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»Ich habe meine Mutti angerufen«

Die Wahlleipziger Band Talking To Turtles über Musikmachen in Seattle, den Druck des Älterwerdens und die Aufregung vor ausverkauften Konzerten

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Alles nicht so einfach. Auch nicht das Älterwerden. Gerade die Endzwanziger sind ein komische Zeit: das Ende der Jugend, der Anfang des Erwachsenendaseins. Finden auch Florian Sievers und Claudia Göhler. Das Pop-Duo, besser bekannt als Talking To Turtles, hat aber nicht wie andere 27-jährige Musiker den Freitod gewählt, sondern mit »Oh, The Good Life« ein Album übers Erwachsenwerden veröffentlicht.

kreuzer: Das zweite Album gilt allgemein als das Schwierigste, da das Debüt bei den Hörern und Künstlern meist eine Erwartungshaltung hinterlässt. War euer zweites Album auch »verflixt«?

CLAUDIA GÖHLER: Ich hatte nie im Kopf, dass das zweite Album »verflixt« sein könnte.

FLORIAN SIEVERS: Das einzig Verflixte daran war, dass es anders als bei der ersten Platte diesmal einen Zeitplan gab. Wir wussten, wann wir aufnahmen, wann der Release war. Beim ersten Album haben wir in aller Ruhe aufgenommen und es dann einfach dem Label (Devilduck Records) geschickt und gefragt, ob sie das machen. Zwischendurch hatten wir echt Muffensausen, das wir nur mit halbfertigen Songs ins Studio gehen, weil die Zeit so knapp war. Aber letztlich hat die Deadline uns gut getan. So waren wir konzentrierter.

kreuzer: Hattet ihr den Anspruch, euch mit dem zweiten Album weiter zu entwickeln?

GÖHLER: Wir hatten eine gewisse Vorstellung, wie es klingen soll. Aber wir haben uns nicht vorgenommen, etwas vollkommen anderes zu machen.

SIEVERS: Das Einzige, was wir uns vorgenommen hatten, war einen Bandsound aufzunehmen. Sprich Bass, Schlagzeug und so weiter zu integrieren. Ich denke die Idee kam durch die vielen Live-Auftritte, die wir zu viert gespielt haben, mit Stefan Streck (Bass Gitarre, PC) und Charlie Paschen (Schlagzeug, Keyboard). Die Demos für »Oh, The Good Life« haben wir dann zwar zu zweit vorproduziert, aber eben etwas freier in der Instrumentenwahl.

kreuzer: »Oh, The Good Life« besticht durch diese neue Bandbreite. Also mehr Band weniger Singer/Songwriter…

SIEVERS: Stimmt, obwohl wir zwischendurch skeptisch waren, ob nicht das Fragile, das Intime des ersten Albums irgendwie verloren geht.

kreuzer: Trotz der Band als Backup ist die neue Platte eine ausgewachsene Duo-Platte. Gerade im Songwriting hört man euch beide extrem heraus. Wie erklärt ihr euch das?

GÖHLER: Alle zehn Songs der ersten Platte waren eigentlich aus Floris Feder. TTT war ja auch sein Projekt. Ich kam erst später hinzu. Beim zweiten Album war ich nun von Anfang an mit dabei, auch bei den Aufnahmen.

SIEVERS: Die Songs sind dieses mal komplett zu zweit entstanden. Tatsächlich mussten wir auch erst mal lernen, uns gegenseitig Bälle zu zu werfen. Aber das lief gut.

kreuzer: Insgesamt betrachtet klingt euer Album wie ein Coming-of-Age-Album und sehr erwachsen, was Sound und Songwriting angeht.

SIEVERS: Als wir das letztens in einer Rezension gelesen hatten, dachten wir auch daran. Und wenn man es so rekapituliert, dann stimmt das schon.

GÖHLER: Ich finde auch, dass das gut passt.

kreuzer: Der Albumtitel »Oh, The Good Life« und die Texte lassen an ein Konzeptalbum denken. War das das Ziel?

GÖHLER: Ein Konzeptalbum hatten wir nicht im Sinn. Der Titel stand erst sehr spät fest. Er sollte zusammenfassen, was das Leben und diese Lieder ausmacht. So kam es dann zu dem, wie wir finden, sehr zwei, -drei, -vierdeutigen Titel.

SIEVERS: Gerade das »Oh« macht den Titel interessant. Es geht wirklich in fast jeden Song um Rekapitulieren oder Vorausschauen. So gesehen könnte es ein versehentliches Konzeptalbum sein.

kreuzer: In »Grizzly Hugging« heißt es: »Be a couple, multiply somehow and raise successful kids«. Soll das Leben so aussehen?

SIEVERS: Das spielt auf die Erwartungen, die man einerseits an sich selbst hat und die, die an einen herangetragen werden. Man spürt den Druck von beiden Seiten diese Erwartungen zu erfüllen. Schließlich merkt man aber, dass es auch langsam Zeit wird und man es auch selber will.

kreuzer: Im selben Song heißt es auch: »Go overseas, make a record please and come back with hits«. Habt ihr die Erwartungshaltung auch in Bezug auf das Album gespürt?

SIEVERS: Ganz ernst ist das nicht gemeint. Wir wollten die Sache mit einem Augenzwinkern angehen. Auf der anderen Seite spielt das mit den Erwartungen an uns selbst. Schließlich bedeutet eine Aufnahme in Seattle eine große Chance für uns, die wir natürlich nicht versauen wollten. Deshalb bringen wir im gleichen Song auch die Dankbarkeit für diese und viele andere Chancen zum Ausdruck.

kreuzer: Vom Berliner WG-Zimmer zum amerikanischen Großraum-Studio. Wie hat der Kontrast der Aufnahmeorte sich auf das Album ausgewirkt?

SIEVERS: Zum Einen hatten wir große Ehrfurcht. Es ist irgendwie schwierig zu beschreiben. In den USA hat Musik scheinbar einen ganz anderen Stellenwert. Deshalb haben wir uns auch sicher gefühlt. Alle dort im Studio gaben uns das Gefühl, dass das gut ist, was wir machen. Da gab es gar keine Zweifel oder das Motto: »Wir machen das jetzt mal so gut wir können und gucken, ob das einer hören wird.« Musik wird dort sehr ernst geworden. Die Leute in dem Studio waren sehr bescheiden, auch wenn dort schon sehr große Bands aufgenommen haben. Und die ganze Atmosphäre hat uns beflügelt.

kreuzer: Also eher die Personen als das Studio haben die Platte beeinflusst?

SIEVERS: Ja, von der Atmosphäre während der Aufnahmen schon. Dank der Leute vor Ort ist der Sound super geworden. Ganz zu schweigen von den vielen Musiker aus Seattle, die uns ausgeholfen haben.

kreuzer: Am 7. September beginnt eure Tour zur neuen Platte in eurer jetzigen Wahlheimat Leipzig. Im Februar habt vor ausverkauftem Haus ein bejubeltes Konzert in der Nato gegeben. Was erwartet ihr vom Tour-Auftakt?

GÖHLER: Oh ja, das Konzert in der Nato. Das hat uns umgehauen. Ich war vorher so aufgeregt, ich hab meine Mutti angerufen, um mich zu beruhigen.

SIEVERS: Echt? Das wusste ich gar nicht!

GÖHLER: Ein ausverkauftes Konzert ist nichts, womit wir rechnen.

SIEVERS: Es ist das erste Konzert der Tour und wenn es so wird, wie das letzte Mal, das wäre ein Traum.

Talking To Turtles live: 7.9., 21 Uhr, naTo

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