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Heile Welt und Hirnverbranntheit

Unser Sommer-Festival-Tagebuch, Teil 4: Jenseits von Millionen

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Im brandenburgischen Friedland feierten kleine und größere Indiebands ein fröhliches Burgfest mit Seifenblasen, Konfetti und Eis mit Schnaps.

In Brandenburg ist die Welt noch in Ordnung. Vergesst, was ihr gehört habt, über Gott verlassene Dörfer, Landstriche ohne Hoffnung und Jugend. In Friedland, einer Stadt wohlgemerkt, eine der kleinsten Städte Deutschlands, treffen sich am ersten August-Wochenende hunderte junge Menschen, um gemeinsam Musik zu hören, Bier zu trinken, baden zu gehen, zu tanzen. »Jenseits von Millionen« so der programmatische Name der Veranstaltung. Ein Indie-Festival, ein Benefiz-Festival für eine pakistanische Schule, eine gute Sache.

Hier scheint die Sonne. Hier lügt gar das allwissende Internet. »Wir schauen seit Tagen auf Agrarwetter.de und haben nur schlechte Laune«, freut sich Sir Simon Battle. Denn damit ist in Friedland Schluss. Als der Berliner Singer/Songwriter die Bühne auf dem alten Burgplatz betritt, statt angekündigtem Regen und Gewitter nur strahlender Sonnenschein, strahlende Gesichter. Die Zuschauer haben die Gummistiefel ausgezogen, essen verrücktes Eis mit Schuss, das auf der Zunge poppt. Neben den melancholischen, doch optimistischen Melodien und Alltagstexten dann ein Song, den leider keiner hier auf der Bühne selbst geschrieben habe, wie Battle bedauert. »It must have been love«. Good bye Roxette. Romantik hallo.

Romantisch auch das Konzert der Berlin-Leipziger Band Talking To Turtles, die angeblich noch voller Wut steckt. »Wir wollten ein Mietauto haben, einen Kombi, aber sie hatten nur einen Jeep für uns«, erklärt Sänger Florian Sievers. Da habe er endlich mal auf den Tisch gehauen, weil er jahrelang alles hingenommen habe. Gebracht hat es nichts.  »Nun haben wir einen Ford Focus.« Aber Wut hat keine Chance in der heilen Welt jenseits von Millionen. Begeistert von der Atmosphäre und wieder sehr gutgelaunt spielen auch die Turtles ruhige Popmelodien zum Mitklatschen.

Nach Konzerten der mitsingtauglichen Fotos und dem sehr von sich überzeugten Finn gipfelt der Abend in der Aftershowparty in einer alten Turnhalle, die sich zwischen dem Festival-Burggelände und der Zeltplatzwiese hinter der Straße erstreckt. Indie-Smash-Hits mit Spencer vom Karrera-Klub. Da mischen sich Dorfjugend und angereiste Festivalgäste und recken die Fäuste zu Tocotronics »Aber hier leben, nein danke!«.

Am zweiten Tag dann weiter Urlaubsstimmung. Man trifft sich am nahe liegenden See, bevor der Rock & Pop wieder auf den Burgplatz ruft. Solander aus Schweden spielen Folk-Melodien und können überhaupt nicht fassen, wie heiß es hier ist, während sich die Zuschauer in den Schatten der Burgmauer verkrümeln, über der eine Seifenblasenmaschine unerlässlich Seifenblasen in die Luft pumpt, die ein paar Kinder genauso unerlässlich zu fangen versuchen.

Tim Neuhaus spielt Pop-Perlen und klingt dabei überhaupt gar nicht nach Udo Lindenberg, wie im Programm-Heft ankündigt, was schon allein daran liegt, dass er weder besonders tief noch auf Deutsch singt. Samba tun das und sind das erste richtige Highlight des Tages. »Die Ekstase der Möwe« passt hierhin wie nichts Zweites. Die ersten tanzen.

Die Karlsruher Diego hören sich dagegen so stark an wie The Editors, dass man ihnen gerne hier und jetzt ein Stadion hinstellen würde, denn ihr Stadionrock wirkt etwas fehl im Seifenblasendunst der Burg. Dann aber der Knaller: Supershirt. Eine Gute-Laune-Band vorm Herrn. Im Deichkindstyle brüllen sie ihre Parolen über Beats und BummBumm. »Wir hatten  etwas Angst auf ein Indie-Festival zu fahren, weil wir ja keine richtige Band sind, nicht mal ein Schlagzeug haben.« Macht nichts, alles wird gut, die Leute lassen sich auch für ihre von der Band  selbst so genannte »Hirnverbranntheit« begeistern, schmeißen Konfetti und singen immer wieder: »8000 Mark!«

Top 3 der Soundchecks

Weil es nur eine Bühne gab, war der Zuschauer gezwungen, sich in jeder Pause einen neuen Soundcheck beim Bierholen anzuhören. Aber dankenswerterweise ließen sich die meisten Künstler was einfallen.

1. Sir Simon Battle sang alleine »Eternal flame« und sorgte damit für den Ohrwurm des Tages. Do you feel my heart beating?

2. Samba rezitierten Zungenbrecher wie Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo…oder so ähnlich.

3. Diego trugen ein schwitzerdeutsches Gedichten vor und grüßten mit »Hallo Hall, hallo Hall, hallo Hall«

Aber Schluss damit, Schluss mit guter Laune. »Let me introduce you to something that made my day: Suicide, suicide!“ singt, ja jault Andreas Spechtl von der österreichischen Band Ja, Panik ins Mikrofon. Voller Wut, die jetzt hier doch ihre Chance, ihre Berechtigung bekommt. »Pseudo-intellektuelle Kotkapelle« betitelt das Programmheft die fünf Wahlberliner, was toll klingt, tatsächlich ein bisschen zu der Punk-Indie-Avantgarde-Band mit den durchdachten deutsch-englischen Protest- und Erzähl-Songs passt. Doch auch Verehrung wird in dem kleinen Heftchen kundgetan, die weitaus angebrachter scheint. Tanzen zu Trouble war nie schöner. Und als dann auch noch jedes Bandmitgleid eine eigene Strophe von »Nevermind« singt und dabei nahezu perfekt Spechtls österreichische Aussprache von »Fürchterlich« nachmacht, wird aus der Verehrung Liebe. »Suicide is love.«

Und das war’s. Telekaster kann mit seiner schönen beruhigenden, aber müde machenden Electro-Musik nach solchem Auftritt nichts mehr reißen, selbst die Indie-Dorf-Disco macht einem heute irgendwie Sorgen. Auf dem Zeltplatz werden Gummibärchen verschenkt, der Wodka aber geklaut. Vor einem Auto tanzen ein paar Typen zu Oldie-All-Time-Favoriten des Berliner Rundfunks. Gute Nacht, heile Welt.

http://www.jenseitsvonmillionen.de

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