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Neues Selbstbewusstsein

Trotz Krise verzeichnet die IG Metall in Leipzig einen kräftigen Mitgliederzuwachs. Ein Vorbote des Fachkräftemangels?

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Bernd Kruppa hat gute Laune. Er ist Bevollmächtigter der IG Metall und kann sich über eine spektakuläre Zahl freuen. 1.175 Menschen sind im ersten Quartal dieses Jahres allein in Leipzig in seine Gewerkschaft eingetreten – bei insgesamt etwa 13.000 Mitgliedern. In der Zahl sieht Kruppa ein gestiegenes Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer. Dazu trägt seiner Ansicht nach auch ein Generationswechsel in den Betrieben und ein sich auch in der Metallindustrie abzeichnender Fachkräftemangel bei.

Denn trotz aller Rede von der Autostadt Leipzig sind die Bedingungen der Arbeitnehmer hier alles andere als rosig. Denn nur die wenigsten von denen, die auf den Werksgeländen der Automobilbauer arbeiten, gehören zur Stammbelegschaft. So arbeiten heute bei BMW 2.600 Werkskräfte Hand in Hand mit 1.400 Leiharbeitern. Ganze Produktionsstrecken, wie die Fertigung von Achsen und Autositzen sowie die Logistik, sind an externe Dienstleister ausgelagert, die ihrerseits wieder zu einem Drittel Leiharbeiter beschäftigen. Bei Porsche sieht die Situation kaum anders aus. »Nach der Wende haben viele Firmen mit Hauptsitz im Westen das Unternehmensrisiko, was das Personal betrifft, auf ein Minimum beschränkt«, sagt Jens Köhler, Betriebsratsvorsitzender bei BMW. Arbeiten, die im Westen von der Stammbelegschaft erledigt werden, wurden im Osten outgesourct – für bis zu 30 Prozent weniger Jahresgehalt, wie Köhler schätzt.

Viele Jahre lang haben die Arbeitnehmer das aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage hingenommen. Doch seit einiger Zeit gründen sie Betriebsräte und setzen mit Hilfe der Gewerkschaften bessere Arbeitsbedingungen und Tarifverträge durch. So zum Beispiel beim Automobil-Logistiker Schnellecke, der mit BMW, vor allem aber mit Porsche zusammenarbeitet. Im Jahr 2008 ist dort ein neuer Betriebsrat gewählt worden, der deutliche Verbesserungen durchgesetzt hat: »Wir haben den besten Tarifvertrag, den es im Osten in der Automobil-Logistik gibt«, freut sich der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Ingo Hanemann. »Und wir suchen dringend qualifizierte Leute.« Der Lohn der Mitarbeiter, die nach der sogenannten Ecklohngruppe bezahlt werden, steigt ab Januar binnen anderthalb Jahren von 1.495 auf 1.774,50 Euro. Auch bei der Wisag und bei Faurecia, ebenfalls Dienstleister im Automobilbau, haben sich die Bedingungen für die Beschäftigten in den letzten Jahren verbessert.

Sind das schon die Auswirkungen des sich abzeichnenden Fachkräftemangels? BMW-Betriebsrat Köhler ist da vorsichtig: »Es wird zunehmend schwieriger, Leute zu finden, aber es sind immer noch genug Leute da, die Autos bauen können. Noch. Aber der Markt sondiert sich schon.« Ein Mangel an Fachkräften würde Gewerkschaften und Betriebsräte in die Lage versetzen, sehr viel energischer als bislang ihren Anteil am Gewinn einfordern zu können. Schließlich schreiben die Autobauer derzeit – man möchte es angesichts der Horrormeldungen zur Eurokrise kaum glauben – Rekordergebnisse.

Auch Schnellecke-Betriebsrat Hanemann hofft auf deutliche Verbesserungen für die Branche – und das auch aus ganz eigennützigen Gründen: »Es findet ein Preis- und Verdrängungskampf statt. Deshalb nützt uns unser Tarifvertrag nicht viel, wenn die anderen Automobil-Logistiker und Dienstleister nicht ähnliche Bedingungen bekommen. Sonst werden Firmen, die billigere Tarife haben, unsere Firma ganz einfach über kurz oder lang verdrängen.« Deswegen versucht er gemeinsam mit den Gewerkschaften, auch die Arbeitnehmer in anderen Betrieben davon zu überzeugen, sich zu organisieren und für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Lange Zeit war es um den Organisationsgrad in den Firmen eher schlecht bestellt – die Leipziger sind Gewerkschaftsmuffel. Wer in seinem Leben einmal eine Insolvenz mitgemacht habe oder von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen sei, der neige eher nicht dazu, Forderungen zu stellen, sagt Gewerkschaftsmann Kruppa. Auch hätten sich die Gewerkschaften um die Dienstleister und vor allem um die Leiharbeiter zu lange nicht wirklich gekümmert, fügt er selbstkritisch hinzu.

Doch die Zeiten ändern sich: Vor allem die jüngeren Arbeitnehmer würden den Wert ihrer Arbeit genau kennen und eine angemessene Vergütung fordern. Anfang des Jahres hat die IG Metall abseits der Automobilindustrie einen echten Coup gelandet. In der Leipziger Gießerei Halberg Guss trat auf einen Schlag fast die gesamte Belegschaft von 550 Mann in die Gewerkschaft ein und setzte prompt einen Tarifvertrag durch.

»Endlich eine komplette Belegschaft, die kapiert hat, warum man in einer Gewerkschaft sein muss«, jubelt BMW-Mann Köhler über den Erfolg der Kollegen. »Das sage ich meinen Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern immer wieder: Ihr Trittbrettfahrer verhindert, dass wir hier bessere Bedingungen rausholen können.« Doch dazu müssen nicht nur die Arbeitnehmer selbstbewusst und organisiert auftreten – auch die Exporte müssen stabil und die Auftragsbücher voll bleiben.

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