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Markkleeberg am Mittelmeer

Das israelische Herzliya ist neue Partnerstadt von Leipzig – eine Stadt, die im Schatten Tel Avivs steht

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»Will man von einer Stadt sprechen, so kann man ihr Sätze anprobieren«, schlägt Katharina Hacker in ihrer Stadterzählung »Tel Aviv« vor. »Es gibt zappelige Städte, die immer schon woanders zu sein scheinen, während man doch den Satz noch gar nicht beendet hat. Vielleicht auch Städte, die immer größer werden, während man spricht … Ebenso indignierte Städte, denen man es nicht recht machen kann.« Mit welchem Satz also sollte man beginnen, will man von Herzliya, Leipzigs 14. Partnerstadt, sprechen?

Versuchen wir es mit Etiketten, Leipzig liebt ja auch seine Labels von Bach- bis Wasserstadt. Küstenstadt: Ja, Herzliya liegt zweifellos am Mittelmeer. Junge Stadt: Nach dem zionistischen Visionär Theodor Herzl benannt, wurde der Ort 1924 von sieben Menschen gegründet. Von den 97.000 Einwohnern sind 14.000 Studierende. Familienstadt: Herzliya steht in der Liste der Orte mit Lebensqualität weit oben. Medienstadt: Mit den Herzliya Studios residiert hier das größte TV- und Filmstudio Israels. Boom-Stadt: Die Bevölkerung wächst und mit IT- und Bio-Technologie-Unternehmen ist Herzliya eine der wirtschaftlich prosperierendsten Städte des Landes. Der Seehafen ist bei Touristen beliebt, welche die vielen Hotels der Stadt zur Auslastung bringen. Unzählige Bauhaus-Blocks stehen hier herum wie ganz selbstverständlich. Was in Deutschland, allein aufgrund ihrer geringen Zahl, unter Denkmalschutz museal bewahrt wird, ist in Herzliya Dutzendware, wird bewohnt, belebt und kommt auch schon mal etwas schäbig rüber. Ja, es gibt auch verlebte Quartiere in der Stadt, aber auf den ersten, zweiten und sogar dritten Blick gibt sich Herzliya adrett zurechtgemacht, hübsch bieder, provinziell und piefig – reich, aber unsexy.

So modern und an manchen Ecken sogar mondän Herzliya auch ist, es wird immer im Schatten Tel Avivs bleiben, liegt es doch nur 15 km nördlich der legendären Levanten-Metropole. Ans quirlige Leben der weißen Stadt, ihre Offenheit und Toleranz, den Hedonismus, die Gelassenheit und Daseinsfreude kommt Herzliya nicht heran. Ohne Leipzig zum Maßstab machen zu wollen: Herzliya verhält sich zu Tel Aviv wie Markkleeberg zu Leipzig.

Für eine Stadt, die nicht einmal 100.000 Einwohner hat, besitzt Herzliya allerdings ein vielfältiges Kulturleben – von einer freien Szene einmal abgesehen. Es beheimatet ein Museum für moderne Kunst, Kinos, eine Art-House-Cinémathèque und das Herzliya Theater. Hier gastierte im Oktober 2011 das Theater der Jungen Welt mit dem Stück »Kinder des Holocaust« und knüpfte in lebhaften Diskussionen Kontakt zu den Menschen. In diesem Rahmen erklärte Leipzigs Bürgermeister Thomas Fabian, die Stadt Leipzig müsse sich ihrer Verantwortung im Nationalsozialismus stellen – sie trage eine Schuld. Und er verkündete die zukünftige feste Partnerschaft damals bereits offiziell. Dass die bereits seit 2007 bestehenden Beziehungen zwischen Herzliya und Leipzig nun ausgebaut werden, bietet die Chance für einen intensiven Austausch. Und wenn man dann schon mal auf Besuch in Herzliya ist, kann man ja auch mal in Tel Aviv vorbeischnuppern.

Das Theater der Jungen Welt zu Besuch in Herzliya:
http://kreuzer-leipzig.de/2010/10/20/so-koennt-ihr-nicht-nach-israel-fahren/

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