zeit die Punk-Band Die Kassierer, die nach all den Jahren auch nichts anderes mehr zustande bekommt als gegrölte Herrenwitze.

Das Ärgerlichste aber an dem Film ist sein Voyeurismus, der sich unter dem Deckmäntelchen einer Subkultur nur Menschen vorführen will. Wenn es den Herren gefällt, sich betrunken vor die Linse zu begeben: Wohlan! Aber die Regisseure filmten keinesfalls nur sich selbst und ihre Freunde und es ist nicht anzunehmen, dass sie von allen gezeigten Menschen eine Erlaubnis zur Veröffentlichung erbeten haben. Festivals stellen eigentlich einen geschützten Raum dar, was ja gerade ihren Reiz ausmacht. Natürlich geht es beim Metal um exzessive Musik, um Rausch und Ekstase. Das einzufangen, ist dem Film in keinem Moment gelungen. Hier sind genau jene Menschen am Werk, die den maßgeblichen Grund darstellen, warum der Autor dieser Zeilen um Großevents wie das Wacken schon lange einen Bogen macht. Sie sagen »Metal« und meinen Ballermann – ihr wahres Elysion.

»Metaller die auf Brüste starren«, ab Samstag in der Kinobar Prager Frühling
Dokumentation, Deutschland 2011, 91 Min.
Verleih: Moviemento
Regie: Dmitry April, Thorsten Hänseler

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