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(K)ein politischer Mord?

Prozessauftakt: Im Oktober vergangenen Jahres wurde der 19-Jährige Iraker Kamal K. von mutmaßlichen Rassisten erstochen

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Die Staatsanwalt sieht bislang keine politisch motivierte Tat, obwohl die beiden Angeklagten offensichtlich der rechten Szene zuzuordnen sind. Am Freitag begann der Prozess vor dem Leipziger Landgericht.

»Kamal K. – Das war Mord!«, steht in der Biedermannstraße in Connewitz an einer Hauswand. Der Tod des 19-Jährigen Irakers Kamal K. im vergangenen Oktober erhitzt die Gemüter. Denn die Männer, die Kamal K. getötet haben, gehören der rechten Szene an. Deswegen vermuten viele politische Gruppen hinter der Gewalttat einen politischen Mord. Doch die Staatsanwaltschaft sieht das offenbar anders, sie wirft den beiden geständigen Tätern schwere Körperverletzung und einem der beiden Totschlag vor.

Angeklagt sind Daniel K., 29, und Marcus E, 33. Sie sollen in der Nacht zum 24. Oktober 2010 ihrem Opfer in der Parkanlage gegenüber des Hauptbahnhofes begegnet sein und einen Streit vom Zaun gebrochen haben. Nach einem verbalen Schlagabtausch solle es dann zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen sein, in deren Verlauf sie beide auf den Iraker einschlugen. Dann soll Marcus E. ein Messer gezückt und seinem Opfer in den Bauch gestochen haben. Kamal K. erlag kurz darauf seinen Verletzungen.

Die beiden Täter gehören dem rechten Spektrum an. Daniel K. war langjähriges Mitglied der gewaltbereiten rechten Kameradschaft Aachener Land, Marcus E. soll szenetypische Tätowierungen tragen. Beide sind wegen Gewaltverbrechen vorbestraft. Marcus E. war erst wenige Tage vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er einen mehrjährige Haftstrafe wegen Körperverletzung und Vergewaltigung absaß.

Die Staatsanwaltschaft sieht dennoch keine Anhaltspunkte für eine rassistische Tat. Es seien keine rassistischen Sprüche gefallen, außerdem sei es zu dunkel gewesen, um die Hautfarbe des Opfers, das zudem akzentfrei deutsch gesprochen habe, zu erkennen. Die rechte Vergangenheit der Täter reiche nicht aus, um einen politischen Hintergrund zu vermuten.

Hieran entzündet sich die Kritik vieler politischer Gruppen, die nicht glauben können, dass zwei erklärte Ausländerfeinde ganz ohne ausländerfeindliche Motivation getötet haben sollen. Sie wollen den Tod des 19-Jährigen als politischen Mord eingeschätzt wissen und werfen der Justiz vor, die politische Dimension des Falles klein zu reden: »Es steht zu befürchten, dass die rassistische Motivation der beiden vor Gericht und in der Öffentlichkeit bagatellisiert oder gar verschwiegen wird«, schreibt Juliane Nagel, Stadträtin der Linken, auf ihrem Blog.

Bereits am Dienstagabend zogen nach Veranstalterangaben rund 500 Menschen von Connewitz an den Tatort, um die Hintergründe des Falles in das Bewusstsein der Leipziger zu rücken. Der Initiativkreis Antirassismus ruft zur kritischen Beobachtung des Prozesses auf, zudem sollen während dessen gesamter Dauer Mahnwachen stattfinden.

»Wir wollen Solidarität mit der Familie und FreundInnen Kamals zeigen«, sagt Miriam Schleicher, Pressesprecherin des Initiativkreises. »Dabei geht es uns um ein klares und unmissverständliches Zeichen gegen Rassismus jeder Couleur. Dieser Rassismus ist im Alltag vieler Menschen verankert – und er fordert Menschenleben. Damit muss genauso Schluss sein wie mit den Versuchen, den Mord an Kamal zu verharmlosen.«

Das Urteil im Fall Kamal K. wird für den 8. Juli erwartet.

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Ein Kommentar

  1. buerger | 17. Juni 2011 | um 10:49 Uhr

    Tja – schwierige Frage. Einerseits haben zwei Nazis einen Ausländer abgestochen – andererseits glaube ich nicht, dass die beiden losgezogen sind UM Ausländer abzustechen, sondern es hört sich schon nach einem zufälligen Streit und einer Affekttat an.

    Die Frage, die das klären könnte wäre: Hätte der Typ auch zugestochen, wenn er und sein Kumpel sich in dieser Nacht nicht mit einem Iraker, sondern mit einem offensichtlich Deutschen (blond+blauäugig:-) geprügelt hätten?

    Wie auch immer – und das Antifa-Engagement in allen Ehren – aber auf einen Mord (Vorsatz+niedere Beweggründe) deutet doch eigentlich nichts hin. Oder?