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Tanzen, springen, schreien

Das Sommer-Festival-Tagebuch, Teil 7: Highfield-Festival

The National im Abendsonnenschein Fotos: PR/ Malte Schmidt Größeres Bild

Schnaps unter den Wolken, Skunk Anansie auf den Schultern und Werbung allerorten: Das Highfield-Festival am Störmthaler See brachte den großen Rock vor die Tore Leipzigs. Mit allem, was dazu gehört.

Manche Dinge ändern sich nie. Auf dem Highfield schien die Zeit stehen geblieben. Denn das Line-Up hätte so ähnlich auch vor zehn Jahren stattfinden können. Foo Fighters, Deftones, Skunk Anansie, Seeed, Turbostaat, Hot Water Music, Dendemann, um nur einige zu nennen. Auch der Festivalbesucher an sich schien sich wenig zu ändern, wie Highfield-T-Shirts aus 14 Jahren auf den Körpern zeigten.

Aber früher war eh alles besser. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Damals wie heute. Jung, unverbraucht und unverblümt sorgte dafür gleich am Anfang die  norwegische Band Kakkmaddafakka mit Backgroundtänzern, die sich gerne und gekonnt in den Vordergrund tanzten, und einer Palette Mitsinghits für gute Laune, bevor Blood Red Shoes zeigten, dass man auch zu zweit ganz im Sinne der White Stripes eine Masse zum Ausflippen bringen kann.

Ganz neu und doch altbekannt: Tomte-Sänger Thees Uhlmann stellte sein Solo-Album vor, das so anders als Tomte auch nicht klingt, was allein daran liegt, dass Tomte hauptsächlich nach Thees Ulhmann klingt. Der frühere König der lustigen Ansagen hielt sich beim Highfield aber bedeckt, widmete den Auftritt den beim belgischen Pukkelpop-Festival Verunglückten und beließ es bei den typischen Rock-Gesten. Bekommt aber hiermit den Titel des besten Titels verliehen: »Zum Sterben und Laichen ziehen die Lachse den Fluss hinauf«.

Der Titel »beeindruckendste Band« geht an die norwegische Gypsy-Punk-Folk-Mädchen-Gruppe »Katzenjammer«, die mit Instrumenten aufwartete, von denen einem nicht mal die Namen einfallen wollten. Mit Bass-Balalaika, Ukulele, Mandoline, Banjo, und mit herkömmlichen Gitarren, Trompete, Schlagzeug und kurzen Röcken legten sie los und sich kräftig ins Zeug. Tanzten, sprangen, schrien. Und alle tanzten, sprangen, schrien mit. Eine Stimmung wie auf dem Jahrmarkt mit einer Flasche Whiskey in der Hand, oder Arm in Arm mit den Stammgästen eines Irish Pubs.

Seeed

Headliner des ersten Abends: Seeed. Und die Bühne war ihr Gebiet. In feinsten Zwirn gekleidet tanzten und trompeten sie ihre Hits. Schüttel deinen Speck! Und die Leute schüttelten, was sie hatten. Neben den ganz smooth dar gebrachten Tanzstücken der Berliner mit grandios eingebauten Samples von The Cure oder M.I.A.s »Paper Planes« präsentierte Peter Fox, gefeierter Solo-Held der Band, auch einige seiner eigenen Hits. Denn schließlich ist nicht alles alt, was rockt. Alles glänzt so schön neu.

Fast neu, doch eher staubig glänzt der Ort des Rockfestivals. Zum zweiten Mal fand es nicht in Thüringen, sondern am Störmthaler See statt. 25.000 Besucher kamen dieses Jahr, um mitzufeiern. Es sollen in den nächsten Jahren noch einige mehr werden, denn die Veranstalter verkündeten, das Gelände noch ausbauen zu wollen. Das bereitete dem Festivalbesucher allerdings Sorgen. Viel zu knapp berechnet sei schon dieses Jahr der Zeltplatz gewesen, so die in vielen Foren geäußerte Kritik. Auch lange Schlangen und die überfüllten Dixie-Klos machten ihm zu schaffen.

Nichtsdestotrotz gute Stimmung am sonnigen Sonnabend. Hiphopper Dendeman wunderte sich über die pinken Regenjacken, die mehrmals auf die Bühne flogen. »Die braucht wohl niemand?«

Der The National-Sänger wunderte sich dagegen über die Jägermeister-Bar, die an einem Kran in die Höhe gezogen wurde, damit die darauf Schnaps trinkenden Menschen sich das Ganze mal von oben angucken konnten. »Ja, ihr habt da natürlich viel mehr Spaß als wir hier unten«, grüßte er ironisch nach oben, um dann im letzten Abendsonnenschein mit tiefer, dunkler Stimme Lieder wie »Fake Empire« oder »Afraid of everyone« so eindringlich vorzutragen, dass einem jeder Schnaps egal wurde und Himmelshöhen direkt auf der Bühne greifbar schienen.

Skunk Anansie-Sängerin Skin

Nachdem Interpol cool, aber live leider langweilig, vor allem ihre früheren (natürlich!) Lieder gespielt hatten, packten Skunk Anansie neben ihren neuen noch viel ältere Songs aus. Doch Sängerin Skin sprang jung und frisch über die Bühne, als wären seit »Hedonism« nicht etwa 15 Jahre ins Land gezogen, sondern eine Woche. In schwarzem eng anliegendem Ganzkörperanzug mit Glitzer ließ sie sich von den Zuschauern tragen, stellte sich gar auf sie rauf, um von irgendwelchen Schultern stehend zu singen, brachte alle dazu, sich hinzusetzen, um dann wieder gemeinsam aufzuspringen und sang und schrie währenddessen in ihr Mikrofon, als wäre sie im Studio. Als sie gerade mal leise war, drangen von der Hauptbühne schon die ersten Töne von 30 Seconds to Mars hinüber. Skin sorgte kurz für Ruhe, um sich das anzuhören. Doch es wurde schnell klar, dass 30 Seconds an sie nicht rankommen würden.

(Was sie in der Tat nicht taten. Erwähnt seien hier nur Jared Letos – ja, genau, der Typ aus der 90er-Jahre-Teenie-Serie »Willkommen im Leben« – schlechte Ansagen, die immer wieder den selben Gag brachten: Kennt hier jemand den Song Hurricane? Kennt jemand das Album? Kennt jemand den Song …? Klar, den kannten alle, die vor der Bühne standen und jubelten wie verrückt. Immer wieder. Verrückt.)

Noch cooler reagierte Brendon Urie, Sänger der amerikanischen Band Panic at the disco, als von der Nachbar-Bühne Jimmy Eat Worlds Gesang herüber schalllte: Er sang einfach deren Song mit. Und sagte, er sei auch nicht beleidigt, wenn jetzt alle rüber gehen. Wer nicht ging, konnte dagegen sehen wie sich der junge Mann in den sehr engen Jeans vollends verausgabte und erklärte, nach der Show würde er sich betrinken, wir sollten nach ihm Ausschau halten.

Betrunken und gerne auch grölend zeige sich auch das Publikum bei Bands wie Rise Against, Dropkick Murphys und den Foo Fighters, die mit ihrem zweistündigen Auftritt das Festival beendeten. Anstrengender als besoffene Rocker mutete dagegen die allgegenwärtige Werbung für Bier, Schnaps und Telefonanbieter an, der tatsächlich in den Konzertpausen auf der Bühnenleinwand lautstarke Werbespots zeigte. Das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben, möchte man meckern. Aber da war ja eh alles besser und man muss die Feste feiern… . Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Das nächste Highfield kommt vom 17. bis 19. August zum Störmthaler See.

http://www.highfield.de

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Ein Kommentar

  1. marie | 23. August 2011 | um 12:26 Uhr

    skin hat nich einfach nur alle dazu gebracht sich hinzusetzen, sie ist dabei ins publikum rein und hat von dort aus das kommando zum aufspringen und mitpogen gegeben…und dabei noch weiter gesungen.