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Weltbachstadt Leipzig

Am Sonntag zu Ende gegangenes 13. Bachfest konnte sich sehen und hören lassen

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Schon die Zahlen deuten es an: 73.000 Musikfreunde aus aller Welt, das ist Besucherrekord, kamen zum Festival unter dem Motto »Nach italienischem Gusto…« nach Leipzig.

Programmatisch setzten die Veranstalter den Fokus nicht nur auf Bach und seine italienischen Zeitgenossen, sondern spannten den Bogen bis zu Liszt und Mahler, deren Jubiläen in diesem Jahr gefeiert werden. Drei Höhepunkte aus den über 110 Veranstaltungen mit knapp 500 Werken prägten sich ein.

Zum einen die Wiederaufführung Oper »Zanaida« des jüngsten Bachsohnes Johann Christian Bach. Uraufgeführt 1763 galt die Partitur seitdem als verschollen. Elias. N. Kulukundis, in dessen Sammlung die Noten schlummerten, stellte sie nun als Leihgabe dem Bacharchiv zur Verfügung. Im historischen Goethe-Theater Bad Lauchstädt aufgeführt, zog die Oper nicht nur das überregionale Feuilleton an, sogar Journalisten aus Skandinavien waren angereist. Dabei war es wohl weniger die Oper selbst, die für Aufsehen sorgte, vielmehr ihr Fund und vor allem die exquisite Inszenierung. Die Sänger agierten mit minimalistischen Bewegungen vor einer malerischen Kulisse in Kostümen, die an orientalische Märchen erinnerten und Leihgaben des »Centre des Musique Baroque de Versailles« waren.

Zum anderen das Konzert der Lautenistin Christina Pluhar, die gemeinsam mit ihrem international besetzten Ensemble L’Arpeggiata und der Sopranistin Nuria Rial in der Michaeliskirche Begeisterungsstürme auslöste, so dass sie eine halbe Stunde Zugaben spielten. Es war nicht nur Nuria Rial, die die italienische Musik des 17. Jahrhunderts völlig unangestrengt, undramatisch singt und mit einer Leichtigkeit als wären es Kinderlieder. Was faszinerte war, dass die Musiker für einige Soli auch den Kirchenraum nutzten, etwa von der Kanzel oder der Empore spielten, was der Interpretation Wärme und Intimität gab, die diese Musik braucht.

Zum dritten war es das gemeinsame Konzert des Thomanerchores mit dem Dresdner Kreuzchor. Nicht nur musikalisch, vor allem musikdramaturgisch war es ein grandioser Abend. Im Zentrum stand Mendelssohns Spätwerk das ‚Christus (Fragment)‘ op. 97 und Franz Liszts ‚Passio et Resurrectio‘. Thomaskantor Georg Christoph Biller lotete differenziert die dramatischen Nuancen Mendelssohns aus, allein im expressiv angelegten ‚Kreuzige ihn‘ baute sich eine regelrecht agressive Atmosphäre auf. Auffällig auch Billers Gewichtung der Choräle, die nicht nur sinnlich schön gesungen, sondern vor allem mit der Botschaft des Textes aufgeladen waren. Die Spannung, die sich während des Abends aufbaute, ging über das Konzert hinaus und es gab Sekunden des Innehaltens, bevor der Applaus lostobte.

Das Eröffnungskonzert hingegen wirkte eher blass. Verglichen mit Eröffnungen vergangener Jahre muss vor allem hinter der Dramaturgie des Abends ein Fragezeichen stehen. Die Auswahl der Musikstücke zeigte zwar Vivaldi als Kirchenmusik-Komponisten. Aber im Kontext mit zwei Bachchoralkantaten, mit strophenähnlichem Aufbau und sich wiederholenden Texten, wirkte der Abend bis auf Vivaldis »Magnificat«, das frisch und glanzvoll rüberkam, oft langatmig. Was auch teilweise am »Kammerorchersterbasel« lag. Ein ohne Frage versiertes Ensemble, nur klang es im riesigen Schiff der Thomaskirche nicht immer präsent und stieß auch in seiner Aufgabe, die musikalischen Aussagen des Thomanerchores aufzunehmen, so manches Mal an seine Grenzen.

Aufhorchen ließ das Bachfest mit seinem diesjährigen Programm für junge Leute. Erstmalig sehr deutlich wahrnehmbar, wenn auch nur ansatzweise, dafür umso aktiver, zeigte sich das Festival als Vermittler von Musik. In diesem Jahr gab es endlich vielfältige, vor allem qualitativ anspruchvolle Veranstaltungen für junges Publikum. Im Mittelpunkt stand ein Festival im Festival: die »BachSpiele«, die sich an musikalische Laien richteten. Ausgeschrieben war ein Crossover-Wettbewerb für jungen Menschen, die sich mit Bach auseinandersetzen wollten. Dabei waren dem Genre keine Grenzen gesetzt und das Projekt richtete sich nicht nur an Musiker und Tänzer, sondern auch an Modeschöpfer, Jongleure und Sprayer.

Damit öffnet sich das Bachfest, ein längst fälliger Schritt. Denn verglichen etwa mit den Händelfestspielen in Halle, die seit Jahren eigene ‚Kinderhändelfestspiele‘ haben, steckt die musikpädagogische Arbeit beim Bachfest, trotz der diesjährigen Offensive, immer noch in ihren Kinderschuhen. Von den »BachSpielen« – der Titel wurde übrigens von Kindern gewählt – fühlten sich am Ende lediglich sechs Truppen angesprochen. Kein Wunder, wurde doch die Ausschreibung erst wenige Monate vor Beginn des Festivals bekannt. Schulen oder Jugendzentren haben in so kurzer Zeit kaum eine Chance, ein funktionierendes Programm auf die Beine zu stellen. Was aber auf der Bühne im Hauptbahnhof geboten wurde, hatte Klasse und zeugte von der Emphatie junger Leipziger Bach gegenüber. Rund 600 Zuschauer erlebten eine knapp vierstündigen Show. Weil sich die Jury nicht entschieden konnte, gab es am Ende gleich zwei würdige Gewinner: das Jugendfreizeitzentrum »Oskar« und »The Groovy Jazz Kids«.

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