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Gagarin im Kinderbett

Im Figurentheaterstück »Der kleine Häwelmann« ist selbst die Schwerelosigkeit kein Problem

Frank Schletter, Foto: TdJW Größeres Bild

»Bahn frei, Kartoffelbrei«: Hals über Kopf stürzt sich der kleine Häwelmann in seine waghalsige Himmelsfahrt. Die gestaltet sich im Theater der Jungen Welt als wild-poetischer Achterbahntrip. Mit der Premiere des Figurentheaterstücks eröffnete das Theater seine feine Reihe »Abenteuer für Kinder« und die ganze Spielzeit.

Er ist blonder als Juri Gagarin und deutlich kleiner. Seine Wostok ist ein Rollenbett, sein Antrieb ein Segel. Als Gagarin den Ritt ins All antrat, schaute die ganze Welt auf ihn. Der Ausflug des kleinen Häwelmann bleibt weitgehend unbemerkt. Dabei kann sich der Schneid, den die kleine Nervensäge nächtens an den Tag legt, durchaus mit dem SU-Kosmonauten messen. Er kann einfach nicht einschlafen, der Häwelmann. Denn in seiner Langeweile weiß er: Draußen vor der Tür lauert das große Abenteuer. Warum soll er da noch durch die Stube rollen, wenn die weite Welt auf ihn wartet? »Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären«, scheint der kleine Glücksritter vor sich hinzupfeifen, als er aufbricht. Alsbald wird ihm der Mond zum Freund und Begleiter, er trifft einen krähenden Wetterhahn und eine wechselfarbene Katze, wird von spritzenden Walen und wütenden Sonnen heimgesucht. Doch er besteht alle Proben, bis er in die Arme seiner Mutter zurückfindet.

Federleicht zieht das Figurenstück für die ganz Kleinen – ab vier Jahren – über die Bühne. Theodor Storms Kinderbuch findet sich hier in einer ansprechend-verständlichen Form wieder, ohne dass der Text modernisiert oder anbiedernd verpackt werden musste. Was eine illuminierende Katze ist, kann man eben auch einfach veranschaulichen: In einem gelungenen Medienmix erzählt Puppenspieler Dirk Baum von dieser Himmelsfahrt. Der kleine Häwelmann tritt dabei als Stabmarionette auf, sein Bett saust auf einem speziellen Metallgestell wie auf Achterbahnschienen durch Welt und Raum. Alle anderen Figuren werden wie Sonne, Mond und Sterne lichtgemalt und finden sich als im einfachen Cartoonstil gehaltene Projektionen auf der Bühne wieder. Baums wohldosierte Rhetorik und seine Kunstfertigkeit der Figurenführung – selbst die Schwerelosigkeit ist für ihn kein Problem – erschaffen ein wunderschönes Stück Figurentheater. Und wer hier noch nicht genug Lob herauszulesen vermag: »Der kleine Häwelmann« ist ganz großes Kino, Chapeau.

> 12.-14., 28./29.9., 10 Uhr, Theater der Jungen Welt, http://www.tdjw.de

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