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Arschtritt für die Wippenheinis

Nach langem Streit um das Wendedenkmal entscheidet sich Leipzig für die Installation »Alternative Freiheit«

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Ereignisse, die wir uns gewünscht haben: Zum 20-jährigen kreuzer-Jubiläum haben wir Meldungen geschrieben, die wir immer schon mal schreiben wollten.

Das jahrelange Gezerre um ein Denkmal zur Erinnerung an die heldenstädtischen Leistungen zur Wende 1989 hat ein Ende. Nach einer bewegten und oft emotional geführten Debatte hat sich im Stadtrat der Außenseiter-Entwurf des Künstlerkollektivs Straße der Schlechten durchgesetzt. Entgegen den ursprünglichen Vorgaben an die Wettbewerbsteilnehmer soll das Denkmal vor allem denjenigen gewidmet sein, die als – so der übliche Stasi-Jargon – »dekadente und negative Elemente« einen bisher zu wenig wahrgenommenen Beitrag zur Destabilisierung von Politik und Wirtschaft des DDR-Systems geleistet hätten. »Staatsfeindliche Hetze« und »asoziales Verhalten« der sogenannten »Punks« seien entscheidende Momente im Kampf gegen den Unrechtsstaat gewesen, würdigte die Jury den Ausschreibungssieger.

Errichtet werden soll das Mahnmal im Eingangsbereich des Einkaufsmarktes am Connewitzer Kreuz. Gestalterischer Leitgedanke, erläuterte das anonym auftretende Kollektiv, sei dabei die Vision eines »dynamischen Denkmals, dessen Botschaft diesen schwäbisch-Berliner Wippenheinis aber mal so richtig in den Arsch tritt«. Geplant ist eine Installation aus Menschen, die durch die Nachahmung typischer Verhaltensweisen der Punks auch im Alltag der »normalen« Bevöl-kerung permanent präsent sein wird.

»Die gesellschaftliche Sprengkraft einer befreienden Kultur des Nichtstuns und des ungehinderten Nichtdenkens lässt sich mit unserem Denkmal hervorragend nachvollziehen«, freut sich Kulturbürgermeister Michael Faber und ergänzt: »Schon im Vorfeld der Entscheidung zeichnete sich durch das bundesweit große Medieninteresse ab, dass Leipzig mit diesem Denkmal noch mehr als attraktiver Kreativstandort mit hoher internationaler Strahlkraft wahrgenommen wird.« Auch die Leipziger Verkehrsbetriebe sind begeistert. Pünktlich zur Enthüllung des Denkmals sollen die Ansagen an der Haltestelle Connewitz Kreuz in den Straßenbahnlinien 9, 10 und 11 durch spezielle Informationen wie »Bonzen müssen drinbleiben!« oder den aktuellen Flaschenpreis für Sternburg Export ergänzt werden.

Vereinzelt geäußerte Bedenken, die dezentrale Lage könnte die Attraktivität des Denkmals schmälern, entkräfteten die Künstler überzeugend: »Diese scheiß Touris sollen sich bloß von Connewitz fernhalten! Für die machen wir ne Außenstelle auf der Wiese am Hugendubel. Das kostet aber extra!«

Jörg Augsburg

Der Autor war von 1992 bis 2006 geschätzter und bisweilen gefürchteter Musikredakteur und von Juli 1994 an ein Jahr lang Chefredakteur des kreuzer. Er arbeitet als freier Musikjournalist in Leipzig und schreibt bis heute gelegentlich für uns.

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