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Amouröse Beziehungen und das Geheimnis eines Sommers

Die Französischen Filmtage schauen weit über Frankreich hinaus

Tomboy Größeres Bild

In elf Premieren werfen die 17. Französischen Filmtage vom 16. bis zum 23. November einen Blick auf das aktuelle französischsprachige Kino. Eröffnet wurden die Franztage am Mittwoch Abend in den Passage Kinos mit dem rührenden Außenseiterdrama »Der Junge mit dem Fahrrad« von den Dardenne-Brüdern über einen Zwölfjährigen, der sich auf die verzweifelte Suche nach seinem Vater begibt. Daneben werfen sie einen Blick auf die Umstände des Massakers von Paris am 17. Oktober 1961 und entführen an Schauplätze rund ums Mittelmeers.

Die zehnjährige Laure zieht während der Sommerferien mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Jeanne in eine neue Umgebung. Zunächst beobachtet sie die anderen spielenden Kinder aus der Nachbarschaft. Doch dann lernt sie eines Tages Lisa, ein etwa gleichaltriges Mädchen, kennen. Lisa hält Laure aufgrund ihres knabenhaften Aussehens für einen Jungen und Laure lässt ihre neue Freundin in dem Glauben. Aus Laure wird Mikaël, und nachdem diese »Verwandlung« geglückt ist, fängt sie an, auch mit den anderen Kindern zu spielen. Mit Bravour und viel Phantasie meistert Laure ihre neue Geschlechterrolle: Als die Kinder zum Schwimmen verabredet sind, stellt sie aus Knete einen Penis her, um die ihre Badehose entsprechend auszustatten. Doch das Ende der Ferien naht und Laures erfundene Identität fängt an zu bröckeln. Regisseurin Céline Sciamma erzählt auf spannende wie humorvolle Weise die Geschichte der kleinen Laure und das Geheimnis eines Sommers. »Tomboy« lief bei der diesjährigen Berlinale in der Panorama-Sektion und ist eine von elf Leipzig-Premieren bei den diesjährigen Französischen Filmtagen. Daneben laufen »Und wenn wir alle zusammenziehen?«, ein warmherziger Ensemblefilm (mit großartigen Schauspielern wie Géraldine Chaplin, Jane Fonda und Pierre Richard) über fünf alternde Freunde, die eine Wohngemeinschaft eröffnen; »17 Mädchen«, der erzählt, warum 17 Gymnasiastinnen gleichzeitig schwanger werden wollen oder »Declaration of War«, die wunderbare Liebesgeschichte einer kleinen, glücklichen Familie, die vor eine harte Bewährungsprobe gestellt, dem Feind ihres Glückes den Krieg erklären. Eröffnet werden die Filmtage mit »Der Junge mit dem Fahrrad« von den Jean-Pierre und Luc Dardenne, der bei den Filmfestspielen in Cannes den großen Preis der Jury gewann.

Schwerpunkt Algerien

Die Schaubühne Lindenfels wirft andere Schlaglichter auf die französischsprachige Filmwelt und setzt einen thematischen Schwerpunkt: Vor 50 Jahren fand das Massaker von Paris statt. Bei einem friedlichen Protest gegen den Algerienkrieg am 17. Oktober 1961 kamen rund 200 Algerier ums Leben, als die Polizei brutal gegen die Menge vorging. Filmemacher wie Jean-Luc Godard, François Truffaut und Jacques Rivette marschierten mit in den Demonstrationen gegen die französische Besetzung Algeriens. Godards »Der kleine Soldat« wurde verboten. Die Schaubühne führt an Schauplätze diesseits und jenseits des Mittelmeers, nach Frankreich und in die Maghreb-Staaten. Ein Schwerpunkt ist Algerien. Rachid Bouchareb geht in »Tage des Ruhms« (2006) und »Outside the Law« (2010) zu den Ursprüngen der Auseinandersetzung zurück. Während des Zweiten Weltkriegs dienten viele Algerier in der französischen Armee für ein Land, das sie teilweise noch nie gesehen hatten. So etwa Said, Yassir, Abdelkader und Messaoud in »Tage des Ruhms«. 1943 treten sie in das 7. Algerische Schützenregiment der französischen Armee ein. In der Schlacht um Monte Cassino sollen die arabischen und afrikanischen Franzosen als Kanonenfutter eingesetzt werden, um Artilleriestellungen der deutschen Wehrmacht auszuschalten. Als der Regimentskommandeur Männer braucht, die in einer waghalsigen Mission als kleines Kommando ins Elsaß eindringen, melden sich die vier Berber freiwillig.

Die Schaubühne schaut darüber hinaus mit ihrer Filmauswahl auch auf die Spätfolgen der französischen Besetzung Algeriens: Das postkoloniale Erbe führt den Zuschauen nach Nord- und Zentralafrika und in Pariser Vororte. In »African Gangster« von Jean-Pascal Zadi gerät ein junger Afrikaner in den Sog des Pariser Verbrechens. Die Komödie »Inschallah – Ich zeig’s euch« (2003, R: Christian Philibert) verlässt Paris und spielt in einem kleinen Dorf des französischen Hinterlands. Ein junger Mann maghrebinischer versucht hier, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, wieder Fuß zu fassen.

Von amourösen Beziehungen über schwangere Mädchen, die Besetzung Algeriens und die Spätfolgen des Kolonialismus hinzu einer alternden Wohngemeinschaft und kleinen Jungenträumen – die Französischen Filmtage zeigen aktuelle Produktionen des französischen Kinos und blicken zurück in die Geschichte.

Wie jedes Jahr findet parallel zu den Franztagen das Jugendfilmfestival Cinéfête statt – und auch DOK Leipzig präsentiert in einem Frankreich-Schwerpunkt zwei Animationsfilme von Nicolas Philibert. Das Programm finden Sie unter: www.franzoesische-filmtage.de und hier auf unserer Seite.

16.-23.11. Passage-Kinos, Schaubühne Lindenfels, Institut Français

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