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Heavy Celeste – Die Metal-Kolumne

Heute: Aggressive Zechenpreller - Wie die Thrash-Metaler Kreator dem Service-Durst im Spätkapitalismus zuvorkamen

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Sie wollten nicht in die Zeche einfahren und auch das Handwerkerleben über Tage war nichts für sie. Was bleibt also jungen Menschen in Essen außer Musiker zu werden? Seit fast 30 Jahren bestürmen Kreator nun die Ohren und Herzen, füllen Metal-Schuppen um Metal-Schuppen. Jetzt kleidet eine Biografie die ausdauernde Wut der Combo in Worte, die als Dienstleister am Publikum die nachindustrielle Ära im Ruhrpott und den Zechenschluss visionär erahnte.

Kreator – das steht für Thrash Metal und Essen 1982, Mille und Ventor, »Pleasure to Kill« und »Live Kreation«. Der Buchtitel »Violent Evolution« spielt auf die Kreator-Platte »Violent Revolution« an, mit der die Band vor zehn Jahren ihrem Formtief entstieg. Genau an jenem Tiefpunkt 2000 setzt Biograf Hilmar Bender ein: Kreator kamen von einer Tour zurück, auf der sie die Anheizer für die Gothic-Metaller Moonspell gaben – eine Band nur halb so energetisch wie sie selbst, aber frenetisch gefeiert. Da konnte etwas nicht stimmen, also gingen Kreator das Problem an der Wurzel an und back to the roots. Sie verschrieben sich musikalisch wieder völlig dem Thrash und lassen seitdem nur ein paar Death-Metal-Strähnchen im Headbangers-Sound aufblitzen. Im Dienst am Kunden auf die Tradition besonnen, triumphiert Kreator erneut mit dem, was die Fans eben so wollen. Und das sind keine Experimente, denn die gab es im spätkapitalistischen Alltag schon genügend. Das hatte Kreator 1986 schon einmal erkannt, als sie sangen: »No escape nothing there no way out to save your life / The strong and weak all will fall prepare yourself to die / Screams of despair screams of pain you hear it everywhere / Wait for god if there is one but even he doesn't care.«

Die Zukunft liegt im Service-Sektor

So haben Kreator schon früh erkannt, dass im Service-Sektor die ökonomische Zukunft liegt und sich mit charmanten Songs und Ansagen – »Seid ihr aggressiv?«, »Are you ready to kill each other?« – in die Herzen von Generationen gespielt. Fast dreißig Jahre Zerstörung türmen sich inzwischen auf und live sind Kreator nach wie vor eine Macht, gerade weil sie sich nicht so ernst nehmen. Davon künden auch die zahllosen Interviewschnipsel im Buch. Und weil dort massig O-Töne auch aus dem Band- und Label-Umfeld eingebaut sind, fällt es umfassender aus als eine reine Band-Geschichte. Neben der Information wird die gute Unterhaltung nicht vernachlässigt, lösen Erzählungen oft ein Prusten aus. Etwa wenn Mille von seinem ersten Kiss-Konzert berichtet. Als der Elfjährige im »uncoolen Kinderanorak« in die Düsseldorfer Phillipshalle betritt, »spielte schon eine unbekannte Vorgruppe namens Iron Maiden. Die war auch ganz gut, vor allem wegen des Monsters, das beim letzten Stück auf die Bühne kam«. So erkannten Mille & Co. früh, was es neben knüppelharten Songs noch für eine gute Metal-Band braucht: Showtalent und die unversiegbare Lust auf Lifegigs.

»Violent Evolution«: Und doch kommt das hiesige Ruhrpott-Trash-Revival überraschend. Kreator, Sodom & Destruction scheinen den Nerv einer jüngeren Generation in Leipzig zu treffen, schaut man sich ihre vielen T-Shirts an. Ob das am körnig-blastenden Sound und schäbig-schöner Saiten-Schrotung liegt oder am nachindustriellen Gepräge an der Pleiße, muss für weitere Erörterung offen bleiben. Bei ihrem jüngsten Auftritt auf dem With Full Force-Festival Anfang Juli spielten Kreator übrigens wieder mit Moonspell im Line-Up – dieses Mal als Headliner. Und mit seinem servilen Gespür fürs feinsinnige Publikumsgespräch zotete Mille, dass der Moshpit angesichts der Wettereskapaden wohl eher ein »Matchpit« sei.

Hilmar Bender, Violent Evolution: Die Geschichte von Kreator. Diedorf: U-Books. 221 S., 19,95 Euro

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