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»Wir klemmen im Hamsterrad fest«

Das lange Interview zur Kurzfassung im Heft - Schorsch Kamerun über Gesellschaftsmelancholie, Poptheater und Punk

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Der Sänger der Punkband Die Goldenen Zitronen und Mitbetreiber des Hamburger Golden Pudel Club hat sich in den letzten Jahren einen Namen als Theaterautor und -regisseur gemacht. An diesem Wochenende startet sein Theaterabend »Das Ende der Selbstverwirklichung« in der Skala, für den Kamerun Interviews zum Thema Selbstverwirklichung mit 40 Leipzigern geführt hat.

kreuzer: Sie kündigen Ihren Theaterabend »Das Ende der Selbstverwirklichung« als »Selbstüberbietungsparcours« und »begehbare Konzertinstallation« an. Was haben wir zu erwarten?

SCHORSCH KAMERUN: In erster Linie ist der Abend ein Konzert in einer surrealen Umgebung. Ich werde darin als Sänger mit einer kleinen Band auftreten. Der Zuschauer hat die Möglichkeit, ungelenkt durchs Haus zu gehen, während die Inhalte über die Songs geliefert werden. Für die Liedtexte habe ich etliche Interviews zum Thema Selbstverwirklichung mit 40 Leipzigern geführt.

kreuzer: Das heißt, die Leute sind zur Performance nicht dabei?

KAMERUN: Doch. Sie sind die eigentlichen Protagonisten. Quer durchs Theater verteilt, probieren sie in einem Eigenversuch eine fiktive, verloren geglaubte Utopie der Selbstverwirklichung aus. Ich glaube, dass wir in unserem Überforderungsmodus heute in einer möglichkeitsüberfrachteten Depressionsstarre gefangen sind. Deshalb suchen wir in unserem Stück spielerisch nach Zukunftsräumen. Katja Eichbaum hat dafür ein Bühnensystem frei durchs Haus entwickelt.

kreuzer: Das schließt im Grunde ein bisschen an »Speeddating« an, mit dem die Skala eröffnet wurde und mit dem sich die Schauspieler in Eins-zu-eins-Situationen dem Publikum vorgestellt haben.

KAMERUN: Nur sind es bei mir keine Schauspieler. Es wird kein Theater gespielt. Es geht darum, einen Zustand zu suchen, zu finden, vielleicht zu halten. »Richtiges« Theaterspiel mit Laien scheint mir auch ein wenig überstrapaziert, gerade wegen der angeblich erreichten Authentizität. Das ist, finde ich, schon ein Widerspruch in sich. Mir geht es um Zustandsbeschreibungen, die Nichtschauspieler genauso herstellen können. Schauspieler sind wunderbar in Rollen, nur die habe ich hier eben nicht zu vergeben.

kreuzer: Sie sind Musiker und Clubbesitzer. Was interessiert Sie am Theater?

KAMERUN: KAMERUN: Im Grunde ist Musik wie Theater, nur mit Band. Man arbeitet in einer Gruppe und versucht, seine Themen durchzusetzen. Theater ist dabei natürlich sehr luxuriös. Man hat viel Zeit, nutzt diesen geschützten Stadtraum und entzieht sich automatisch dem Gebot schnellster Ökonomisierung. Ich versuche, Musiktheater ohne Knalleffekt zu machen. Ich interessiere mich für diese verstörte Gesellschaftsmelancholie, für dieses Bild vom überhitzten Hamsterrad, in dem wir festklemmen.

kreuzer: Ihre Freunde von Studio Braun machen in Hamburg Theater, Rainald Grebe in Leipzig und Berlin. Sie selbst haben schon in vielen Städten inszeniert. Fühlen Sie sich als Teil eines Trends, den die Theater zur Vermarktung nutzen, indem sie bekannte Figuren aus der Popkultur wie Sie einkaufen?

KAMERUN: Ich mache seit Ende der neunziger Jahre Theater und finde, dass die Zeit dieser Stücke mit Pop-Zitaten vorbei ist. Vielleicht funktioniert das für die Spielstätten – das weiß ich nicht. Aber ich mache Sachen, die spröde genug sind, um nicht irgendeinem Trend hinterherzulaufen.

kreuzer: Laufen Ihre anderen Aktivitäten alle parallel oder gibt es Verknüpfungen zwischen ihnen?

KAMERUN: Die Themen sind sicherlich übergreifend, aber natürlich ist das Ganze auch eine Art permanente Selbstüberforderung. Es ist sicher nicht gut, dieses andauernde Super-Subjektivieren in ständigen Eigenentgrenzungen. Aber die meisten der Themen, die mich interessieren, sind anwendbar auf alle Genres. Auch in unserem Pudel-Club in Hamburg geht es nicht darum, einen Ort zu schaffen, in den Leute nur kommen, um abzufeiern. Zu saufen gibts natürlich trotzdem ordentlich.

kreuzer: Bekannt geworden sind Sie als Sänger der Goldenen Zitronen, einer der prägenden deutschsprachigen Punkbands. Ist das, was Sie heute machen, immer noch Punk?

KAMERUN: Rein ästhetisch – schneller Rock’n’Roll und zerrissene Klamotten – ist das schon seit 30 Jahren vorbei. Nichts ist heute spießiger als eine »echte« Punkband, vor allem wenn sie in großen Stadien spielt. In der Mode spielt dieser ehemalige Anti-Look vielleicht noch eine verwertbare Rolle, mehr aber auch nicht. Als Haltung allerdings ist Punk weiterhin sehr brauchbar. Der Satz »Diese spätkapitalistische Welt hat keine Zukunft« stimmt als Aussage immer noch. Man muss nur weiter unbeeindruckt an die Dinge rangehen. Klare Antwort auf die Frage: ein deutliches Jein.

»Das Ende der Selbstverwirklichung«, 7./8., 14./15./16.10., 20 Uhr, Skala

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