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Entflieh dem Beton

Keine Antworten von Sindyan Qasem

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»Partyalarm oder Partylärm?« fragt der kreuzer in der August-Ausgabe und behandelt in dem Artikel »Entflieh dem Beton« das Phänomen des Draußen-Feierns. Viele der Partys, die im Wald, am Fluß oder an anderen geheimen Orten stattfinden, sind nicht genehmigt. Doch auch legale Veranstalter feiern gerne unter freiem Himmel und befürchten nun, dass auch ihre eigenen Parties verboten werden. Unser Autor geht der im Artikel erwähnten »Draußen-Kultur« nach.

»Draußen-Kultur« – Der Begriff klingt nach großartigem Schaffen, nach Pluralität, nach Divergenz, nach Diskurs, nach mehr als nur trinken und tanzen – »the sky is the limit«. Jeder Veranstalter wird für sich in Anspruch nehmen, mit seiner oder ihrer Idee, dem Konzept, der Umsetzung und der Gestaltung ein Stück Kultur geschaffen zu haben. Der eigene Anspruch ist immer hoch, der Kulturbegriff allerdings subjektiv interpretierbar. Fallbeispiel: Ein Plastik-Pavillon aus dem nächstgelegenen Baumarkt, ein paar lauwarme Getränke und die alte PA aus dem Keller scheinen für den einen nur lieblos auf eine Waldlichtung gestellt, für den anderen bedeuten sie schon eine kulturelle Alternative zur ach so kommerzialisierten Clubkultur. Die Veranstalter von legalen Parties nehmen dabei für sich ohne Zugeständnisse an die Gegenseite in Anspruch, viel Mühe und Arbeit in ihre Events zu investieren. Genehmigungen und Erlaubnisse müssen schließlich eingeholt werden, das Programm, die Dekoration und die Lichter werden bis ins allerkleinste Detail geplant, die DJs kommen von ganz weither angereist und müssen im Nachhinein auch noch bezahlt werden können. Der Vorwurf an die Guerilla-Party-Szene ist einfach: Zu viele Veranstaltungen, zu billig, zu undurchdacht organisiert, zu eintönig und platt das Programm. Kurzum, die illegale Konkurrenz macht alles anders und dazu noch alles falsch. Geld verdirbt die Freundschaft. Dabei geht es den Veranstaltern nicht unbedingt um den eigenen Profit; viele wären schon zufrieden, wenn sie am Ende der großen Open-Air-Sause nicht draufzahlen müssen. René Wettigs Kommenar zeigt eine Seite der Medaille auf.

René Wettig beobachtet die aktuelle Debatte aus dem Blickwinkel der Veranstalter und kennt sich in der Szene aus:

»Wenn man diese gesamte Erscheinung, nämlich dass es im Sommer vermehrt Open Air Veranstaltungen gibt, mit »Draußen-Kultur« bezeichnen will, dann kann man das tun. Aber es handelt sich nicht um eine gemeinschaftliche und zusammenarbeitende Szene. Die Einzigen, die hier vernetzt sind, sind die Veranstalter, die ohnenhin das ganze Jahr über zusammenarbeiten und dann auch mal im Sommer eine Open-Air-Party machen. Seit knapp zwei bis drei Jahren tritt das Phänomen auf, dass es Leute gibt, die Partys draußen organisieren, aber sonst das ganze Jahr über nicht in Erscheinung treten. Das sind ganz offensichtlich DJs, Studentengruppen oder Szenzeaktivisten, die sonst nicht häufig die Möglichkeit haben, sich zu präsentieren beziehungsweise ihre Musik mit anderen zu teilen. Bei mir wird der Anschein erweckt, dass manche dieser Gruppen aus rein kommerziellem Hintergrund illegale Partys organisieren. Dieser Eindruck wird dann auch noch durch die Häufigkeit, die Art der Kommunikation und den wenigen Aufwand, der betrieben wird, verstärkt. Ich persönlich würde auch deshalb nicht von einer »Draußen-Kultur« sprechen, da fast alle der Veranstaltungen unabhängig voneinander passieren. Der Aufwand für die alteingesessen Veranstalter, die regelmäßig gut geplante und ausgesuchte Open-Air-Parties im Sommer organisieren, ist oftmals erheblich größer. Das sieht man dann anhand der Dekoration, der Locationwahl etc. Diese Veranstaltungen sind aber mittlerweile in der Unterzahl. Den Besuchern selbst ist das aber letztlich nicht bewusst und vielen auch egal. Eigentlich sollte sich niemand die Frage stellen, ob eine Veranstaltung illegal oder legal ist. Die Besucher sollen in jedem Fall einfach nur Spaß haben, natürlich mit Vernunft darauf achten, welchen Dreck sie hinterlassen, beziehungsweise dafür sorgen ihren Dreck zu beseitigen, und sich nach guten Sitten und Moral benehmen können. Für einen Teil der illegalen Veranstaltungen gilt offenbar leider trotzdem: Hauptsache für wenig Geld Party machen. Ich habe einmal das Wort Discount-Open-Airs gehört. Das trifft es ganz gut. Aber letztlich entscheidet das jeder Besucher selbst, weil auch jeder eine andere Auffassung und eine andere Sozialisierung hat.«

Auch wegen der zunehmenden Konkurrenz der Veranstalter entspannte sich in Online-Foren ein großes »Streitgespräch«, das diesen Namen kaum verdient. Jeder hatte etwas beizutragen, und da in Leipzig sowieso jeder jeden kennt, gab es reichlich Gesprächsstoff und einige deftige Kommentare. Glaubte man einigen persönlichen Beleidigungen, so musste man Angst vor dem nächsten Leipziger Bandenkrieg haben. Öffentlich will nun trotzdem kaum jemand Stellung beziehen, zu groß ist die Angst, sich vollends ins Szeneabseits zu katapultieren. Vielleicht sind die erhitzten Gemüter während des bis jetzt reichlich verregneten Sommers auch abgekühlt. Das Problem, um das es ging, steht trotzdem ohne Lösung da: Wieviel »Draußen-Kultur« verträgt Leipzig? So genau scheint es niemand zu wissen, die einen sind von der Qualität der Musik, die anderen von der Stumpfsinnigkeit des Publikums überzeugt. Die Veranstalter der legalen Parties sind an einem Punkt angelangt, den schon so viele andere vor ihnen erreicht haben: Ihre Arbeit wird nicht gewürdigt. Manche hören dann ganz auf, manche machen stoisch weiter, überzeugt von einer guten Idee. Die illegalen Veranstaltungen werden immer mehr, die legalen Veranstalter immer verbitterter. Dass Leipzig gerne viel von allem hat, ist bekannt. Eine ähnlich temperamentvoll gefochtene Debatte gab und gibt es um die Live-Konzerte im Centraltheater und die damit verbundene Konkurrenz für die kleineren Venues. Eine alle befriedigende Antwort wird auch hier nicht so schnell gefunden werden. Doch waehrend beispielsweise die große Diskussion um die Konzerte in Centraltheater und Skala irgendwann einfach abflaute, weil das gebotene Programm von selbst überzeugte, läßt sich mit der abseits der Öffentlichkeit geführten Diskussion um Open-Air-Veranstaltungen ganz wunderbar das Sommerloch füllen. Alle haben ihre eigenen Interessen. An einen Tisch wollen sie sich derzeit trotzdem nicht setzen, im Internet läßt es sich dann doch hemmungsloser beleidigen. Die Aussagen von Jan Barich lassen aber zum Glück auch erahnen, dass die Diskussion auch sachlich geführt werden kann.

Jan Barich gestaltet das Conne-Island-Programm und steht der Debatte um die Open-Air-Parties gelassen gegenüber:

»Niemandem ist es zu verübeln im Sommer lieber draußen zu tanzen. Wir nehmen das also zur Kenntnis, ohne verbittert darauf zu reagieren. Schließlich machen die Open-Air-Partys auch die Clubszene in Leipzig umso attraktiver und lebendiger. Mehr Leute finden Gefallen an der Stadt als ganz passablen Ort zum Leben. Das wirkt sich demnach auch wieder positiv auf die etablierten Clubs aus. Und so blöd es klingt: Die Konkurrenz belebt nunmal das Geschäft. Wir ziehen daraus die richtigen Schlüsse und fahren ab Ende Mai schon seit mittlerweile zwei Jahren unsere Indoor-Clubveranstaltungen erheblich zurück. Allerdings können wir uns das auch leisten. So legen wir mehr Wert auf Konzerte und Touren, wenn es wärmer wird. Zum Glück gibt es noch keine illegalen Konzertreihen in Leipzig… So haben wir bewusst zwei Monate keinerlei Indoor-Club und hoffen darauf, dass die Leute nach unzähligen Open Airs wieder Bock haben, in die Clubs zu gehen. Die Leute entscheiden am Ende, was sie wollen. Bei der ganzen aktuellen Diskussion um die Open-Air-Veranstaltungen, die ich zum Glück nur am Rande mitbekommen habe, geht es aus meiner Sicht bloß darum, dass die einzelnen Crews, und da meine ich alle, ihre Interessen in Gefahr sehen. So wird dann plötzlich moralisch argumentiert, was denn die »richtigere« Open-Air-Party sei und wer für das »bessere« Feiern steht. Es geht somit ganz klar um Konkurrenz, die nach einer derartigen Zunahme der Veranstaltungen gegeben ist. Ganz normaler Veranstalter-Wahnsinn, bei dem es mittlerweile nicht nur in den Clubs immer mehr darum geht, ums Publikum zu buhlen. Das wollen nur viele nicht wahr haben und verstecken sich hinter dieser Scheindiskussion. Die Ansprüche und Vorstellungen, um die sich da gestritten wird, sind identisch mit den unterschiedlichen Ansprüchen der Leipziger Clubs. Die Leute suchen sich sowieso ihre Steckenpferde heraus. Und die eigene Handschrift wird am Ende immer honoriert.«

Noch ganz andere Fragen bleiben unbeantwortet: Warum, zum Beispiel, sollte sich der eher linksorientierte systemkritische Tänzer von heute nicht viel lieber auf den illegalen Raves im Wald herumdrücken? Da gibt es obendrauf zur Musik und dem Mixgetränk nicht nur den süßen Geschmack des Subversiven, sondern auch ganz ernst gemeinte Motivationen. Paul Schmidt erklärt kurz und bündig, warum freie Kultur in ihren verschiedensten Formen nicht immer von den Ämtern genehmigt sein sollte.

Paul Schmidt ist zwar »nur« Besucher; gerade das macht seine Meinung aber umso unverzichtbarer:

»Generell gehe ich lieber auf Open-Air-Partys, die illegal organisiert wurden. Der Grund dafür liegt weniger in der Illegalität oder einem damit möglicherweise verbundenen Nervenkitzel an sich. Viel mehr habe ich die Hoffnung, dass die von verschiedenen Gruppen illegal organisierten Partys neben dem Rückgriff auf außergewöhnliche Locations vor allem eine gewisse Exklusivität versprechen. Das ist mir insofern wichtig, als dass ich mir Partys mit entspannten, tanzwilligen Menschen und ohne nervige Aggressivität oder sexistisches Mackergehabe wünsche. Meiner Erfahrung nach funktioniert das am besten, wenn Veranstaltungen nur im kleinen Kreis beworben und nicht kommerziell aufgezogen sind. Leider werden in Zeiten von Facebook und Co. mittlerweile jedoch auch kleinere private Open Airs zu Massenevents gehyped und verlieren damit einen großen Teil ihres ursprünglichen Charmes.«

Die eventuelle Rechtschaffenheit der Veranstalter spielt für die Besucher nur selten eine tragende Rolle. Und auch die beinahe schon aggressive Nutzung des Internets, um für Veranstaltungen zu werben, steht in der Kritik. Das Heischen um Aufmerksamkeit allerdings ist nicht nur ein Phänomen, wenn es um die »Draußen-Kultur« geht. Diskutiert werden also vor allem Fragen, zu denen es sowieso immer mindestens zwei Antworten gibt. Und oft wird nicht um der Lösung willen debattiert, sondern ausschließlich um dem eigenen Frust und Aufmerksamkeitsdrang Luft zu machen. Dass das offensichtlich auch die nötige Motivation für weitere Partys, egal ob legal oder illegal, befeuert, ist zu beobachten; das Angebot ist nach wie vor groß. Schade nur, dass da, wo die Gedanken um die Gestaltung freier und unabhängiger Kultur oder den Ausdruck von Individualität kreisen sollten, mittlerweile in großer Manier um Geld gestritten und die Konkurrenz erniedrigt wird. Die Subkultur ist der verzerrte Spiegel der Gesellschaft, da haben wir es wieder. Wirklich schade.

Die Aufgabe des kreuzers, als Stadtmagazin, soll es sein, eine öffentliche Plattform für diese Diskussion zu bieten. Vielmehr steht aber sowohl bei dem Beitrag im August-Heft als auch in diesem Online-Beitrag das Ziel im Vordergrund, Menschen, die bisher nicht Teilnehmer dieser Diskussion waren, für dieses Thema zu sensibilisieren und an ein Bewusstsein für das Problem heranzuführen. Die dargebotenen Kommentare sind sehr divergent und bieten gerade deshalb nur einen kurzen Überblick der verschiedenen Motivationen, Fragestellungen und Meinungen.

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  1. Kreatives Leipzig eV - Frank Trepte | 28. Juli 2011 | um 19:24 Uhr

    Aufbauend auf unsere LE Klub Analog – Veranstaltung im Februar 2011 fanden im Frühsommer zwei Treffen mit Leipziger Veranstaltern und Clubbetreibern statt. Die Probleme im Zusammenhang mit den „Draußen-Veranstaltungen“ wurden auch vom Team der Global Space Odyssey angesprochen. Im nächsten Schritt wird eine Art Veranstalterfibel entstehen, die von uns mit der Verwaltung abgestimmt und nach dieser vertrauensbildenden Maßnahme später Basis für einen Runden Tisch werden soll, um aktuelle Fragen zu thematisieren. Künftig wird’s zudem zu Beginn der Club- und vor Start der Draußen-Saison eine offene Runde der Veranstalter/Clubbetreiber geben. Die Plattformen für den Dialog miteinander nehmen langsam Gestalt an, denn das Ziel einer lebendigen und als solche Wert geschätzten Veranstaltungskultur eint am Ende alle