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Mein Feind, der Ball

Volle Kraft voraus: Mit dem Kickerstück »Aus der Traum!« setzt sich das TdJW komplett in Bewegung

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»Malte Kreuzfeld«, »MALTE KREUZFELD«, »MAAAALTEE KREEEUUUZFEEELD« – Der Saal im Theater der Jungen Welt tobt. Alle wollen den Kicker-Star und Nationalelfspieler Kreuzfeld auf dem Platz sehen. Nach Unterdöbeln ist er zurückgekehrt, um ein Freundschaftsspiel zu bestreiten. Im Gepäck hat er nicht nur Talentscouts und Journalisten, Groupies und einen Beckenbauer-Verschnitt, sondern auch einen Sack voller Probleme: Malte Kreuzfeld leidet am Burnout-Syndrom – der Ball ist sein Feind geworden.

Die Inszenierung gelingt vor allem durch ihren schnellen Rhythmus und die Schauspielenden, die den zwischenzeitlich schwächelnden Text durch pointiertes Agieren ausgleichen. Nicht zuletzt das opulente Bühnenbild besticht – ein halbes Stadion haben die Kulissenbauer aufgestellt. Kunstrasen und Tribüne sind zu sehen und selbst die projizierte Bandenwerbung perlt: Einmal wird das Publikum sogar ansichtig, wie sich das ganze Halbrund mit Bier füllt. Unter anhaltendem Applaus betritt Regisseur Jürgen Zielinski nach der Inszenierung die Bühne. Er trägt ein BVB-Shirt, das eine Benefizaktion für die Katastrophenopfer in Japan dokumentiert. Vergangene Woche erst war er in Dortmund und sah ein Spiel seines Lieblingsvereins. Ihn begleiteten 19 Patienten des Herzzentrums Leipzig, mit dem die Kooperation aus der vergangenen Spielzeit weiterlaufen wird.

Um den guten Zweck respektive das gute Leben geht es auch im Stück »Aus der Traum!«. Wie schnell Karriereträume platzen können, ließ sich ebenso studieren wie die Phrasen funktionieren, mit denen sich Menschen meinen motivieren zu können. Irgendwie ist alles auch »ne Schanze«: »Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere«, »Tore, die man nicht schießt, die bekommt man« und klar: »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.« So richtig glücklich will man ob solcher Weisheiten nicht werden.

Fußball ist eben doch nicht jedermanns Leben, auch wenn es die Inszenierung schafft, die inhaltliche Spielzone auszuweiten und den Sinn des individuellen Lebens allgemein anzusprechen. Zum Glück nimmt das Team um Intendant Zielinski das Spielzeitmotto »Bewegungen« nicht zu eng und zielt über das Sportliche hinaus. So wird eine TdJW-Adaption von »Tod eines Handlungsreisenden« den schönen Schein am Beispiel eines fliegenden Händlers entblättern. Im Puppenspiel »Die schöne Wassilissa« hüpft Baba Jagas Hexenhaus hühnerbeinig durch den russischen Wald. Mit einer theatalen Geocaching-Schatzsuche wird auf Lindenaus Straßen jeder Stein umgedreht und vom bewegten Himmel erfahren die Zuschauer im Planetarium Schkeuditz: Mythos trifft auf Astronomie. Ob Mailand oder Madrid: Im TdJW wird auch auf den Geschmack kommen, wer Winston Churchill restlos zustimmen kann: »No Sports«.

http://www.tdjw.de

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